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Materialbörse

Reden im AltenPflegeHeim

Verabschiedung eines Hausdirektors und Einführung der Nachfolgerin

Symbol: zwei Jakobsmuscheln

Liebe Frau S., lieber Herr H., sehr geehrte Damen und Herren!

Welches Bild passt zum Wechsel in der Hausdirektion im P.-G.-Stift? Welches Symbol vermag auszudrücken, was wir heute hier empfinden, wenn wir Sie, lieber Herr H. nach fast 20jähriger Amtszeit in der Leitung des Hauses verabschieden müssen und Sie, liebe Frau S. als Nachfolgerin in diese besonders verantwortungsvolle Aufgabe einsetzen dürfen?

Ich denke, die Jakobsmuschel ist ein angemessenes christliches Symbol für ein geistliches Wort anlässlich des Wechsels in einer diakonischen Einrichtung der stationären Altenhilfe. Denn die Jakobsmuschel ist das uralte Zeichen des Pilgers. Pilgern war ursprünglich auf die entbehrungsreiche Reise zu einem besonders verehrungswürdigen Ort also nach Jerusalem oder Santiago de Compostela bezogen. Pilgern war also zunächst ein Ausdruck des Glaubens in der mittelalterlichen, in der vorreformatorischen Welt. Wobei schon damals der Weg genauso wichtig war wie das Ziel.

Doch Pilgern ist inzwischen wieder modern geworden. Nicht erst seit Hape Kerkelings Bestseller: „Ich bin dann mal weg!“ lassen sich Menschen aller Konfessionen anstecken von Wegen des Glaubens. Von Wegen, die wirklich gegangen werden, mit den eigenen Füßen, Schritt für Schritt. Von Wegen, zu denen man bewusst aufbricht, sich auf den Weg macht. Altes zurücklässt und Neues ins Auge fasst. Und bei der Vorbereitung zum neuen Aufbruch sich immer wieder fragt: Ist das jetzt mein Weg? War es die rechte Entscheidung zur richtigen Zeit? Und dann diese Mischung aus eigenem Entschluss und fremdem Ruf im Gebet vor Gott bringt, bis schließlich der Weg vor einem liegt, ausgebreitet und offen. So, dass man losgehen kann.

Lieber Herr H., liebe Frau S., Ihre jeweils neuen beruflichen Herausforderungen sind durchaus mit einem Pilgerweg zu vergleichen. Da kommt der Tag, an dem man die Schuhe anzieht und losmarschiert.

Doch halt! Vorher ist es unabdingbar den Blick zurückwandern zu lassen. Lieber Herr H., fast 20 Jahre sind Sie hier im Stift, davon 6 Jahre in Leitungsverantwortung. Das ist eine lange, eine sehr lange Zeit. Sie haben dem Haus eine Prägung gegeben und das Haus, das täglich hier Erlebte, hat Sie geprägt. So geschieht Verwurzelung, und gewiss ist es auch schmerzhaft jetzt Wurzeln zu kappen, neue Schuhe anzuziehen und loszugehen an einen anderen Ort – aber doch mit demselben Auftrag und Anspruch.

Als ich vor zwei Jahren als evangelische Pfarrerin mit einem Teilauftrag ins Stift kam, spürte ich eine große Offenheit für Rahmenbedingungen der Seelsorge hier im Haus. Ich nahm wahr, dass Ihnen als praktizierendem katholischen Christen im Pflegeheim eines großen evangelischen Trägers die gelebte Ökumene im Haus ein wichtiges Anliegen ist. Ihr Verständnis davon, dass der Glaube besondere Räume braucht um erfahrbar zu werden, kam besonders in Ihrem unermüdlichen Einsatz um den Erhalt des Andachtsraumes bei den Umbaumaßnahmen zum Tragen. Und dieser Einsatz hat sich gelohnt, denn der Andachtsraum ist der spirituelle Mittelpunkt des Hauses, in dem Gottesdienst gefeiert wird mit den Bewohnern und den Mitarbeitenden, in dem Abschied genommen wird von den Toten, ein Ort also, an dem Leben und Tod im Angesicht Gottes bedacht werden.

