von Pfarrerin i. R. Heidrun Besemer-Grütter, Ludwigsburg-Hoheneck
Bericht über eine Biographie-Arbeit mit Menschen im Pflegeheim
"Wer eine Geschichte zu erzählen hat, ist ebenso wenig einsam, wie der, der einer Geschichte zuhört. Und solange es noch jemand gibt, der Geschichten hören will, hat es Sinn so zu leben, dass man eine zu erzählen hat."
(Sten Nadolny)
Durch einen Qualifizierungskurs für ehrenamtliche seelsorgerliche und spirituelle Begleitung in Gemeinden und Pflegeheimen (von September 2009 bis Mai 2010) fühlte ich mich gut gerüstet. Weitere Grundlagen waren meine dreijährige Ausbildung zur Logotherapeutin (Sinnfragen des Lebens nach Viktor F. Frankl) und meine "Schwungfeder-Seminare" für ältere Erwachsene in Bayern.
Im Seelsorgeseminar reifte in mir der Entschluss nicht Einzelseelsorge anzubieten, sondern in einer Gruppe im Sinne des obigen Zitates von Nadolny Lebensrückschau zu halten.
Mit der Geige unter dem Arm, mit Blumen, Büchern oder Spruchkarten ging ich im Juni 2010 mutig ins "Kleeblatt", einem Pflegeheim vor den Toren Ludwigsburgs.
In Absprache mit der Sozialpädagogin des Pflegeheimes nannten wir das "Seminar", das alle 14 Tage vormittags für 1,5 Stunden stattfinden sollte, nicht Biographie-Arbeit, sondern "Wir schauen zurück!" Die Teilnehmerinnen waren im Alter zwischen 80 und 90 Jahren, alle gehbehindert, sie kamen im Rollstuhl.
Von meiner Vorstellung auch schriftliche Beiträge zur eigenen Biographie zu erbitten musste ich Abstand nehmen, so dass ich mich nur auf mündlichen Austausch einstellte.
Die Gestaltung der Mitte auf dem Fußboden, die jeweils auf das Thema einstimmen sollte, stieß zunächst auf Verwunderung, weil ungewohnt, wurde dann aber später freudig erwartet, wahrgenommen und hinterfragt. Z. B. beim Thema "Bruchstücke in meinem Leben" lagen Tonscherben in der Mitte.
Mein Ziel war, das Thema jeweils musikalisch und theologisch zu umrahmen, so dass ich immer mit einem Kirchen- oder Volkslied auf der Geige und mit der Auslegung eines Bibeltextes (vor allem Heilungsgeschichten des NT) begann. Am Schluss gab es dann kleine Geschenke wie Spruchkarten, Rosen bzw. Texte.
Dies wurde immer mit Freuden angenommen.
Der inhaltliche Aufbau war:
I. Meine individuellen Lebensphasen
a) Meine Kindheit: mein Vorname, mein Spitzname, Feste, Rituale, religiöse
Erziehung, mein Elternhaus, Höhen und Tiefen meiner Kindheit
b) meine Jugend: Menschen, die Vorbilder für mich waren, meine Lebens- und
Berufsträume, Sprichwörter, mit denen ich aufgewachsen bin,
Lebensmottos, meine Ausbildungszeit, Erlebnisse im Krieg und in der Nachkriegszeit.
c) Krisen als Chance: Bruchstücke als Herausforderung in meinem Leben.
II. Zeitgeschichtliche Phasen: Zeitleiste auf Tapetenrolle
a) von der Weimarer Republik bis zum Kriegsende, Nachkriegszeit
b) Trümmerfrauen, Wirtschaftswunder, Wiederaufrüsten, Kanzler Adenauer usw.
c) persönliche Daten: Konfirmation, Heirat, berufliche Entwicklung, Krankheiten
usw.
III. Weitere Themen
a) Menschenrechte für das Alter (Arbeitspapier aus der Akademie Boldern/CH)
b) Wendepunkte in meinem Leben (Schulwechsel, Flucht, Umzüge, Neuanfänge)
c) Familiengeheimnisse (Worüber in meiner Familie nicht gesprochen wurde.)
d) Ja zu meinem Leben als Fragment (Befreiung von falschen Idealen und
Vollkommenheitswahn)
"Das Zerbrechliche dauert" macht sensibel und feinfühlig.
e) Religiöse Bedürfnisse ("Mit dem Alter kommt der Psalter", Sinnfragen des
Lebens. Das Pflegeheim als Chance.)
f) Vergebung (Schuld und Versöhnung) ist möglich und nötig.
g) Alter, Tod und Abschied als "Vollendung" des Lebens.
Mein Schluss-Resümee
Die Gespräche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern haben mich meist selbst tief bewegt. Welche Offenheit und Nähe war miteinander möglich! So manche Stunde wurde für mich selbst zu einem Gottes-Dienst. Das gegenseitige Ermutigen und Trösten, die Geduld des Zuhörens erstaunten mich immer wieder. Verständnis und Toleranz wuchsen von mal zu mal. Schwierigkeiten gab es mit einer Bewohnerin, die am Anfang sehr offen und schutzlos über ihr persönliches Schicksal berichtete, (Vergewaltigung in der Kriegszeit) dass sie fortan Mühe hatte, weiter in die Gruppe zu kommen. Diese Grenzerfahrung zeigt mir auch meine Grenze auf.
Trotzdem: Ein neues Angebot dieser Art kann ich mir gut vorstellen.