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Angehörige begleiten

„Manchmal benötigen wir für die Angehörigen fast mehr Zeit als für den Bewohner.“ Mit diesen Worten beschreibt eine Altenpflegerin das hohe Maß an Aufmerksamkeit, das manche Angehörigen einfordern. Die Begleitung und Integration von Angehörigen gewinnt in der stationären Altenhilfe immer mehr an Bedeutung. Auch der Seelsorge wachsen dabei neue Aufgaben zu.

Manchmal benötigen wir für die Angehörigen fast mehr Zeit als für den Bewohner.

Mitarbeiterin eines Pflegeheims

1. Zur Situation von Angehörigen

Immer seltener wird ein Umzug ins Alten- und Pflegeheim von einem alten Menschen selbst vorbereitet. In der Regel sind es die Angehörigen, die nach langer, Kräfte zehrender Pflege oder unter akutem Druck ein Pflegeheim für ihre Angehörigen auswählen. Nicht selten müssen sie im Vorfeld auch die Entscheidung für einen Umzug ins Pflegeheim treffen, weil der betroffene Mensch dies nicht mehr selbst tun kann. Dabei kommt es häufig innerhalb der Familien zu einem Rollenwechsel: Die Tochter muss für die Mutter entscheiden, unter Umständen gegen deren Willen. Die Ehefrau muss die Dinge für ihren Ehemann in die Hand nehmen, wo er doch ein Leben lang für sie beide entschieden hat.

Die Zahl von Ehepaaren, von denen ein Partner in einem Pflegeheim lebt, nimmt zu und wird weiter steigen. Für den zu Hause lebenden Partner geht dies oft mit einem enormen seelischen Druck und hohen finanziellen Belastungen einher. Unsicherheit, Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen auf Seiten der Angehörigen begleiten häufig den Umzug ins Pflegeheim und belasten nachhaltig die familiären Beziehungen.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil mein Mann ins Heim muss.

Ehefrau

Nicht selten werden diese emotionalen Belastungen in den Heimalltag übertragen und drücken sich in Überfürsorglichkeit oder auch in überhöhten Erwartungen an das Pflegepersonal aus. Es entlastet das Verhältnis zwischen Pflegenden und Angehörigen, wenn die Mitarbeitenden sich dieser inneren Konflikte und Prozesse bewusst sind.

Nicht nur in der Umzugsphase, sondern auch im alltäglichen Leben im Heim bleiben die Angehörigen wichtige Ansprechpartner, sowohl für das Personal als auch für ihre dort lebenden Familienmitglieder. Die Angehörigen sind das Sprachrohr des pflegebedürftigen alten Menschen, wenn dieser seine Wünsche und Anliegen nicht mehr selbst mitteilen kann. Sie sind zugleich auch Gesprächspartner, wenn das Pflegepersonal Informationen braucht, die der hilfsbedürftige Mensch nicht mehr selbst vermitteln kann. Die Angehörigen sind ein wichtiges Scharnier zwischen den Lebenswelten. Sie zu begleiten, ist für das Wohlergehen des Bewohners wichtig, aber vor allem um ihrer selbst willen. Auch im stationären Bereich gilt es, die seelischen und körperlichen Belastungen von Angehörigen im Blick zu behalten.

2. Ansätze zur Begleitung Angehöriger

  • 1. Individuelle seelsorgliche Begleitung: Das persönliche Gespräch im geschützten Rahmen gibt den Angehörigen die Möglichkeit, sich die Sorgen und Ängste von der Seele zu reden, gegenwärtige und vergangene Konfliktsituationen anzusprechen und manche Reaktion im Krankheitsbild besser einordnen zu können. Besonders in akuten Entscheidungssituationen ist das persönliche Gespräch ein wichtiges Angebot, wie zum Beispiel bei der Einwilligung zu einer Operation oder der Entscheidung für oder gegen eine Magensonde (PEG).
  • 2. Erfahrungsaustausch zwischen Angehörigen: Häufig werden in Pflegeheimen Abende für Angehörige angeboten. Sie dienen in erster Linie dazu, die Angehörigen aus der Isolation ihrer Erfahrungen herauszuholen und die Verbindung untereinander zu fördern.
  • Unterschiedliche Ansätze werden dabei verfolgt:1. Inhaltliche Abende, die relevante Themen mit einem Referenten bearbeiten, wie Änderungen in der Pflegeversicherung, Krankheitsbild Demenz oder Begleitung Sterbender;2. Gesprächskreise, die sich getrennt nach Wohnbereichen treffen und in erster Linie dem Austausch und dem Zusammenhalt dienen;3. Angehörigenabende im Vorfeld des Umzugs, um die damit verbundene Problematik besser zu erkennen und einen bewussteren Umgang damit zu fördern. Welcher Ansatz von Angehörigenabenden passt, welcher zeitliche Rhythmus sinnvoll ist und welche Personen verantwortlich mit einzubinden sind, muss jeweils vor Ort unter den gegebenen Umständen entschieden werden.
  • 3. Einbeziehung der Angehörigen in das alltägliche Leben im Heim: Häufig ist es so, dass eine verbale Kommunikation zwischen dem pflegebedürftigen Menschen und seinen Angehörigen nicht mehr möglich ist. Wenn das Wort als Kommunikationsmittel weg fällt, merken wir oft erst, wie sehr wir uns darauf beschränken. Es braucht jetzt andere, ungewohnte Formen der Begegnung. Deshalb ist es wichtig, dass die Mitarbeitenden und auch die Seelsorgerin Angehörige begleiten und ermutigen, andere Wege der Begegnung zu wagen.
  • Das kann die Mithilfe bei pflegerischen Maßnahmen sein oder das Reichen des Essens. Es kann die Ermutigung zum Singen und Lesen der Grimmschen Märchen sein oder das Einreiben des Rückens mit einem wohlriechenden Körperöl. Wichtig ist es, dass die Angehörigen sich in den pflegebedürftigen Menschen hinein denken, den sie in der Regel schon lange kennen, und sich überlegen, was ihm entspricht.
    Weiter ist zu bedenken, wie die Identifikation der Angehörigen mit dem Pflegeheim gefördert werden kann. Dies kann durch die Einladung zu jahreszeitlichen Festen und Ausflügen geschehen, durch Ideenbörsen und Vorschläge, die ernst genommen, überprüft und nach Möglichkeit gemeinsam realisiert werden, wie zum Beispiel die Einrichtung eines Wohnzimmers im Stil der 20er Jahre.
  • 4. Spirituelle Begleitung von Angehörigen: Die Einladung zu den Gottesdiensten sollte gezielt die Angehörigen und Freunde einschließen. Der gemeinsame Kirchgang ist in manchen Familien noch verwurzelt. So kann der Gottesdienst die Möglichkeit sein, ein Stück gemeinsame Biografie zu pflegen und sich miteinander unter Gottes Zuspruch zu stellen. Wenn der Besuch des Gottesdienstes nicht mehr möglich ist, kann das gemeinsame Gebet am Bett bedeutsam sein. Besonders in der Situation des Sterbens ist neben der Begleitung des Sterbenden die der Angehörigen wichtig. Aussegnungen im Zimmer und Gedenkgottesdienste für die Verstorbenen am Ende des Kirchenjahres sind Angebote spiritueller Begleitung beim Lebensabschied.

Diese Vorschläge erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sollen anregen, vor Ort geeignete Formen zur Begleitung von Angehörigen zu entwickeln.

 

Christa Leidig, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 302-305.

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