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Interkulturelle Pflege

Bedürfnisse erkennen

Eine Altenpflegeeinrichtung macht ihren Bewohnern und Angehörigen besondere Angebote. Unter anderem kommt seit einem Dreivierteljahr regelmäßig ein islamischer Geistlicher, Herr D., in die Einrichtung, um Koranvorlesungen für die muslimischen Bewohnerinnen und Bewohner abzuhalten. Der von der Leitung eingerichtete muslimische Gebetsraum wird sowohl von den Bewohnerinnen und Bewohnern und ihren Angehörigen, als auch von Auszubildenden und Praktikantinnen besucht. Keiner der Senioren geht alleine in den Gebetsraum.

Kurze Zeit nach der Einführung des Gebets fiel der Leitung auf, dass einige muslimische Bewohnerinnen und Bewohner genau an den Tagen, als Herr D. da war, morgens nicht mehr aus dem Bett aufstehen wollten und über Bauchschmerzen klagten. Bei mehrmaligem Nachfragen stellte sich heraus, dass die türkischen Frauen eigentlich gar keine Lust hatten am Gebet teilzunehmen.

Josef Minarsch-Engisch

Ein gut gemeintes Angebot wurde nicht angenommen. Was war schief gelaufen? Bedürfnisse wurden nicht abgefragt. Nachfragen, das Gespräch suchen ist wichtig, wie dieses Beispiel zeigt. Sonst besteht die Gefahr, dass ich Menschen in Schubladen packe und zu wissen glaube, was der einzelne Mensch für sein Wohlergehen benötigt.

Hilfreich sind Sensibilität und die Fähigkeit zur Kommunikation unter Beachtung der besonderen gegenseitigen Beziehungen zwischen Pflegerin und Bewohnern einerseits und Einrichtung und Klientin auf der anderen Seite.

Alte Migranten tragen ihre Geschichten und Lebensbiografien in deutsche Institutionen und Lebenszusammenhänge.

Ende 2000 lebten 625 000 Ausländer über 60 Jahre in Deutschland. 2010 werden 1,3 Millionen Personen ausländischer Herkunft über 60 Jahre in Deutschland leben und die Zahl wird bis 2030 auf 2,8 Millionen ansteigen.

Auffallend ist, dass auch nach mehr als vierzigjähriger Anwesenheit von Migranten in Deutschland die Institutionen der Altenpflege von ihnen wenig angefragt werden. Warum ist das so?

Stolpersteine

Es scheint so, dass die Einstellungen von Migranten zu Institutionen der deutschen Altenhilfe, insbesondere zu deutschen Pflege- und Altenheimen – soweit bekannt – eher negativ geprägt sind. Dazu gehören auch Vorurteile wie zum Beispiel, dass alle Deutschen ihre älteren Verwandten in Altenheime geben würden. Seien die alten Menschen erst einmal dort, würden sich ihre Kinder nicht mehr um sie kümmern und sie ihrem Schicksal überlassen.

Dass die meisten Deutschen (über 80 Prozent) ihre älteren Angehörigen überwiegend selbst betreuen und zu Hause pflegen, wenn dies notwendig ist, ist bei Migranten weitgehend unbekannt.

Josef Minarsch-Engisch

Ebenso wissen die wenigsten, dass es ambulante Hilfen gibt und dass die Kombination von familiärer und ambulanter institutioneller Hilfe die wichtigste und am häufigsten genutzte Form der Altenbetreuung ist.

In dieser Unkenntnis spiegelt sich zum einen die bislang unzureichende interkulturelle Öffnung der Beratungs- und Versorgungsinstitutionen für Senioren in Deutschland und zum anderen die von vielen Arbeitsmigranten der ersten Generation lange vertretene Auffassung, im Alter in ihr Herkunftsland zurückzukehren, wider. (So nachzulesen im Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ausländerfragen vom September 2002.)

Zugewanderte alte Menschen nutzen bisher die Institutionen der Altenhilfe kaum. Gründe hierfür sind neben fehlenden Informationen schlechte Erfahrungen mit Institutionen, geringe Deutschkenntnisse, Angst vor möglichen ausländerrechtlichen Konsequenzen. Auf der anderen Seite finden die Forderungen, sich auf die Bedürfnisse und die Pflege älterer Migrantinnen und Migranten einzurichten, erst ganz allmählich Gehör.

Konsequenzen

Gerade in der Alten- oder Krankenpflege begegnen sich Menschen in sehr sensiblen Bereichen. Sowohl für die zu pflegende Person als auch für die Pflegekraft entstehen im Umgang miteinander Situationen, die von großer Unsicherheit geprägt sind und in denen sich beide zurechtfinden müssen. Grundsätzlich werden in jeder dieser Pflegebeziehungen immer wieder Grenzen verschiedenster Art – Schmerzerfahrung, Intimsphäre, persönliche Empfindungen – berührt und der Umgang damit ausgelotet.

