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Bestattung

Vortrag von Prof. Dr. Michael Meyer-Blanck, Universität Bonn

Bestattung als Inszenierungsaufgabe unter besonderer Berücksichtigung von Wort und Zeichen

1. Inszenierung - Darstellendes Handeln aus dem Evangelium: Grundsätzliches
Gottesdienst wird von mir grundsätzlich als Inszenierung des Evangeliums verstanden. Das bedeutet: Das Evangelium wird durch Aufführung situativ aktualisiert. Dies gilt für alle Gottesdienste, also auch den Kasualgottesdienst zur Bestattung. Dabei ist es mir wichtig, dass der Begriff Evangelium im semiotisch gefüllten Sinne als Zeichen verstanden wird. Das heißt: Das Evangelium steht für etwas die Situation Transzendierendes und in ihr nicht Aufgehendes. Zeichen stehen immer vertretend für Abwesendes. Evangelium meint die Nachricht von der Fülle des Schalom, des erfüllten Lebens jenseits von Tod, Leere und Schuld, die Nachricht vom Leben, in dem der Tod nicht mehr sein wird (Apk 21,4), aber Gott alles in allem (1 Kor 15,28). Das Evangelium ist Nachricht des Lebens.
Im semiotisch gefüllten Sinne ist dies aber noch nicht geredet, weil dies in der bisherigen Formulierung ein zweistelliger Zeichenbegriff wäre: aliquid stat pro aliquo, etwas steht für etwas anderes. Semiotisch ist aber immer eine dreistellige Relation gemeint: Etwas steht für etwas anderes im Hinblick auf ein drittes, welches das erste und das zweite neu qualifiziert und so wieder selbst zum Zeichen wird. Dieses Dritte ist der Zeichengebrauch und das Verständnis, das sich jeweils situativ unterschiedlich ergibt. Daraus folgt: Das Evangelium ist weder etwas feststehendes, noch etwas beliebiges, das jeweils neu konstruiert würde. Es wird Zeichen, indem es dargestellt und verstanden wird. Das Evangelium ist Zeichen des Schalom erst im Hinblick auf eine sich über Schalom verständigende Gemeinschaft von Zeichenbenutzern.
Traditioneller theologisch gesprochen: Das Evangelium muss verkündigt und liturgisch aktualisiert werden. Die gute Nachricht steht für etwas nur so und erst dadurch, dass sie den Prozess der Benachrichtigung vollzieht. Eben dies meine ich mit dem Begriff der Inszenierung. Es handelt sich also um eine fundamentalhermeneutische Kategorie für liturgisches Verstehen. Man könnte auch die Begrifflichkeit Schleiermachers vom darstellenden Handeln wählen. Aber dieser Begriff ist zweistellig, dyadisch missverstehbar, als handele es sich um die äußere Darstellung einer innerlich feststehenden Tatsache (etwa der frommen Gemütszustände). Dann wären Liturgie und Predigt die äußeren Zeichen innerer Tatbestände. Mit „Inszenierung“ meine ich hingegen im semiotischen Sinne, dass das Ineinander von Zeichen und Person, von Welt und Weltdeutung, von fides qua und von fides quae unhintergehbar ist. Von daher sind Zeichen keine Gegenstände (wie etwa Verkehrszeichen, welche nur in semiotischer Interpretation auch semiotische Zeichen sind). Zeichen sind vielmehr Momentaufnahmen, Schnappschüsse von aktuellen
Verstehensprozessen. Zeichen im semiotischen Sinne sind mehr Prozess als Ding. Und insofern ist auch das Evangelium Zeichen. Den Wortteil „angelium“ müsste man wörtlich als „Botschaftung“ übersetzen, wodurch der Inhalt und der Prozess zugleich genannt sind, die Sache, um die es geht wie die diese Sache kommunizierenden Menschen. Eine Nachricht gibt es nur im Prozess des Mitgeteiltwerdens: Die Sache, das Zeichen und die Mitteilung der Sache in Zeichen gehören zusammen.
Inszenierung des Evangeliums ist also keine methodische Formel, mit der ich für eine möglichst kreative Liturgiegestaltung eintrete, sondern eine praktisch-theologische Formel, die das zweistellige Gegenüber von richtiger Erkenntnis und situativer Applikation überwinden will. Die Inszenierung verfügt zwar nicht über die Wahrheit des Lebens. Doch in jeder Inszenierung steht die Wahrheit des Lebens auf dem Spiel.
In der Inszenierung des Evangeliums im Trauerfall geht es nicht bloß um tröstende Gedanken, sondern diese verstehen sich selbst vielmehr als solche Gedanken, die über sich hinaus verweisen. Umgekehrt geht es nicht um die Mitteilung ontologischer, metaphysischer Gegebenheiten, die ohne die Gedanken der Mitteilenden und Darstellenden real wären. Die Gemeinde handelt in Zeichen, um auf das zu verweisen, was es nur in den Zeichen gibt, was aber als Ursache und nicht als Ergebnis der jeweiligen Zeichen vorgestellt wird.
Das mag alles etwas unnötig kompliziert klingen, ist aber gerade für das kirchliche Handeln bei der Bestattung von größter Wichtigkeit. Dreistellig semiotisch von der Bestattung zu denken heißt die Alternative von Subjektivismus oder Konstruktivismus einerseits und von Ontologie oder Metaphysik andererseits überwinden. Nur in der Flüchtigkeit der Zeichenprozesse, nur handelnd realisiert die Gemeinde das, was ihr vorausliegt. In dieser weder subjektivistischen noch ontologischen Lesart ist dann auch das Zeichenhandeln zu interpretieren, wie es die Lebensordnung der EKU von 1999 im Entwurf zusammenfasst, zitiert in der neuen Bestattungsagende (einige [substantivierte] Verben als das den Zeichenprozess Anzeigende hebe ich hervor):
„Die kirchliche Bestattung ist eine gottesdienstliche Handlung, bei der die Gemeinde ihre verstorbenen Glieder zur letzten Ruhe geleitet, sie der Gnade Gottes befiehlt und bezeugt, dass Gottes Macht größer ist als der Tod. In der Auseinandersetzung mit Tod und Trauer bedenkt die Gemeinde Leben und Sterben im Lichte des Evangeliums und verkündigt die Auferstehung der Toten. Die Gemeinde begleitet die Sterbenden und trauert mit den Hinterbliebenen. Sie tröstet sie mit Gottes Wort und begleitet sie mit Seelsorge und Fürbitte.“[1]

