
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem
Losung für das Jahr 2011 aus Römer 12, 21
Entweder – oder. Die Jahreslosung fordert eine Entscheidung von uns. Entweder wir lassen uns vom Bösen überwinden – oder wir überwinden das Böse mit Gutem. Ein dazwischen, ein bisschen von beidem, einen Kompromiss gibt es nicht, denn das Böse greift Raum, es breitet sich aus, wenn es nicht gelingt, es mit Gutem zu überwinden.
Seelsorge im Alter, wo ist da das Böse? Böses, Unheilvolles, Krankmachendes ist da, wo Pflegekräfte im engen Minutentakt ihre Heimbewohnerinnen oder Patienten zu Hause versorgen müssen, wo für Menschliches und damit auch für Göttliches keine Zeit mehr bleibt. Böses ist da, wo pflegende Angehörige aus dem Blick der Kirchengemeinde und der übrigen Gesellschaft geraten, weil sie zu Hause so gefordert sind, dass sie kaum Kraft haben, eigene Kontakte zu pflegen. Böses ist da, wo die Tatsache, dass Menschen länger leben als Bedrohung und Belastung empfunden wird. Und Böses ist auch da, wo wir resigniert sagen: „Wir können eh nichts machen. Die Strukturen sind nun mal so. Es gibt keine Alternative.“
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Wie soll das gehen? Woher nehmen wir die Kraft und den langen Atem, uns dem Bösen entgegenzustellen und für das Gute einzutreten? Sicher nicht aus uns selbst.
Aber da gibt es einen, dessen Geburt wir vor kurzem gefeiert haben, der gesagt hat: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16, 33). Nur durch Jesus Christus ist es uns möglich, das Böse mit Gutem zu überwinden. Nicht mit Kampf und Gewalt, die wieder nur neues Leiden schaffen. Sondern mit Hingabe und der Haltung, wie Jesus sie in der Bergpredigt beschreibt: „Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei“ (Matthäus 5, 39. 41). Mit der Liebe Gottes zu uns und mit unserer Liebe zu Gott, zu den Mitmenschen und zu uns selbst können wir das Böse mit Gutem überwinden.
Seelsorge im Alter, wo ist da das Gute? Gutes, Heilvolles, Heilendes ist da, wo Krankenpflegevereine den Diakonie-Sozialstationen Geld zur Verfügung stellen für „Diakonie plus“, für zusätzliche Zeit für Menschliches und damit auch für Göttliches, für gute Worte und kleine Tätigkeiten. Gutes ist da, wo sich Ehrenamtliche und Hauptamtliche aus den Kirchengemeinden auf den Weg machen zu den alten Menschen, die im Heim oder zu Hause wohnen. Gutes ist da, wo pflegende Angehörige wahrgenommen und wertgeschätzt werden in ihrem Dienst an ihren Familienangehörigen oder Nachbarn und damit auch in ihrem Dienst an der Gesellschaft. Gutes ist da, wo wir alte Menschen so sein lassen wie sie sind: voller Energie und Tatendrang oder in der ganzen Hilfs- und Pflegebedürftigkeit oder je nach Tagesform irgendwo dazwischen. Und Gutes ist auch da wo wir realistisch sagen: „Wir können nicht die ganze Welt verbessern. Aber an meinem Ort mit meinen Möglichkeiten trage ich zum Guten in der Welt bei so gut ich kann.“
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
In diesem Sinne ein gesegnetes neues Jahr !
Ihre Pfarrerin Marianne Baisch, Projektstelle Seelsorge im Alter