ALWINE
Erfinde Lebensbilder.
Da Sehnsuchtsflügel.
Dort Freiheitsblüten.
Traue Lebensworten.
Da Glückverheißung.
Dort Unruhheilung.
Spüre Lebenskräfte.
Da Trotzdem-Träume.
Dort Zuversichtsahnung.
Gehe Lebenswege.
Da Altersfrohsinn.
Dort Gelassenheitsübungen.
© Pfarrer Matthias Hannig, Backnang

WILHELM
Bin ein Rohr im Wind.
Gehe ausgetretene Pfade.
Mag die Welt nicht mehr retten.
Glaub´ an meine Mittelmäßigkeit.
Diene falschen Idealen.
Streu´ mir selber Sand in die Augen.
Komme nicht zum Zug.
Lache an den falschen Stellen.
Mach´ nicht, lasse machen.
Pflege meine Ängste.
Verkläre Vergangenes.
Stolpere über Selbstmitleid.
Wasche meine Hände in Unschuld.
Frag´ nach Sinn, nach Kraft.
Bin ins Scheitern verliebt.
© Pfarrer Matthias Hannig, Backnang
Ich bin jetzt 47 Jahre alt. Die meisten Menschen in meinem Alter denken noch nicht ans Altenheim. Nicht im Entferntesten! Auch mit 60 oder 70 Jahren will heutzutage kaum ein Mensch etwas davon wissen. „Ich – ins Altenheim? Niemals!!!“
Aber als Pfarrer mache ich Besuche im Altenheim. Bei diesen Besuchen habe ich viel gelernt. Vor allem, dass es im Altenheim viel Leben gibt. Es gibt eine Skat-Runde, die trifft sich im Speisesaal. Es gibt einen Hund. Die alten Menschen lieben diesen Hund. Einmal im Monat gibt es Tanztee. Jede Woche gibt es einen Gottesdienst. Manche Bewohner treffe ich nur selten auf ihrem Zimmer an, denn sie sind immer unterwegs: beim Friseur oder am Yachthafen, oder sie sitzen bei Kaffee und Kuchen im Graf-Zeppelin-Haus.
Im Altenheim wohnt auch ein alter Mann. Er hat einen Wellensittich namens „Bubi“. Der Vogel und der alte Mann. Beide sprechen viel miteinander. Das tut beiden gut.
Und es gibt im Altenheim jenen alten Mann, der kannte die Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ noch persönlich! So hört man viel spannende Geschichten im Altenheim, von Flucht und Vertreibung, von Liebe und Enttäuschung, von Erfolg und Misserfolg.
Und es gibt im zweiten Stock den Luftfahrt-Ingenieur. Der war in seinem Leben sehr fleißig, gewissenhaft und klug. Er hat viel erreicht. Er hat Kinder und Enkel, die wohnen weit weg und kommen dennoch alle zwei Wochen zu Besuch. Früher war dieser Ingenieur viel unterwegs in der Welt. Aber jetzt sitzt er am Tisch in der Wohngruppe und weiß nicht mehr viel. Jetzt muss man ihm beim Essen helfen. Man muss ihm beim Waschen und beim Ankleiden helfen.
„Wer weiß“, denke ich dann, „eines Tages in 35 Jahren sitzt da vielleicht ein Herr Schmid am Tisch. Der war früher mal Pfarrer, er hat früher mal am Gymnasium unterrichtet und in der Schlosskirche gepredigt. Jetzt aber braucht er Hilfe beim Essen, beim Waschen und beim Ankleiden.“ Schön wäre es, wenn dann alle paar Wochen mal jemand vom Besuchsdienst käme oder ein junger Pfarrer und mir ein altes Lied vorsingen würde, zum Beispiel „Der Herr ist mein getreuer Hirt“ oder „Von guten Mächten“.
Denn in Gottes Augen sind die Menschen über 80 genauso wertvoll wie die jungen Menschen, die noch arbeiten können. Für Gott stehen nicht nur die Starken, Klugen und Leistungsfähigen im Mittelpunkt sondern genauso die Alten und Kranken. Gott kennt jede Lebensgeschichte. Er kennt den Schmerz und die Freude. Er kennt den Namen.
Aber was ist, wenn wir eines Tages gar nichts mehr wissen? Wenn wir eines Tages nur noch im Bett liegen können? Auch dann werden wir in seinen guten Händen geborgen sein.
© Pfarrer Rainer Schmid, Evangelische Gesamtkirchengemeinde Friedrichshafen