Gottesdienste und Predigten - - Erstellt von Pfarrer Werner Ambacher

Turmbau zu Babel

Es ist ein komisches Völkchen, hier in dieser Geschichte: Hat keine anderen Sorgen als um nichts in der Welt in alle Winde verstreut zu werden.

Auf den ersten Blick frage ich mich ja schon, wieso dieser Abschnitt ausgerechnet am Pfingstfest, wenn auch am zweiten Feiertag, behandelt wird (Reihe IV). Denn vom Handlungsverlauf stellt er, grob betrachtet, das genaue Gegenteil des Pfingstberichts aus Apostelgeschichte 2 dar, die Handlung erscheint geradezu gegenläufig. Hier haben wir zu Beginn ein Volk mit „einerlei Zunge und Sprache“ (Luther 84) und einer Furcht, auseinandergerissen und über die ganze Erde verstreut zu werden. Dem versuchen sie durch ein ehrgeiziges Bauprojekt zu entgehen. Gottes Eingreifen verhindert die Fertigstellung, und am Ende sind sie sich nicht einmal mehr sprachlich einig, werden schließlich doch in alle Winde zerstreut. Am Anfang des Pfingstberichts dagegen steht auf der einen Seite eine aus Furcht nahezu handlungsunfähige Gruppe von Jesus-Anhängern in Jerusalem, auf der anderen Seite Pilger zum Wochenfest aus aller Herren Länder mit z. T. immensen Verständigungs-schwierigkeiten. Auch hier greift Gott durch seinen Geist ein und schafft im Gegenteil Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen, Mut, von Jesus Christus und seiner Bedeutung zu reden und vor allem Verständigung über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Und trotz dieses Kontrasts ist dieser alte Bericht zu einem Pfingsttext geworden. Ja, zum Auftakt seines Singspiels „Der Turmbau zu Babel“ nimmt Ulrich Goll eindeutig Bezug zum Pfingstbericht: „Jerusalem, das war die Stadt, wo Pfingsten sich ereignet hat…“

Zum Bericht vom Turmbau: Die Erzählung enthält Historisches, denn die Stadt Babel, akkadisch eigentlich Bab’ili, existierte wirklich, und die Assoziation mit Ehrgeiz, Macht und Ruhm ist nicht nur durch immer neue Vorstöße als Großmacht, die auch für das Volk Israel, Juda und Jerusalem existenzbedrohend wurde, naheliegend, sondern auch durch die Namensgebung selbst. So heißt Bab’ili Pforte Gottes, der wirklich damals rekordverdächtige Tempelturm Etemenanki nicht weniger als „Haus des Fundaments von Himmel und Erde“. Die Erzählung leitet den Namen Babel aber gleichzeitig auch von einem hebräischen Wort für Verwirrung ab, was ebenso satirisch wie kritisch klingt, wenn man das Wort Verwirrung nicht nur auf das Ergebnis der Erzählung bezieht, sondern vielleicht auch auf das kulturelle, sprachliche und religiöse Wirrwarr in Babel, von dem man damals immer wieder hörte. Die endgültige Verödung und der Verfall Babylons dürfte zwar für die Überlieferung und Redaktion noch Zukunftsmusik gewesen sein, doch hatte Babylon seine Rolle als politische und bedrohliche Größe seit seiner Eroberung durch die Perser im Jahre 539 v. Chr. endgültig verloren.

Die Erzählung enthält Kritisches, dem es an einer ordentlichen Portion Humor nicht fehlt. Man muss schon schmunzeln, wenn Gott erst einmal zur Erde heruntersteigen und ganz genau hinsehen muss, um zu erkennen, was die Menschen da bauen, sollte dieses Bauwerk mit der Spitze doch an den Himmel reichen und für Gott sofort derart erkennbar sein, dass er vor den Menschen und ihrem Tatendrang Respekt bekommt. Diesen Respekt bekommt Gott in der Erzählung - allerdings nicht gerade in positiver Hinsicht. Er fragt sich eher, wozu der Mensch noch fähig sein wird, und das klingt zumindest ambivalent, also nicht nur nach Missgunst Gottes. Es lässt durchaus auch Gedanken an die zahlreichen schlimmen Nebenwirkungen von Macht, Ruhmsucht, Expansion, ja auch technischem Fortschritt zu: die zahlreichen Opfer der Hegemonialkriege der Großmächte damals und heute, technische Entwicklungen, die oft auch zunächst militärisch genutzt wurden und werden, Nebenwirkungen etwa der Atomkraft (Kernwaffen und die Bedrohung des Lebens auf dem gesamten Erdball, Umweltkatastrophen auch bei ziviler Nutzung der Kernenergie (Tschernobyl / Fukushima). So gesehen, erscheint Gottes Entschlossenheit, die Menschen zu verwirren und zu trennen, eher als Aktion, um den Menschen vor sich selbst zu schützen. Allerdings geht vom Menschen nach wie vor mehr als genug Gefahr aus, und deren endgültige Beseitigung liegt ebenso in der Zukunft wie die Ruinen Babels für den damaligen Erzähler.

