Alter heuteMenschenbild

Die Sicht auf den Menschen und was den Wert des Menschseins ausmacht, ist in der westlichen Welt vom Erfolgsdenken bestimmt. Die Kultur des Machens und des Leistens beeinflusst die Vorstellungen von einem gelingenden Leben. Begriffe wie "erfolgreiches Altern" sind davon abgeleitet und lassen uns glauben, Menschen von heute sind in der Lage, ihr Leben bis ins hohe Alter nach ihren Vorstellungen und aus eigener Kraft zu gestalten.

Krankheiten, Verminderung der Lebenskraft und Verlust der Autonomie im Alter gelten als Einschränkungen, die man mit viel gutem Willen, guter Vorsorge und medizinischer Unterstützung vermeiden kann.

Aber das Alter büßt mit den Jahren Einbußen die gewohnte Lebensqualität ein. Die Sinne, das Denken, die Bewegungsfähigkeit und zunehmende Erkrankungen begleiten die letzten Jahre des Lebens. Das heutige moderne Menschenbild, das Autonomie, die Fähigkeit zum Gestalten des eigenen Lebens als grundlegend ansieht, kommt an dieser Stelle an seine Grenzen.

Am Lebensende, wenn der Tod zunehmend in den Blickpunkt gerät, tritt deutlich hervor, dass der Wert unseres Lebens von einer Quelle herkommt, die über unsere menschliche Leistungskraft hinausreicht: Wir werden geboren, wir empfangen unser Leben von Gott. Wir können nur leben, weil uns die Natur ihre Ressourcen zur Verfügung stellt, weil wir geliebt werden und in die Gemeinschaft mit anderen Menschen eingebunden sind.

Das Menschsein ist bestimmt von Beziehungsgeflechten

Das Menschsein ist davon bestimmt, dass wir in einem Beziehungsgeflecht leben. Die Würde eines Menschen hängt ursächlich an seinem Verhältnis zu Gott und den Menschen ab, in deren Gemeinschaft er gehalten und aufgefangen wird. Menschsein entfaltet sich in der Gemeinschaft. Diese Sicht auf das Menschsein, das sich in Beziehungen entfaltet, vermittelt uns der Schöpfungstext aus Genesis 1,26-27:

Gott sprach:

Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Das Menschsein - die Beziehung zu Gott kennt kein Ende

Menschen stehen in einer engen Beziehung zu Gott. Sie sind so geschaffen, dass sie miteinander kommunizieren und füreinander da sind. Wenn das Alter viele Einschränkungen mit sich bringt, weil die Kräfte schwinden, dann rückt das Loslassen, das Verzichten und auch das Leiden in den Mittelpunkt unseres Daseins. Auch wenn wir in dieser Phase unsere Autonomie, unsere Gestaltungskraft und unsere Selbstbestimmung aufgeben müssen, bleibt der Wert unseres Menschseins erhalten.

Die Beziehungen zu anderen Menschen, das Eingebundensein in die Gemeinschaft und das Angewiesensein auf Begleitung machen uns  Menschen als Menschen aus. Das Leben konzentriert sich in dieser Phase auf diese ganz besondere Würde, des Mit–sich-geschehen-Lassens und des Annehmens. Wir leben im hohen Alter weiterhin in Beziehungen. Aus biblischer Sicht ist die Würde eines Menschen darin begründet, dass die Beziehung zu Gott kein Ende kennt. Sie bleibt über den Tod hinaus bestehen.

Text:
Pfarrer Johannes Bröckel, Stuttgart