Distanz und Nähe zwischen Pflegekraft und pflegebedürftiger Person müssen immer wieder neu ausgehandelt werden. Dies stellt komplexe Anforderungen an alle Beteiligten, unabhängig davon, ob es sich um Menschen mit Migrationshintergrund handelt. Ist die zu pflegende Person allerdings Migrant, steigen die Unsicherheiten nochmals an. Interkulturelle Kompetenz und Konzepte einer Öffnung der Altenhilfe für Migranten sind gefragt.

Am 1. Oktober 2004 wurde in Berlin die Kampagne für eine kultursensible Altenhilfe gestartet.

Auf der Grundlage des „Memorandums für eine kultursensible Altenhilfe“ will die Kampagne dazu beitragen, Zugänge von Migranten in die Einrichtungen der Altenhilfe zu erleichtern und Anstöße zur interkulturellen Öffnung zu geben.

Unterschiedliche Bedürfnisse bei Hygiene, Tabugrenzen, Höflichkeitsregeln, Krankenbesuch oder auch Sterbebegleitung sollten gemeinsam besprochen werden.

Das „Memorandum für eine kultursensible Altenhilfe“ versucht mit seinen Forderungen, der Realität der Einwanderungsgesellschaft Rechnung zu tragen.

Für die Evangelische Kirche in Deutschland hat der Präsident des Diakonischen Werks, Pfarrer Jürgen Gohde, das Memorandum unterzeichnet (das Memorandum finden Sie unter http://www.kda.de/german/download/detail.php?id_dl_dl=37).

„Kultursensible Pflege trägt dazu bei, dass eine pflegebedürftige Person entsprechend ihrer individuellen Werte, kulturellen und religiösen Prägungen und Bedürfnisse leben kann.

Kultur- und migrationssensibles Arbeiten ist ein Schlüssel für interkulturelle Pflege. Wir brauchen diesen Schlüssel zur Wahrnehmung von Differenz. Wir brauchen diesen Schlüssel, damit – trotz aller Unterschiede und fehlender Vertrautheit – Achtsamkeit und Wertschätzung entstehen kann und wir unseren Blick auch auf unsere eigenen kulturellen Prägungen richten können.

Im Blick auf Kultur und Religion verlieren wir allerdings schnell aus den Augen, dass

  • religiöse Prägungen und Bedürfnisse sich wandeln und differenzieren können
  • zugewanderte Menschen nicht reduziert werden können auf ihre Herlunftskultur
  • Erfahrungen und rechtliche Bedingungen im Einwanderungsland Deutschland ihre Wirkungen hinterlassen im Verhalten
  • wechselseitige Projektionen und wechselseitige Erwartungen zwischen deutschen und Ausländern immer wieder neu entdeckt werden müssen
  • Unterschiede in Wahrnehmung, Erleben, Kommunikation und Ausdruck schnell zu Differenzen oder Diskriminierungen führen
  • Missverständnisse und Irrtümer nicht vermieden werden können, das Auffinden aber zum Verstehen beitragen kann.“ (Markstein 2 des „Memorandums für kultursensible Pflege“)

Angebote des Diakonischen Werks Württemberg

Auf dem Weg zu einer interkulturellen Öffnung von Diensten und Einrichtungen der Altenpflege ist der Schritt von der Theorie zur Praxis (noch) nicht so einfach und bedarf spezifischer Unterstützungsangebote. Die Abteilung Migration und Ökumene im Diakonischen Werk Württemberg unterstützt diesen Prozess der interkulturellen Öffnung auch mit dem Projekt TRAFO – Training und Fortbildung zur interkulturellen Öffnung sozialer und diakonischer Dienste. In Ausbildungseinrichtungen werden Unterrichtsmodule zur kultursensiblen Pflege in Kooperation mit den Lehrkräften entwickelt.

Interkulturelle Fortbildungen für Einrichtungen, Teams, Auszubildende und Lehrkräfte in der Altenhilfe werden angeboten. Beratung und Begleitung steht für Leitung und Lehrkräfte in den Einrichtungen der Altenhilfe zur Verfügung.

Das Projekt startete im Juli 2003 mit einer Laufzeit von drei Jahren. Die Abteilung Migration und Ökumene wird diesen Prozess auch über die Projektphase hinaus begleiten und unterstützen.

 

Josef Minarsch-Engisch, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.), Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 452-455.

Literaturtipp: Friebe, Jens/ Zalucki, Michaela (Hg.), Interkulturelle Bildung in der Pflege, Bielefeld 2003.

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