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Seelsorgerlicher Begleitung für Mitarbeitende

Für ein seelisches Gleichgewicht

„Ich schaue beim Vaterunser immer auf das Abflussgitter und wundere mich, dass das diagonal ist.“ Diese Aussage fiel im Gespräch mit Mitarbeiterinnen über die Gestaltung des Rituals nach der Versorgung von Verstorbenen.

Fast alle Anwesenden beschrieben ihr Verhalten während des Betens des Vaterunsers ähnlich. Nach der pflegerischen Versorgung werden in diesem Altenpflegeheim die Verstorbenen in ein etwa fünf Quadratmeter großes, so genanntes „Leichenräumle“ gebracht. Dieses ist bis auf ein Kreuz kahl und in der Mitte des gefliesten Bodens befindet sich besagtes Edelstahlabflussgitter mit diagonalen Rippen. Die Verstorbenen werden in ihrem Zimmer versorgt, auf eine Bahre gelegt und in das Leichenräumle gebracht. Zum Abschluss wird von den auf Station anwesenden Mitarbeitenden im Leichenräumle ein gemeinsames Vaterunser gesprochen.

Nach den Gründen für diese Konzentration auf das Abflussgitter während des Betens befragt, werden die Enge des Raumes, dessen bedrückende Stimmung und die eigene, momentan sehr aufgewühlte Gefühlslage, die sich nicht in ein Vaterunser pressen lässt, genannt.

In diesem kahlen und engen Raum kann ich kein Vaterunser beten.

Mitarbeitende

Seelsorge an Menschen in Extremsituationen

Mitarbeitende in der stationären Altenpflege sind Extremsituationen ausgeliefert. Ihre seelischen Belastungen dürfen nicht übergangen werden. Das Miterleben von Leiden und Sterben, körperlich anstrengende Arbeit, immer weniger Zeit für individuelle Pflege, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und eigene Hilflosigkeit gegenüber den steten Abbauprozessen der Bewohnerinnen und Bewohner sind nur einige der Faktoren, die das seelische Gleichgewicht der Mitarbeitenden in der Altenpflege bedrohen.

Seelsorgliche Begleitung von Mitarbeitenden geschieht immer im diakonischen Horizont. Sie wendet sich dem Einzelnen zu, berücksichtigt aber dabei stets dessen soziales und gesellschaftliches Umfeld. Seelsorge für Mitarbeitende beschränkt sich deshalb nicht auf das seelsorgliche Gespräch über Probleme religiöser oder psychologischer Art, sondern nimmt den ganzen Menschen in den Blick. Um diese Ganzheitlichkeit zu gewährleis ten, muss Seelsorge für Mitarbeitende auf drei Ebenen Gestalt gewinnen.

  1. Auf der gesellschaftlichen Ebene sind eine angemessene Aufmerksamkeit für die Altenpflege (zum Beispiel bessere Bezahlung) und Strukturen, die eine Seelsorge für Mitarbeitende erst möglich machen (zum Beispiel finanzielle Mittel für Supervision), einzufordern.
  2. Die Ebene des Arbeitsalltags erfordert Beistand in belastenden Pflegesituationen, bei ethischen Problemen, Hilfe bei Konflikten unter den Mitarbeitenden und mit der Heimleitung und beim Umgang mit Grenzen und Versagen. Darüber hinaus ist eine diakonische Qualifizierung der Mitarbeitenden wünschenswert, damit im Heimalltag ein christliches Menschenbild, christliche Werte und Glaubensinhalte erlebbar bleiben.
  3. Nach herkömmlichem Verständnis ist Seelsorge für Mitarbeitende wohl vor allem auf der persönlichen Ebene tätig. Hier geht es darum, Mitarbeitenden die Möglichkeit zu geben aufzutanken, Lebensfragen zu thematisieren und Gefühle zu verarbeiten.

Mit einem konkreten Angebot kann jedoch immer nur eine dieser Ebenen abgedeckt werden. Konkrete Angebote können sehr unterschiedliche Formen annehmen.