Den Bewohnerinnen und Bewohnern im Altenpflegeheim dürften einige der Situationen, die in dem Text vorkommen, nicht ganz unbekannt sein; es dürfte ihnen so manches zumindest ähnlich vertraut sein. So wird die Trennung von ihrem ehemaligen Zuhause für so manche als ähnlich schlimm oder angsteinflößend empfunden wie die Aussicht auf Trennung für die Menschen damals. Auch hat wohl auch so manche und so mancher den Eindruck, in der Zeit nach der babylonischen Sprachverwirrung zu leben. So manche hören ohnehin kaum mehr etwas, andere verstehen nicht, was Mitbewohnerinnen und -bewohner vor sich „hinbabbeln“, wieder andere haben eher den Eindruck, selber so gut wie nicht mehr verstanden zu werden, weil sie rufen können, so oft und lange sie wollen, ohne dass jemand zu Hilfe kommt. Und Aufmerksamkeit um jeden Preis erhalten zu wollen, ist bei so manchen dann eine eigentlich nur zu verständliche Situation. Da liegt es bei so manchen auch auf der Hand, dass sie Gott und was er mit ihnen in ihrem Leben macht und bereits gemacht hat, als ebenso willkürlich und nicht nachvollziehbar empfinden wie die Menschen in Babel damals die Zerstreuung weg von der Stadt, weg von ihrem gemeinsamen Bauprojekt. Andererseits empfinden so manche aber angesichts der Nachrichten und eigenen Erlebnisse auch diese Furcht vor dem, wozu Menschen alles fähig sind - eben auch an Schlechtem und Bösem - und wünschten sich einen Gott, der mehr eingreift, um dies zu verhindern, um die Menschen mehr und wirkungsvoller vor sich selbst zu schützen.

Da können wir am Pfingstfest schon auch von einem anderen Eingreifen Gottes berichten, das mehr hinterlässt als Trennung und Verwirrung, Verwirrung auch der Sprachen. Das ist eben das Eingreifen des Geistes Gottes, das für Petrus und die anderen statt weiterer Trennung und Rückzug Mut bringt, in der Öffentlichkeit zu reden und unters Volk zu gehen. Das Evangelium spricht durch den Geist Gottes eine Sprache, die die babylonische Sprachverwirrung überwindet, die Menschen aus der ganzen Welt verstehen können. Ja, Gottes Eingreifen schafft sogar Hoffnung auf Leben, dem der Tod nichts anhaben kann, Hoffnung auf eine Welt, in der Gewalt, Leiden und Tod einmal keine Rolle mehr spielen werden. Ja, das Eingreifen Gottes durch seinen Geist lässt Petrus sogar davon erzählen, dass Gott zu uns Menschen auf die Erde herunter-gekommen ist - im Gegensatz zu damals in Babylon nicht, um sich das Treiben der Menschen doch einmal genauer anzusehen, sondern um ihnen als der Mensch Jesus zu begegnen, um nach denen zu sehen, die unter Trennung und Sprachverwirrung, Verständnislosigkeit und Willkür leiden, Angst haben, durch das Sterben und danach sonstwohin zu kommen, nur nicht dahin, wo sie sich geborgen wissen dürfen. Ja, Gott kam in Jesus Christus zu uns, um mit und für uns zu leiden, zu sterben und den Tod hinter sich zu lassen und auch für uns zu besiegen.

Nun ist das, was Petrus und die anderen Anhängerinnen und Anhänger Jesu damals erlebt haben, ist Pfingsten kein einmaliges Ereignis. Gott schenkt durch seinen Geist bis heute Mut und Kraft, von diesem Herabkommen Gottes zu uns Menschen zu erzählen, von seinem wohlwollenden Eingreifen gegen Trennung, Chaos, Zerstörung und Tod. Er schenkt Liebe, auch heute Wände und Mauern zu überwinden, zueinander zu kommen, füreinander da zu sein, statt uns einen Namen zu machen und aus Geltungssucht und Ehrgeiz uns und einander übertreffen zu wollen, ja, uns auch zu verabschieden von Unternehmungen, die Streit und Trennung bringen, statt Menschen wirklich zu vereinigen.

