
Heinz Rüegger: Alter(n) als Herausforderung. Gerontologisch-ethische Perspektiven, Zürich 2009
Der demographische Wandel macht uns immer mehr zu einer Gesellschaft des langen Lebens. Die damit verbundenen Herausforderungen betreffen die ganze Gesellschaft und müssen von dieser bewältigt werden.
Dazu braucht es ethische Reflexion auf allen Ebenen. Es braucht diese auch deshalb, weil der Wandel schon jetzt mit problematischen Wertungen verbunden ist. Besonders deutlich abzusehen an der hohen Akzeptanz der aktiven Sterbehilfe oder an den zahlreichen Spielarten des anti-aging.
Der Schweizer Theologe Dr. Heinz Rüegger ist am Institut Neumünster verantwortlich für die Fachbereiche Theologie, Angewandte Ethik und Gerontologie und erst ist nach wie vor als Seelsorger in einer Pflegeeinrichtung aktiv. Auf diesem Erfahrungshintergrund widmet er sich den zentralen ethischen Fragestellungen, die mit einer älter werdenden Gesellschaft verbunden sind. Seinem Urteil nach gibt es in der Gerontologie, der philosophischen Ethik und der Theologie, bzw. der Diakoniewissenschaft einen Mangel an ethischer Reflexion (26-34). In diesen notwendig interdisziplinären Diskurs könne sich die Theologie einbringen im „Bereich der Anthropologie, der Frage nach dem Sinn eines langen Lebens und des Alters, in der Frage des Umgangs mit Grenzen und Einschränkungen sowie der Auseinandersetzung mit Sterben und Endlichkeit“ (34).
Diesen Fragen geht Rüegger in den Kapiteln 2-6 nach. Sie sind unabhängig voneinander zu lesen und gehen auf frühere Texte oder Vorträge zurück. Grundlegend ist für Rüegger die Frage nach der Menschenwürde. (K. 2) In zahlreichen Beispielen zeigt er, wie der unbedingte Würdebegriff der Menschenrechte und des Grundgesetzes immer mehr abgelöst wird durch ein Verständnis, das Würde abhängig macht von bestimmten menschlichen Fähigkeiten. Rüegger belegt dies mit verschiedenen Zitaten auch namhafter Gerontologen und Medizinethiker und mahnt einen sorgfältigen Sprachgebrauch an. Fatal sei es, wenn z.B. von der „Erhaltung der menschlichen Würde in den späten Jahren des Lebens“ (P.B. Baltes) geredet werde (42) oder wenn in konstruktivistischer Perspektive der Würdebegriff relativiert würde (T. Klie, 158f). Gerade in der Diskussion um aktive Sterbehilfe zeigt sich nach Rüegger, wie problematisch dieses Würdeverständnis ist, wenn ein selbstbestimmtes Sterben mit einem würdevollen Sterben gleichgesetzt wird. (139f) Kritisch wendet der Autor sich in K.3 gegen das Konzept des anti-aging, das selbst pathologische Züge annehme (96) und eine Auseinandersetzung mit dem Alter und dem Tod verhindere (65ff). Rüegger erkennt in der Sehnsucht nach Lebensverlängerung eine säkularisierte Ewigkeitshoffnung. (88f) Differenziert geht es in K.4 um die Frage nach der Autonomie am Lebensende. Hilfreich ist hier die Unterscheidung zwischen einem normativen Autonomie-Anspruch, der immer gilt, und der tatsächlichen Autonomiefähigkeit. (121) Rüegger plädiert hier für eine Autonomie der Lebenskunst, die Abhängigkeit und Fürsorge integrieren kann. (117ff) Gleichzeitig müsse die Generativität und Bedeutsamkeit alter und auch sterbender Menschen für andere gesehen und gestärkt werden. (130ff) In K.5 geht Rüegger auf die ethischen Aspekte im Umgang mit demenzkranken Menschen ein. Demenz erscheint dabei als Anfrage an unser von Leistungsfähigkeit und Unabhängigkeit bestimmtes Menschenbild. (146ff) Im Umgang mit Demenz stehe unsere Humanität auf dem Prüfstand. (188f) Im letzten Kapitel skizziert Rüegger, wie er sich eine moderne Ars moriendi vorstellt. Ein Problem sieht er in der medizinischen und theologischen Tradition, die den Tod als Feind stilisiere. (193ff) Rüegger selbst möchte im Anschluss an das alttestamentliche Konzept der Lebenssattheit, der Existenzphilosophie und einer Philosophie der Lebenskunst (W. Schmidt) das Todesgedenken als Form der Lebensintensivierung verstehen. (206ff) Er schließt mit dem Hinweis auf die Ewigkeitshoffnung des Glaubens und deren entlastende Funktion (215ff)
Rüeggers Buch ist unbedingt lesenswert. Es bewegt sich auf Höhe der fachlichen Diskussion, kommt auch durch eindrückliche Zitate und Beispiele in die Konkretion und ist gut und verständlich geschrieben. Die zentralen ethischen Themen werden differenziert erörtert in einer Weise, die gerade für Seelsorge und Predigt, für Diakonie und Bildung sehr wertvoll und anregend ist. In theologischer Hinsicht löst Rüegger nicht immer ein, was er selbst als möglichen Beitrag der Theologie formuliert hat (34). Vermisst habe ich z.B. eine theologische Begründung der Menschenwürde. Auch im Blick auf Rüeggers theologische Deutung des Todes hätte ich einigen Diskussionsbedarf. Genau darum aber geht es Rüegger: Den ethisch-theologischen Diskurs anzustoßen für ein Themenfeld, das uns alle viel mehr angeht als uns bewusst ist. Es ist ihm in jeder Hinsicht gelungen.
Dr. Joachim Rückle, Diakonisches Werk in Württemberg