Wie der Islam mit alten Menschen umgeht und was muslimische Pflegeheimbewohner in Deutschland vermissen, ist Thema eines Interviews. Pfarrer Albrecht Ebertshäuser, Islambeauftragter des KirchenbezirksReutlingen, hat am 27.7.2004 mit Imam Sabri Özkan in der Yunus-Emre-Moschee in Reutlingen gesprochen.
Herr Özkan, wie leben alte Menschen in der Türkei?
In der Türkei werden alte Menschen nicht in Heimen gepflegt. 90 Prozent der Senioren leben in der Familie. Bis zum Jahr 1960 gab es überhaupt keine Altenheime in der Türkei. Nur in Istanbul gab es seit dem 18. Jahrhundert das „Dar ul Aceze“, das Haus für Waisen, Alte und Behinderte.
Und wie ist es mit den türkischen Senioren in Deutschland?
In Deutschland leben ebenfalls etwa 90 Prozent der alten Menschen bei ihren Familien. Viele Rentner verbringen sechs Monate in der Türkei, kommen dann aber zurück. Es ist nicht einfach für sie, Deutschland, wo sie so lange gelebt und gearbeitet haben, für immer zu verlassen. Sie leben zwischen zwei Welten. Wenn dann ein Ehepartner stirbt, kommt der Überlebende in den meisten Fällen wieder, um bei den Kindern zu wohnen. Nur bei einem geringen Prozentsatz von ca. zehn Prozent der alten Menschen gibt es Probleme, weil sie entweder keine Familie haben oder die Kinder sie nicht aufnehmen wollen oder es wegen einer zu kleinen Wohnung nicht können. In solchen Fällen wird meist der Imam zur Klärung gerufen. Wenn die Personen nicht mehr allein leben können, ist die Heimunterbringung unausweichlich.
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Etwa 90 Prozent der alten Menschen türkischer Abstammung leben bei ihren Familien. Imam Sabri Özkan |
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Was erfahren Sie, wenn Sie muslimische Pflegeheimbewohner besuchen?
Ein großes Problem ist die Sprache. Die Pflegekräfte sprechen nicht türkisch und sie selbst nicht oder kaum deutsch. Daraus entstehen viele Missverständnisse, Ängste und Unsicherheiten. Sie sagen mir auch, dass bei Schwerstpflegebedürftigen keine Rücksicht auf islamische Vorschriften genommen wird. So würden zum Beispiel auch männliche Pflegekräfte für die Pflege von muslimischen Frauen eingesetzt, nach islamischem Verständnis eine große Verletzung. Wie klappt es mit der Einhaltung der Gebetszeiten? Das ist ein weiteres Problem: Es gibt keinen Gebetsraum oder ein dafür vorgesehenes Zimmer in den Pflegeheimen. Die Teilnahme am Freitagsgebet in einer Moschee ist so gut wie nicht mehr möglich, es sei denn ein Verwandter oder Bekannter holt die Person und bringt sie wieder zurück.
Bisher sind solche Hilferufe selten direkt an die Moscheegemeinde herangetragen worden. Nur in einem Fall hat ein alter Muslim, der im Rollstuhl sitzt, die Altenpflegerin gebeten, in der Moschee anzurufen und für einen Transport zum Freitagsgebet zu bitten. Dieser Bitte ist die Gemeinde gerne nachgekommen und hat ihn immer wieder abgeholt. Aber das war eine Ausnahme.
Gibt es sonst noch Hindernisse für türkische Pflegeheimbewohner?
Ja, es wurden noch weitere Probleme genannt. Vor dem Sterben wird der Imam eingeladen, um Verse aus dem Koran zu rezitieren. Oft gibt es da in einem Mehrbettzimmer aber keinen geeigneten Rahmen. Außerdem sind nach einem Todesfall bestimmte rituelle Waschungen vorgeschrieben, zum Beispiel muss der Leichnam unter fließendem Wasser gewaschen werden. In den meisten Pflegeheimen sind dafür keine geeigneten Räume und Einrichtungen vorhanden. Der Prozentsatz von Muslimen sei zu gering, werde von den Heimleitungen gesagt.
Kennen Sie auch positive Beispiele?
Ja. Erfreulicherweise gibt es in Reutlingen in Zusammenarbeit von Diakonie, Caritas und Rotem Kreuz Kurse für den Umgang mit alten Menschen, zu denen der Imam eingeladen war und an denen auch Muslime teilgenommen haben. Das Rote Kreuz hat dabei sogar einen Film in türkischer Sprache gezeigt, was bei türkischen Teilnehmenden, die nicht so gut deutsch sprechen, sehr dankbar angenommen wurde.
Außerdem bietet das Pflegeheim „Voller Brunnen“ in Reutlingen eine spezielle Einführung für Muslime an, damit sie sich ein Bild machen und sich entscheiden können. In diesem Heim gibt es auch die Möglichkeit zur rituellen Waschung nach dem Tod. Die Tagespflegeeinrichtungen werden von Muslimen als überwiegend gut beschrieben, während das Konzept des betreuten Wohnens eher als Problem angesehen wird.
Wo sehen Sie Ihre Aufgabe im Blick auf die muslimischen Senioren in Reutlingen?
Zur Yunus-Emre-Moschee gehören derzeit ca. 15 Mitglieder, die über 70 Jahre alt sind. Da aber die Tendenz steigend ist, wird es für die muslimische Gemeinde eine Aufgabe werden, Ältere auf die verschiedenen Möglichkeiten der Unterbringung im Alter hinzuweisen. Das Errichten eigener muslimischer Altenheime ist aber keine Möglichkeit. Türkinnen und Türken, die lange hier gelebt haben, müssen im Alter mit anderen zusammenleben können.
Literaturtipp: Ilkilic, Ilhan, Begegnung und Umgang mit muslimischen Patienten. Eine Handreichung für die Gesundheitsberufe. Tübingen 2003, 3. Auflage. Zu bestellen über das Interfakultäre Zentrum für Ethik in den Wissenschaften: izew@uni-tuebingen.de; Telefon 07071/2977981.
Josef-Minarsch-Engisch, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.), Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 449-451.