Sie haben Akzente im Haus gesetzt und Spuren werden an Ihre Wirkungszeit erinnern. Jetzt aber heißt es: Pilgerstiefel anziehen und weitergehen in die Leitung eines noch größeren Hauses der Heimstiftung. Der Pilgerweg ist auf den ersten Weg kurz: Nur zehn Kilometer weiter.

Liebe Frau S., für Sie ist der Pilgerweg noch kürzer: Nur ein Zimmer weiter und dennoch ist es ein richtiger Weg, ein großer Schritt, vielleicht mit einer Stufe, die Sie im Moment noch schreckt. Aber die Länge des Weges ist nicht entscheidend für den Pilger. Die innere Haltung ist das Entscheidende. Liebe Frau S., in Ihrer bisherigen Tätigkeit in der Verwaltung habe ich Sie sehr kompetent erlebt. Ihre Verwurzelung mit dem Haus dauert ja auch schon jahrzehntelang. Sie kennen das Stift gut als Mitarbeiterin und wechseln jetzt in die Hausleitung. Das ist eine gute Voraussetzung, denn Sie werden sich immer noch in die Lage der Mitarbeitenden einfühlen können.

Pilgern ist ein Wagnis bei dem das Ziel bekannt ist, aber der Weg von Unvorhergesehenem gesäumt werden kann. Deshalb brauchen Pilger aller Zeiten einen Zuspruch. Solch ein zuversichtliches wegweisendes Wort findet sich im Psalm 32, wo der Beter schließlich von Gott her die Zusage erhält:
Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst,
ich will dich mit meinen Augen leiten.

Das möchte ich Ihnen beiden auf ihre Wege mitgeben. Die Erinnerung an einen sehenden Gott, der Menschen Wege führt, die sie sich selbst nicht erdacht haben. Und dazu noch die Muschel: ein Unikat der Schöpfung, unwiederholbar wie jeder Mensch. So wie sich diese Muscheln voneinander unterscheiden, wird auch Ihr jeweiliger Leitungsstil unterschiedlich sein.

Sodann ist die Muschel einfach ein Symbol für die Wanderschaft, für den Weg und das Ziel. Wege mögen sich trennen und neue Wege gegangen werden, aber das Ziel bleibt. Das Ziel eines Hausdirektors, einer Hausdirektorin, in einem diakonischen Altenpflegeheim wird sich immer daran messen lassen, wie Gottes guter Geist im Hause spürbar ist, wie die Zuwendung Jesu Christi an die Schwachen und im Geiste Armen vermittelt werden kann angesichts schwieriger politischer Rahmenbedingungen in der Pflege und wie der Schöpfungsgedanke in der Beachtung der Würde jedes einzelnen anvertrauten Bewohners erfahrbar wird. Ein weites Aufgabenfeld – nicht von Spannungen und spitzen Steinen auf dem Wege frei!

Aber sie werden ja nicht alleine pilgern. Denn Pilgern ist zwar eine ganz eigene innere Haltung – aber doch kein einsames Gipfelstürmen. Pilgern geschieht an der Seite mit anderen und im Wissen, dass andere vorausgegangen sind und andere irgendwann nachfolgen werden. Daran erinnert die Muschel auch: an den Respekt vor der Leistung der anderen und an die Demut vor Gott. Es ist keine Schande, in vorbereitete Fußstapfen zu treten und die Spur zunächst einmal zu nutzen.

Die Muschel ist eine leere Schale. Das heißt: Wir stehen vor Gott mit leeren Händen und brauchen sein Erbarmen.
Ihnen beiden wünsche ich auf Ihrem Weg in die neue Spur: Mut und Gelassenheit, Zuversicht und Vertrauen
und in allem den Segen Gottes, der sagt:
Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst,
ich will dich mit meinen Augen leiten.

 

© Iris Carina Kettinger, Pfarrerin in der Altenpflegeheimseelsorge, Heidenheim

 

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