SeelsorgeFür die Seele sorgen

Wir sind es gewohnt, den Menschen in Leib, Seele und Geist aufzuteilen und jedes dieser Teile gesondert zu betrachten. Der Leib wurde anatomisch analysiert und auf seine physiologischen Funktionen hin untersucht.

Die psychischen Vorgänge im Menschen wurden der Seele zugeschrieben und Emotionen wie Freude oder Trauer als ihre Ausdrucksweisen benannt. Der Geist ist der Ort des Denkens, der Fähigkeit zu abstrahieren und einen Willen zu bilden. Auch die Transzendenz zu einem höheren Wesen, die Gottesbeziehung, wurden hier lokalisiert.

Entsprechend dieser Aufteilung wurden Professionen zur gezielten Beschäftigung mit den einzelnen Bestandteilen geschaffen.

Etwas vereinfacht gesagtes Vorurteil: Der Arzt ist für den Leib zuständig, der Psychotherapeut für die Seele und der Pfarrer für das "Geistliche".

"Aufteilung des Menschen" und biblische Überlieferung

Die biblische Überlieferung bestätigt diese Aufteilung des Menschen nicht, sondern verfolgt einen ganzheitlicheren Ansatz. Die hebräische Bibel sagt nicht, der Mensch bestehe aus einer Seele oder er habe eine Seele. Sie sagt, der Mensch ist eine Seele [hebr. näfäsch], genauso wie er auch Leib ist. Er ist ein beseelter Leib, eine Leib-Seele-Einheit und als Ganzer von Gott geschaffen (1.Mose 1+2).

Deshalb lässt sich der Leib nicht von der Seele trennen, nur gedanklich beschäftigen wir uns das eine Mal mehr mit dem einen und das andere Mal mehr mit dem anderen. Dies bedeutet aber, dass alles, was am Leib getan wird, auch Einfluss auf die Seele nimmt, und alles, was der Seele widerfährt auch Auswirkungen auf den Leib hat.

Die Sorge um den Leib und dazu gehört die klassisch verstandene Pflege, hat also immer auch einen seelsorgerlichen Aspekt.

Waschen, essen und anziehen ist mehr!

So gesehen ist das Waschen des Körpers – insbesondere von anderen, teils fremden Menschen – viel mehr als nur sauber zu machen. Essen ist viel mehr als nur den Hunger zu stillen. Anziehen ist viel mehr als nur zu bekleiden. Sie alle vermitteln Schutz und Zuwendung und wirken sich auf das Wohlbefinden aus. Je mehr der Leib zur Last wird, weil er nicht mehr so selbstverständlich wie in jüngeren Jahren "funktioniert", desto stärker wird Leibsorge zur Seelsorge, weil sie hilft, diese Last zu tragen und ihre negativen Erscheinungen zu lindern.

Seelsorge, so ganzheitlich verstanden, bedeutet zunächst einmal eine umfassende Fürsorge für das Leben, insbesondere dort, wo Leben in irgendeiner Weise gefährdet ist. Pflegebedürftige in Heimen erleben sich durch vielfältige Verlusterfahrungen (Selbstständigkeit, Zuhause, Familie, Freunde) oft als hoffnungs- und aussichtslos. Sie fühlen sich einsam unter fremden Menschen in einer durchorganisierten Institution, in der jede Begegnung einem bestimmten Zweck oder einer bestimmten Verrichtung dient.

Eine den ganzen Menschen umfassende Fürsorge kann in einer Institution nicht nur durch einen einzelnen Menschen und schon gar nicht durch eine einzige Berufsgruppe gewährleistet werden.

Viele müssen mitwirken und zusammenwirken, weil der Mensch immer als Ganzes zu verstehen ist. Die Pflegekräfte leisten einen wichtigen Beitrag durch ihre Pflege. Allerdings benötigen die Pflegebedürftigen auch Worte. In bestimmten Situationen ist das Wichtigste, Zeit für ein Gespräch zu haben. Der Beistand der Pfarrerin/Pfarrer oder einer Diakonin oder Diakons durch Gebet, Gespräch oder biblische Worte ist unverzichtbar. Manchmal hilft schlicht und einfach eine Berührung oder den anderen in den Arm zu nehmen. Die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Pflegemitarbeitenden sind oftmals begrenzt und die sprechende Seelsorge der Pfarrer leidet oftmals unter mangelnder Berücksichtigung der Bedürfnisse des Leibes. Wichtig ist nicht, dass jeder alles macht, wichtig ist jedoch, dass man den ganzen Menschen im Blick hat. Dann wird der Arzt zum Seelsorger, die Pflegerin zur Seelsorgerin und der Pfarrer zu einem Pflegenden.

