Immer weniger Einrichtungen der Altenhilfe werden von den beiden großen konfessionellen Kirchen durch hauptamtliche Seelsorger mit eigenen Dienstaufträgen versorgt werden können.
Pfarrerinnen, Pfarrer und Priester, Diakoninnen und Diakone, Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten sowie Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten, die einen umfangreichen Dienstauftrag in ihrer Kirchengemeinde haben, werden zusätzlich damit betraut, die Häuser seelsorglich zu versorgen.
Dies birgt Chancen, aber auch Risiken.
Das Risiko des weichen Termins
- Viele Seelsorgende, die mit viel gutem Willen und einem weiten Herzen für alte Menschen ihre Stelle antreten und damit in die Zuständigkeit für Einrichtungen kommen, stoßen an zeitliche Grenzen. Im Wochenplan ist ein Besuch in der Einrichtung eingeplant, dann jedoch kommt eine Besprechung, ein Trauerfall oder etwas anderes Unvorhergesehenes dazwischen. Im Gegensatz zu „harten“ Terminen wie Schulunterricht oder festen Gottesdienstzeiten sind die Zeiten seelsorglicher Präsenz in Einrichtungen „weiche“ Termine, die gerne verschoben werden oder dem unvorhergesehenen Arbeitsaufwand zum Opfer fallen. Dabei freuen sich die Bewohner der Einrichtungen auf die Seelsorgenden und sind sehr enttäuscht, wenn ein freudig erwarteter Besuch ausfällt.
Das Risiko der fachlichen Überforderung
- Eine wunderschöne Pfarrstelle ist ausgeschrieben, an die unter anderem der Auftrag zur Seelsorge im Heim gekoppelt ist. Stellenbewerber trauen sich die Erfüllung dieser nicht unbedingt geliebten Aufgabe unbesehen zu und merken bald, dass Seelsorge in Altenpflegeheimen längst auch besondere Kompetenzen abverlangt: Einblick in den Heimalltag und seine Arbeitsabläufe, Grundsätze der Mitarbeiterführung und Gruppendynamik bei Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen oder Kenntnisse über Demenzerkrankungen, um nur die wichtigsten Herausforderungen an hauptamtlich Seelsorgende zu nennen. Oft fühlen sich Seelsorgende ungenügend eingebunden in den Heimalltag und suchen ihren Ort zwischen den Ansprüchen aus dem Heim und den Anforderungen des Gemeindealltages.
Die menschliche Herausforderung
- Als Seelsorger im Altenpflegeheim tätig zu sein, bringt die persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Altern, mit Krankheit, Gebrechlichkeit, Sterben und Tod mit sich. Damit einher geht die Chance, aber auch die Pflicht, den Menschen in der Einrichtung ein kompetentes Gegenüber zu werden. Er/sie wird Ansprechpartner/in für alte und demenziell erkrankte Menschen, für ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeitende im Haus, für Angehörige der Heimbewohner und der Mitarbeiterschaft. Er/ sie soll Räume zur Begegnung für Menschen mit ganz unterschiedlicher Frömmigkeit schaffen und sie in Anfechtungen begleiten. Dies erfordert eigentlich eine gründliche Zurüstung oder wenigstens eine gewisse Lebenserfahrung. Eine Seelsorgeausbildung und supervisorische Begleitung sind hilfreich.
Die Chance der Vermittlung
- Hauptamtlich Seelsorgende mit Aufträgen in Kirchengemeinden, also Gemeindepfarrer und Gemeindediakone, können leichter Zugang zu Ehrenamtlichen gewinnen als Hauptamtliche, deren Arbeitsfeld sich allein auf das Heim bzw. die Einrichtung bezieht. Angesichts ihrer eigenen zeitlichen und fachlichen Grenzen sollten sich hauptamtlich Seelsorgende um Bündnispartner in den Kirchengemeinden bemühen, die sich mit ihnen gemeinsam für die seelsorgliche Begleitung der Menschen in der Altenhilfe engagieren. Umgekehrt wird die Gemeinde profitieren, wenn Predigten und seelsorgliche Beziehungen Tiefen und Kompetenzen erreichen, die auf dem Lernfeld der AltenPflegeHeimSeelsorge erworben werden.
Fortbildung und Vernetzung
- Hauptamtlich Seelsorgende erhalten durch Fortbildungsangebote ihrer Kirchen Unterstützung. Evangelischerseits organisiert der Konvent der AltenPflegeHeimSeelsorge regelmäßig Treffen zum Austausch und zur Fortbildung: Zur Jahrestagung des Konvents sind haupt- und ehrenamtliche Seelsorgende eingeladen. Die Regionalkonvente auf Prälaturebene, die mehrmals jährlich zusammenkommen, bieten die Möglichkeit, sich mit Fragen einzubringen und über den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen manches auszuprobieren und dazuzulernen.