Liebe Gemeinde im Haus;

ein komisches Völkchen, hier in dieser Geschichte: Hat keine anderen Sorgen als um nichts in der Welt in alle Winde verstreut zu werden, nichts anderes vor, als einen riesengroßen Turm zu bauen, dessen Spitze bis zu Gott in den Himmel reicht. Das soll Gott erst einmal sehen, dann wird er endlich Respekt vor ihnen haben; dann wird er endlich auch nach ihnen fragen und nicht über ihren Kopf hinweg oder auf ihrem Rücken entscheiden!

Ein komischer Turm: Eigentlich sollte Gott ihn ja sofort sehen, weil seine Spitze bis zu ihm in den Himmel reicht. Aber Gott muss schon zur Erde hinabkommen und sich das Ganze genauer anschauen, damit er sieht, was das überhaupt gibt, wenn es fertig wird.
Aber ist nicht auch Gott in der Geschichte komisch? Nach wie vor - oder jetzt erst recht will er die Menschen in alle Himmelsrichtungen zerstreuen. Sie dürfen und werden nicht weiterbauen am Turm und an der Stadt. Sie sollen und werden einander nicht mehr verstehen.

Aber kennen Sie das alles nicht immer wieder auch? Gibt es für so manche nichts Schlimmeres als von zu Hause weg zu müssen, weg von der Verwandtschaft, weg von Menschen, die man schon kennt, wo man weiß, woran man mit ihnen ist? Gibt es hier im Pflegeheim nicht immer wieder auch nichts Schlimmeres als das Gefühl, einfach nicht beachtet zu werden, immer warten zu müssen, bis man endlich einmal an die Reihe kommt? Lieber dann rufen, lieber immer wieder um andere herum sein, der Schwester buchstäblich an der Schürze ziehen, damit sie merkt, dass ich auch noch da bin! Ja, das ist auch wie so ein Turm, der bis an den Himmel reicht.

Und irgendwie kann ich Gott in dieser Geschichte auch verstehen. Ja, er muss schon ganz genau hinschauen, damit er erkennen kann, was die Menschen da überhaupt machen. So wie auf der Erde, die ja auch nur ein winziges Staubkorn ist, verglichen mit dem großen Weltall. Ja, auch wenn das, verglichen mit ihm, so harmlos und lächerlich aussieht, was wir machen können und machen - es ist nicht immer so harmlos - und lächerlich oder witzig erst recht nicht: Da geht es so weit, dass Menschen sich dann selbst für Gott halten - und bestimmen wollen, wer leben darf, und wer sterben muss. Da wird so manches, was Menschen erfinden, zuerst benutzt, um Krieg zu führen, um andere möglichst wirkungsvoll zu besiegen und zu töten. Da wird unsere ganze Technik immer wieder auch zu einer Gefahr für das leben auf der Welt, und manchmal wünsche ich mir, Gott würde auch mal wieder etwas tun, um uns Menschen vor uns selbst zu schützen - wie Gott die Menschen damals durcheinander gebracht hat, auch mit ihrer Sprache. Sie mussten den Bau aufgeben und mussten auseinandergehen. Ja, haben wir dieses Durcheinander nicht auch hier im Heim? So manche verstehen einander nicht, auch wenn die meisten hier Deutsch sprechen. So manche hören nicht, was andere sagen, haben aber auch nicht den Eindruck, dass andere sie hören oder hören können…

Bald ist (Am Wochenende war) Pfingsten. Das feiern wir, weil Gott wieder einmal zu uns Menschen heruntergekommen, einer von uns geworden ist. Aber nicht wie damals in Babel! Nicht, um uns zu kontrollieren, um doch einmal richtig anzuschauen, was wir so treiben! Nein, sondern um uns zu begegnen, wenn wir Angst haben, was aus uns einmal werden wird, wenn wir Angst haben, dass er mit uns ja macht, was er will, wenn  Menschen krank sind, wenn Menschen von anderen links liegen gelassen und nicht mehr beachtet werden, wenn Menschen einander nicht mehr verstehen, einander nicht mehr zuhören. Er ist gekommen, um nach uns zu schauen, um uns zu begegnen, um mit und für uns zu leiden und zu sterben, um uns mit seiner Auferstehung Hoffnung zu schenken, dass das Leben, das er schenkt, Zukunft haben wird - und nicht menschliche Macht und menschlicher Größenwahn, menschliche Pläne, die uns immer unheimlicher werden, die uns danach rufen lassen, dass Gott doch endlich etwas machen, eingreifen soll, um uns vor ihnen, um uns vor uns selbst zu schützen.