Der christliche Seelsorger oder die christliche Seelsorgerin haben eine besondere Gabe und Aufgabe: Sie machen durch ihr Dasein und Tun aufmerksam auf die Gegenwart Gottes im menschlichen Leben.

Sie weisen auf den Gott der Bibel und auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus hin. In der Zuwendung und Hilfe der Seelsorgenden, in ihrem Zuhören, Reden und Tun wird die Liebe Gottes zu den Schwachen, Pflegebedürftigen und Verwirrten deutlich. Leben, das durch Krankheit, Hilfebedürftigkeit und Hoffnungslosigkeit gefährdet ist, bedarf in ganz besonderer Weise der liebevollen Begleitung.

Zum Evangelium gehört noch mehr: Es vermittelt die Erfahrung von Vergebung und Versöhnung, von Befreiung aus psychischer Enge und Ich-Zentriertheit. Es hilft Menschen, die sich darin beheimaten, Frieden zu finden mit ihrer Umwelt, den Lebensumständen und mit sich selbst. Geschehen kann dies durch ein Gebet, in einem Zuspruch oder im freien seelsorgerlichen Gespräch. So ganzheitlich verstanden, bedeutet Seelsorge zunächst einmal eine umfassende Fürsorge für das Leben, insbesondere dort, wo Leben in irgendeiner Weise gefährdet ist. Rituale, die den Tag begleiten, wie ein Morgenlied oder ein Abendsegen, ein wöchentlicher Gottesdienst und die Feier des Abendmahls, schaffen Raum für das eine: Die Gegenwart Christi inmitten der vielgestaltigen Nöte der Menschen. Diese Gegenwart lässt den Menschen eine Hoffnung und Hilfe zuteil werden, die durch Medikamente und Körperpflege nicht bewirkt werden kann.

Gottesdienste und kleine Rituale vergewissern darin, dass Glauben gleichzeitig eine Lebenshilfe ist und Pflegebedürftigen in ihrer konkreten Situation Orientierung und Halt geben.

Seelsorge in Respekt und Wertschätzung

Angesichts einer großen Anzahl von demenziell Erkrankten, von multimorbiden Menschen und Sterbenden verbietet sich dabei missionarischer Eifer. Wir können den Menschen das Evangelium nur wie einen Mantel hinhalten, hineinschlüpfen müssen sie selbst.

Wichtig ist vor allem die gegenseitige Durchdringung und Ergänzung von pflegerisch-körperlicher Hilfe und geistlich-seelsorglichem Beistand in einer von Respekt, Würde und Wertschätzung getragenen Atmosphäre. Dazu bedarf es eines offenen Blickes bei der Suche nach angemessenen Formen der seelsorglichen Begleitung demenziell Erkrankter, bei der Gestaltung von Abschiedsritualen mit Verstorbenen, ihren Angehörigen und Mitarbeitenden und bei der pflegerisch und seelsorglich höchst anspruchsvollen Aufgabe der Begleitung sterbender älterer Menschen.

Seelsorge ist nicht nur die Aufgabe des Pfarrers sondern eine vielgestaltige und umfassende Fürsorge.

Seelsorge, so verstanden, ist nicht nur die Aufgabe des Pfarrers oder eines anderen hauptamtlichen kirchlichen Mitarbeiters, sondern eine vielgestaltige und umfassende Fürsorge. Sie begrenzt sich nicht auf die "geistlichen" Dinge, erschöpft sich aber auch nicht in sozialen, pflegerischen und medizinischen Fragen. Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin im Pflegeheim, egal ob ehrenamtlich oder hauptamtlich in der Betreuung der Pflegebedürftigen tätig, ist mit den je eigenen Gaben und Fähigkeiten ein Seelsorger beziehungsweise eine Seelsorgerin.

Das Pflegeheim bietet pflegebedürftigen Menschen, die nicht mehr selbst für sich sorgen können, eine kleine Wohnung mit Service. Als ein Ort der gemeinsamen Verantwortung von Kirchengemeinde und Pflegeheimbetreiber kann das Heim wenigstens ein Stück weit wieder zur Heimat werden: Dort nämlich, wo liebevolles und umsichtiges seelsorgliches Wirken ein sichtbares Zeichen der Liebe Gottes setzt.

Text:
Manfred Schall, Referent Altenhilfe Stuttgart 

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