In der Regel stehen pflegefachliche Fortbildungen für Mitarbeitende der Altenhilfe den Seelsorgenden offen. Auf diesem Weg können sie z.B. mehr Einblick in Krankheiten des Alters bekommen. Es lohnt sich auch, Kontakt zu den Spezialisten aufzunehmen, die in den diversen Ämtern der Landkreise für Altenhilfe und Seniorenarbeit zuständig sind. Sie sind gerne zur Beratung bereit. Auf diese Weise werden die Ressourcen des bestehenden Netzwerks sinnvoll genutzt und erweitert (z.B. Kreisgesundheitsamt, Kreissozialamt, Seniorenbeauftragte des Landkreises, Alzheimerberatungsstelle u.a.).
Warum nicht ganz anders
- Immer mehr Heime gehen dazu über, gut ausgebildete und kompetente Seelsorgerinnen und Seelsorger aus dem eigenen Budget anzustellen. Seelsorgende, die sich kompetent und ausschließlich um Bewohner, Mitarbeitende und ehrenamtlich Engagierte kümmern, entlasten Heimleitungen und Sozialdienste und machen sich dadurch bezahlt (vielleicht auch bezahlbar).
Auch wenn diesen „Profis“ der Zugang zu Ehrenamtlichen in Kirchengemeinden schwerer fallen könnte, haben sie besondere Stärken. Ihre Zeit gehört ganz der Arbeit in der Einrichtung; sie sind in den Heimalltag integriert; in der Regel kennen sie die Heimbewohner gut, was sich positiv auf die Seelsorge auswirkt. Statt die Sonntagspredigt für die Kirchengemeinde nochmals zu halten, können sie bewusst zu den Heimbewohnern predigen und auf ihre Bedürfnisse eingehen. Eingebunden in die Sterbebegleitung im Haus sind sie kompetente Ansprechpartner für die Angehörigen im Trauerfall.
Eine Pfarrerin, ein Pfarrer mit großem Auftrag in der Kirchengemeinde sollte an einem runden Tisch mit der Heimleitung und dem Kirchengemeinderat prüfen, ob dem Altenpflegeheim und der Kirchengemeinde unter Umständen mehr geholfen wäre, wenn eine Seelsorgestelle im Heim finanziert werden könnte.
Eine Phantasie (hoffentlich keine Phantasterei)
- Eine Kirchengemeinde entscheidet sich, zur Entlastung ihres Gemeindepfarrers eine nebenberufliche Altenheimseelsorgerin auf Teilzeitbasis anzustellen. Die Heimleitung ist nach gemeinsamer Beratung bereit, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Eine Pfarrerin im Erziehungsurlaub wird auf 400 EUR Basis angestellt. Die Gemeinde finanziert ihren Anteil aus vier Gottesdienstopfern im Jahr. Die entsprechenden Gottesdienste setzen sich auch inhaltlich mit dem Thema Altern auseinander. Der Rest kommt aus dem Erlös des Gemeindefestes sowie aus Spenden der Angehörigen.
Die Altenheimseelsorgerin hat ihre Schwerpunkte in der Einzelseelsorge und der Sterbebegleitung. Sie übernimmt die Aussegnungen, die sie gemeinsam mit anderen Mitarbeitenden gestalten kann. Der Gemeindepfarrer hält weiterhin die monatlichen Andachten und übernimmt Bestattungen. Die Entlastung durch die neue Kollegin ermöglicht ihm eine intensivere Präsenz bei den verbleibenden Besuchen. Die neue Seelsorgerin im Heim ist hochzufrieden über den überschaubaren Einsatz und die positiven Rückmeldungen auf ihr Kommen. Eine bekannte regionale Bank honoriert das Engagement der Seelsorgerin für alte Menschen durch eine finanzielle Beteiligung am Gehalt.
Anmerkung:
- Im Kirchenbezirk Weinsberg wurde vor Jahren über einen Spendenaufruf die Stelle eines Jugendreferenten finanziert. Im sogenannten „Herrenberger Modell“ gelang es in den 90er Jahren in verschiedenen Kirchenbezirken Württembergs durch Daueraufträge von Pfarrerinnen und Pfarrern und Gemeindemitgliedern zusätzliche Ausbildungsplätze für Vikarinnen und Vikare zu schaffen, die von der Kirche nicht übernommen worden waren. In den Kirchenbezirken Crailsheim und Bad Urach werden Seelsorgeaufträge in Heimen von diesen selbständig finanziert. Frisch examinierten und hoch qualifizierten Theologinnen und Theologen, Diakoninnen und Diakonen, die sonst ohne Anstellungsmöglichkeit wären, könnte so eine sinnvolle Berufsperspektive geboten werden. Ihre Anstellung wäre ein Akt geschwisterlicher Solidarität in Zeiten kleiner werdender Budgets der Kirchen und ein Hinweis, dass uns unsere alten Menschen viel wert sind.
Martin Enz, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.), Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 338-341.
Literaturtipp: Schmitt, Karl Heinz/ Neysters, Peter: Jeder Tag voll Leben. Das Buch fürs Älterwerden. München 1996. Mit einer ausführlichen Adressenliste zu kompetenten Stellen auch für Fortbildungenvon Hauptamtlichen.