Ja, auch wenn Jesus jetzt nicht mehr sichtbar bei uns ist, ist Gott trotzdem bei uns und macht etwas: Wie den ersten Jüngern in Jerusalem damals, schenkt er bis heute immer wieder Vertrauen und Kraft durch seinen Geist: Vertrauen und Kraft, unter die Leute zu gehen, statt uns ins Schneckenhaus zurückzuziehen; Vertrauen und Kraft, die frohe Botschaft von Jesus Christus weiterzusagen, so dass Sprache und Herkunft keine Rolle mehr spielen. Ja, das ist schon so oft geschehen, sonst würden Sie heute nicht hier sitzen und mit mir und miteinander Gottesdienst feiern. Ja, wie den ersten Jüngern damals schenkt Gott durch seinen Geist auch heute Vertrauen, Kraft und Liebe, füreinander da zu sein, über Mauern und Grenzen hinweg, egal, was Menschen voneinander trennt, egal, welche Sprache wir sprechen, wie gut oder deutlich wir sprechen oder hören können.

Ja, deswegen hat nicht die Geschichte von Babel, dem Turm und ihr trauriges Ende das letzte Wort. Das letzte Wort hat Pfingsten, das letzte Wort hat der Geist Gottes, der Menschen zusammenbringt, der Vertrauen, Hoffnung und Liebe schenkt. Das letzte Wort hat Gott, wenn er uns Menschen alle wieder zusammenbringt und nichts mehr uns trennen wird, weil er daran arbeitet - und nicht unsere Angst, unser Ehrgeiz und unser Stolz, bei der oft nur das herauskommt, was auch beim Turmbau zu Babel herauskam. AMEN.

Ablauf:

  • Musik zum Eingang.
  • Begrüßung, eventuell mit Wochenspruch, und Votum.
  • Lied: Herr Jesu Christ, dich zu uns wend… (155, 1-4)
  • Psalm 36 (719) oder Psalm 100 (740)
  • Ehr sei dem Vater… (wo üblich und vertraut)
  • Gebet: Herr Jesus Christus;

zu dir dürfen wir heute kommen; du lädst uns ein und bist mitten unter uns, auch wenn wir dich nicht sehen können.
Wir wollen darauf vertrauen, aber wir können es nicht immer.
Schenke du uns Vertrauen durch deinen Geist,
vor allem Vertrauen, dass du auch zuhörst, wenn wir jetzt still werden und unser Herz ausschütten,
dir bringen, was uns beschäftigt…
    
Herr, wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft!

  • evt. Glaubensbekenntnis.
  • Lesung: 1. Mose 11, 1-9.
  • Predigt
  • Lied: O komm, du Geist der Wahrheit… (136, 1+3+7)
  • Gebet:


Guter Gott;
immer wieder fühlen wir uns hilflos und ausgeliefert, haben das Gefühl, nichts machen zu können.
Wir wissen nicht, was auf uns zukommt, auch mit dem Ende unseres Lebens und danach.
Wir verstehen einander nicht immer und haben den Eindruck, dass wir auch nicht verstanden und gehört werden.
Schenke uns deinen Geist,
damit wir erkennen, dass du es gut mit uns meinst,
dass du durch Jesus Christus zu uns gekommen und bei uns bist,
um zu helfen. bring uns wieder zusammen, wo Streit und Trennung ist. zeige uns die Sprache der Liebe, die Türen und Mauern überwindet,
die Menschen aus aller Welt verbindet. Lass uns darauf vertrauen, dass wir einmal bei dir für immer geborgen sind, wenn dieses Leben hier zu Ende geht.
Lass uns in diesem Vertrauen nun gemeinsam beten:

Vater unser…

  • Lied: Nun bitten wir den Heiligen Geist… (124, 1-4)
  • Bekanntmachungen
  • Segen
  • Musik zum Ausgang.

Zur Lesung vom Turmbau von Babel kann, so vorhanden, aus Bauklötzen ein Turm gebaut werden, der am Schluss einstürzt.
Während der Predigt oder danach kann aus einigen Klötzen eine Kirche gebaut werden.