Das Thema Ehrenamt ist in den letzten Jahren nicht nur in der kirchlichen Öffentlichkeit, sondern unter dem Begriff des bürgerschaftlichen Engagements auch in den Kommunen und Landkreisen verstärkt in den Mittelpunkt des Nachdenkens gerückt.
Vielfältige Konzeptionen und Ideen wurden entwickelt und zum Teil mit großem Medienaufwand in Szene gesetzt. Es kann also nicht darum gehen, ein weiteres Konzept den anderen hinzuzufügen – vielleicht sogar mit dem Anspruch, das bessere sein zu wollen. Vielmehr kann es nur darum gehen, bescheiden ein paar wenige Erfahrungswerte auf dem schwierigen Terrain der Gewinnung Ehrenamtlicher weiterzugeben. Die folgenden Tipps wollen dies auf dem Hintergrund der Erfahrungen beim Aufbau und bei der Begleitung eines ökumenischen Besuchsdienstes am Geriatrischen Zentrum Esslingen-Kennenburg, der größten diakonischen Einrichtung im Landkreis Esslingen, leisten.
Die Frage mag banal daherkommen, und doch ist sie von grundlegender Bedeutung: Warum möchte ich Ehrenamtliche gewinnen? Und was ist das Ziel meines Bemühens?
Ist der Grund Entlastung in der Seelsorge, also in erster Linie ökonomischer Natur, oder reicht er weiter und ist mit dem theologischen Selbstverständnis der Gemeinde verknüpft und hat die Gesellschaft als ganze im Blick?
Wenn Ehrenamtliche gewonnen werden sollen, dann kann und darf es nicht um eine Entlastung des hauptamtlichen Seelsorgers gehen, sondern dann muss es vielmehr einerseits um die Wiedergewinnung seelsorgerlicher Kompetenz für die Gemeinschaft der Getauften gehen und damit um den diakonischen Auftrag der Gemeinde und andererseits um die Sensibilisierung der Gesellschaft in bezug auf ihre soziale Verantwortung.
Von der Stärkung des Ehrenamts und der Entwicklung bürgerschaftlichen Engagements zu reden ist das eine. Das andere ist, dafür Mitstreiter und Mitarbeitende zu gewinnen. Das ist in der Regel ein mühevoller und auch steiniger Weg. Das heißt nicht, dass es kein lohnender wäre. So jedenfalls zeigen es die Erfahrungen am Geriatrischen Zentrum in Esslingen-Kennenburg. Aber es ist gut, sich das immer wieder klar zu machen, um nicht auf halbem Wege aufzugeben.
Die Gewinnung von ehrenamtlichen Mitarbeitern ist kein geradliniger und kalkulierbarer Prozess nach dem Motto: Wenn ich nur das richtige Konzept habe, dann wird es schon klappen. Der Prozess ist komplizierter und bruchstückhaft. Er ist in der Regel nicht schnell und nicht im Alleingang zu bewältigen. Er braucht viel Geduld und einen langen Atem.
Eine noch so gute Konzeption ersetzt nicht die notwendige Suche nach Kooperations- und Bündnispartnern, die diese mittragen und sich zu Eigen machen. Ohne Multiplikatoren wird die Gewinnung ehrenamtlich Mitarbeitender kaum gelingen. Je nach örtlicher Situation können das ganz verschiedene Institutionen und Ansprechpartner sein (kirchlich und nicht kirchlich):
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Eine Persönliche Einladung in die Einrichtung ist das Erfolgsrezept! |
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Eine große Chance beim Knüpfen dieses Netzes ist die Möglichkeit, Verantwortliche und Ansprechpartner, ja ganze Gremien (Kirchengemeinderat, Besuchsdienste, Team der Diakonie- und Sozialstation, u.a.) in die Einrichtung einzuladen. Die Erfahrungen in Esslingen zeigen, dass selbst für unmittelbare Nachbarn eine solche Einladung der erste Besuch ist, und sie für ehrenamtliche Mitarbeit sensibilisiert werden.
Bei den Schulprojekten hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, die Lehrer zu gewinnen, woraus sich neue Kontakte zu ehrenamtlich Mitarbeitenden entwickelten. Die sonst eher übliche Einbahnstraße kann hier unterbrochen, Schwellenangst überwunden und eine Identität mit der Einrichtung und ihrer Probleme, gerade auch in bezug auf eine ehrenamtliche Mitverantwortung vermittelt werden.
Wichtig ist darüber hinaus, sich persönlich auf den Weg zu machen (auch wiederholt) und in die jeweiligen Gremien zu gehen oder bei den zuständigen Ansprechpartnern vorzusprechen. Das wiederholte Einbringen des Wunsches in den Kirchengemeinderat der Ortsgemeinde, eine neue ehrenamtliche Besuchsdienstgruppe für Kontaktgruppennachmittage in einem der Wohnbereiche des Pflegeheims aufzubauen, hat tatsächlich dazu geführt, dass nun der Diakon der Gemeinde in einem Projekt sich dieser Herausforderung stellt und erste Personen dafür gewinnen konnte.
Grundvoraussetzung für den Aufbau eines Besuchsdienstes und damit der Gewinnung von Ehrenamtlichen ist die Entwicklung und Erarbeitung einer Konzeption. Die Erfahrungen in Esslingen haben gezeigt: je genauer und detaillierter dabei die Modalitäten für den ehrenamtlichen Dienst benannt und transparent gemacht wurden, desto leichter haben sich auch Personen für diesen Dienst ansprechen und finden lassen.
Interessant war dabei, dass neben dem zeitlichen Aufwand die Flexibilität im Einbringen der Zeit entscheidend wichtig war. Ebenso hat die Frage nach der Art der Begleitung (Professionalität/ Inhalte/ Intensität) eine große Rolle bei der Entscheidung der Interessierten gespielt.
Eine gute Öffentlichkeitsarbeit (nicht nur am Anfang, sondern immer wieder in regelmäßigen Abständen) ist unerlässlich.
Reiner Zeyher, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 309-312.