„Manchmal benötigen wir für die Angehörigen fast mehr Zeit als für den Bewohner.“ Mit diesen Worten beschreibt eine Altenpflegerin das hohe Maß an Aufmerksamkeit, das manche Angehörigen einfordern. Die Begleitung und Integration von Angehörigen gewinnt in der stationären Altenhilfe immer mehr an Bedeutung. Auch der Seelsorge wachsen dabei neue Aufgaben zu.
|
Manchmal benötigen wir für die Angehörigen fast mehr Zeit als für den Bewohner. Mitarbeiterin eines Pflegeheims |
|
Immer seltener wird ein Umzug ins Alten- und Pflegeheim von einem alten Menschen selbst vorbereitet. In der Regel sind es die Angehörigen, die nach langer, Kräfte zehrender Pflege oder unter akutem Druck ein Pflegeheim für ihre Angehörigen auswählen. Nicht selten müssen sie im Vorfeld auch die Entscheidung für einen Umzug ins Pflegeheim treffen, weil der betroffene Mensch dies nicht mehr selbst tun kann. Dabei kommt es häufig innerhalb der Familien zu einem Rollenwechsel: Die Tochter muss für die Mutter entscheiden, unter Umständen gegen deren Willen. Die Ehefrau muss die Dinge für ihren Ehemann in die Hand nehmen, wo er doch ein Leben lang für sie beide entschieden hat.
Die Zahl von Ehepaaren, von denen ein Partner in einem Pflegeheim lebt, nimmt zu und wird weiter steigen. Für den zu Hause lebenden Partner geht dies oft mit einem enormen seelischen Druck und hohen finanziellen Belastungen einher. Unsicherheit, Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen auf Seiten der Angehörigen begleiten häufig den Umzug ins Pflegeheim und belasten nachhaltig die familiären Beziehungen.
|
Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil mein Mann ins Heim muss. Ehefrau |
|
Nicht selten werden diese emotionalen Belastungen in den Heimalltag übertragen und drücken sich in Überfürsorglichkeit oder auch in überhöhten Erwartungen an das Pflegepersonal aus. Es entlastet das Verhältnis zwischen Pflegenden und Angehörigen, wenn die Mitarbeitenden sich dieser inneren Konflikte und Prozesse bewusst sind.
Nicht nur in der Umzugsphase, sondern auch im alltäglichen Leben im Heim bleiben die Angehörigen wichtige Ansprechpartner, sowohl für das Personal als auch für ihre dort lebenden Familienmitglieder. Die Angehörigen sind das Sprachrohr des pflegebedürftigen alten Menschen, wenn dieser seine Wünsche und Anliegen nicht mehr selbst mitteilen kann. Sie sind zugleich auch Gesprächspartner, wenn das Pflegepersonal Informationen braucht, die der hilfsbedürftige Mensch nicht mehr selbst vermitteln kann. Die Angehörigen sind ein wichtiges Scharnier zwischen den Lebenswelten. Sie zu begleiten, ist für das Wohlergehen des Bewohners wichtig, aber vor allem um ihrer selbst willen. Auch im stationären Bereich gilt es, die seelischen und körperlichen Belastungen von Angehörigen im Blick zu behalten.
Diese Vorschläge erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sollen anregen, vor Ort geeignete Formen zur Begleitung von Angehörigen zu entwickeln.
Christa Leidig, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 302-305.