  • Seelsorge für Mitarbeitende kann in strukturellen Formen stattfinden, mit dem Ziel Strukturen so zu verändern, dass die seelischen Belastungen für Mitarbeitende abnehmen. So kann es ein Anliegen der Seelsorge sein, einen offenen Brief der Mitarbeitenden an die Gesundheitsbehörden zu unterstützen, in dem deutlich wird, dass in der gesellschaftlichen Diskussion über Pflege nicht mehr ausschließlich ökonomische Argumente der Finanzierbarkeit eine Rolle spielen können. Solche Formen suchen auch danach, dem naturwissenschaftlichen Menschenbild, das vom Idealbild des gesunden Menschen ausgeht, ein christliches Menschenbild entgegenzusetzen, das Krankheit und Sterben nicht ausklammert.
    Doch strukturelle Seelsorgeformen müssen gar nicht so ehrgeizige Ziele haben. In der Einrichtung vor Ort können sie sich für Strukturen einsetzen, die Mitarbeitende seelisch entlasten: für Zeiten des Aufatmens im Alltag und in Fortbildungsveranstaltungen, für Räume des erholsamen Rückzugs im Alltagsstress und für sakrale Räume. Strukturelle Seelsorgeformen machen sich dafür stark, dass die seelsorgliche Begleitung von Mitarbeitenden in Standards erfasst und für alle Seiten verbindlich gemacht wird.
  • In den Fortbildungsprogrammen der Träger findet sich Seelsorge für Mitarbeitende vor allem in ihren emanzipatorischen Formen als „Hilfe zur Selbsthilfe“. Eine Fortbildungsveranstaltung kann Mitarbeitenden Entspannungs- oder Meditationstechniken vermitteln oder sie ihre Spiritualität vertiefen lassen. Darüber hinaus sollten Mitarbeitende Wissen vermittelt bekommen, das sie seelisch entlastet. Hierunter fallen z.B. Glaubensfragen, ethische Problemstellungen und Fragen der Sterbebegleitung.
  • Das herkömmliche Verständnis von Seelsorge hat vor allem deren kommunikative Formen im Blick: das Einzelgespräch eines Mitarbeiters mit einer Seelsorgerin über Probleme des Berufsalltags, des privaten Bereichs oder des Glaubens. Auch Gespräche in Gruppen fallen hierunter, zum Beispiel Gespräche über theologisch-spirituelle Themen.

Realistische Seelsorge im Heimalltag

Alle bisher genannten Formen sind nur sehr schwer in den Heimalltag zu integrieren. Es gibt hierfür kaum Zeit und schon gar kein Geld. Gleichzeitig bedürfen alle bisher genannten Formen auch eines großen Personaleinsatzes von Seiten der Seelsorgenden, was bei knappen kirchlichen Mitteln auch utopisch ist. Deshalb sind die rituellen Formen der Seelsorge wohl diejenigen Formen, die sich am ehesten verwirklichen lassen. Rituale sind in den Heimalltag integrierbar und – nach einer Phase des Erlernens – von den Mitarbeitenden selbst durchführbar. Rituale entlasten die Seelen der Mitarbeitenden zeitnah und situationsgerecht. Denkbar sind hier Rituale, die den Belastungen des Heimalltags Rechnung tragen, nämlich Rituale zur Heimaufnahme, bei der Sterbebegleitung, nach Sterben und Versorgung, bei der Aussegnung oder Abschiedsfeier oder zur Erinnerung an Verstorbene. Daneben sind speziell für Mitarbeitende angebotene Gottesdienste und Andachten und rituelle Formen der Begrüßung von neuen und der Verabschiedung von ausscheidenden Mitarbeitenden denkbar.

Rituale sind in den Heimalltag integrierbar und – nach einer Phase des Erlernens – von den Mitarbeitenden selbst durchführbar.

Jochen Schlenker

Richtige Zeit und richtiger Ort für Rituale

Bei der Suche nach rituellen Formen der Seelsorge sollten gerade die ganz kleinen Dinge des Heimalltags verstärkt werden. Niemand sollte die Kaffeepausen und die (allerdings gesundheitsschädlichen) Rauchpausen gering schätzen. Sie sind Orte betriebsinterner Kommunikation, Möglichkeiten etwas loszuwerden, oder „Schwellenrituale“ zwischen zwei belastenden, vielleicht sehr unterschiedlichen Situationen des Heimalltags. Im Heimalltag werden auch immer wieder im Team der Mitarbeitenden kleine Geschichten erzählt. Sie handeln von Missgeschicken, von erheiternden paradoxen Ereignissen oder von der Tiefendimension der Arbeit. Sie bieten positiv bewertete Ventile gegen die Schwere des Alltags und eine willkommene Möglichkeit, Dampf abzulassen. Auf einer Station wurden diese Geschichten in ein Buch geschrieben. Es wurde so die Möglichkeit geschaffen, die Schwere des Alltags beim Lesen dieser Geschichten etwas zu erleichtern.

Darüber hinaus kann den kleinen religiösen Ritualen im Heimalltag große seelsorgliche Bedeutung zukommen: den Gebeten zu Tages- und Essenszeiten, Segenshandlungen an Mitarbeitenden und durch Mitarbeitende an Bewohnern und das eigene stille, vielleicht nur kurze Gebet.

 

Eine Vielzahl von Möglichkeiten der seelsorglichen Begleitung von Mitarbeitenden ist nun aufgezählt. Die hauptamtliche Altenheimseelsorgerin mit 25 Prozent Dienstauftrag und der nebenamtliche Seelsorgedienstmitarbeiter werden sich überfordert fühlen. Jedoch ist zum einen Seelsorge für Mitarbeitende eine Gemeinschaftsaufgabe von Gesellschaft, Kirche, Heimträgern und ihren Repräsentanten auf den mittleren und unteren Ebenen, den Altenheimseelsorgern, den Gemeindepfarrern, den Kirchengemeinden und der Gemeinschaft der Mitarbeitenden. Zum anderen soll die Aufzählung Anregungen bieten, die Mut zu kleinen Schritten machen.

 

Jochen Schlenker, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 322-325.

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