2. Handeln und Reden: Das Verhältnis von Wort und Zeichen
Zu Recht wird in der neuen Agende darauf hingewiesen, dass zur liturgischen Gestaltung nicht nur "die situationsgerechte Auswahl von Texten und Gebeten" und eine "verständliche sprachliche Vermittlung auch bei den Ritualformeln" gehört, sondern auch eine erkennbare Struktur, Beteiligung der versammelten Gemeinde und "die Ausdruckskraft von Zeichenhandlungen" (BAE, 22). Gerade die Ausdruckskraft muss in dem genannten zeichentheoretischen Sinne verstanden werden. Es geht nicht um richtige oder falsche Gebärden, sondern um solche Handlungen, denen in der jeweiligen Situation ein Ausdruck im Sinne des Evangeliums zugeschrieben werden kann. Und dies bezieht sich auf verbale und nonverbale Zeichen gleichermaßen.
Im semiotischen Sinne gibt es keinen Gegensatz, ja nicht einmal einen grundsätzlichen Unterschied von Wort und Zeichen. Es gibt verschiedene Zeichensprachen: verbale, musikalische, gestische, räumliche (wie die Prozession von der Kapelle zum Grab). Im semiotischen Sinne sind auch nicht die verbalen Zeichen eindeutig und die anderen Zeichensprachen mehrdeutig. Eindeutige Zeichen gibt es per definitionem immer nur als die genannte Momentaufnahme einer bestimmten Zeicheninterpretation.
Das gesamte Bestattungshandeln hat demnach Inszenierung der Nachricht vom Leben zu sein, wobei die verschiedenen Zeichensprachen stimmig ineinander greifen und das Leben zeigen sollen. Schlecht sind darum nicht bestimmte Zeichen, sondern im schlechten Sinne routiniert und gedankenlos gesetzte Zeichen: Ein schnell aus Notizen kompilierter Nekrolog, eine Christuspredigt im Thesenstil, ein unterkühltes Bestattungswort, ein Abschiedssegen ohne Anteilnahme, ein Auferstehungswort ohne Begeisterung, oder einfacher: Das alles nicht in seiner unterschiedlichen Dramatik ernst genommen und in der Haltung des Betens, des Stehens vor Gott inszeniert, sondert abgehalten, abgelesen, abgefeiert.
Die rechte Routine ist eben die, welche die Klienten nicht merken. Daran müssen wir Ritual-Profis arbeiten. Das Würdige ist immer das Einfache – genauso wie beim guten Benehmen. Ein häufiger Irrtum besteht bekanntlich analog in der Meinung, das gute Benehmen bestehe in bestimmten komischen Formeln und Floskeln. In Wirklichkeit aber ist mit gutem Benehmen die wertschätzende Zugewandtheit gemeint. Ebenso ist es meines Erachtens auch beim Ritual: es muss so praktiziert werden, dass die anderen gar nicht merken, dass es ein Ritual ist, sondern dass darin persönliche Zuwendung kommuniziert wird. Das ist überhaupt das Geheimnis liturgischer Kunst: Alles Pathetische, Feierliche, im negativen Sinne Pastorale hat dort nichts zu suchen. Wahrhaft pastoral sein heißt, in der Routine so persönlich präsent sein, dass keiner auf den Gedanken der Routine kommt.
Die wahre Kunst ist immer das, was schwierig ist, aber einfach aussieht. Wie das geht, wissen nur die Profis – bei der Malerei, Dichtung und beim Theater und auch bei der liturgischen Kunst. Aber das Schmierentheater, das übertrieben Banale und Triviale, wenn Empfindung und Ausdruck nicht zusammen stimmen, wenn routinierte Stilmittel den Mangel an eigener Empfindung oder an Gestaltungsfähigkeit kompensieren sollen – das merkt jeder.
Die Inszenierung des Evangeliums ist also nicht abhängig von der äußeren Gestalt der Zeichen, sondern von dem Gebrauch der Zeichen. Und an dieser Stelle muss die semiotische Betrachtung mit der pastoralpsychologischen seit den 70er Jahren kombiniert werden: Es geht immer um die Kommunikation  des Evangeliums mit Worten und anderen Zeichen.
Es ist grundsätzlich theologisch daran zu erinnern, dass das Wort in der evangelischen Theologie nicht eine bestimmte Zeichensprache meint, sondern das Wort von Christus, das Wort des Lebens, nach Karl Barth bekanntlich kommuniziert in seiner dreifachen Gestalt als das geoffenbarte, das geschriebene und das verkündigte Wort Gottes (KD I,1, § 4, S. 89-128). Die theologisch-soteriologische Vorrangigkeit des Wortes kann nur die dreifache Gestalt des Christus-Wortes meinen, nicht aber die semiotisch einseitige Wahl einer bestimmten Zeichensprache (der Verbalsprache) im Gottesdienst begründen. Das Prinzip „allein durch die Schrift, allein durch das Wort“ meint also nicht „allein durch die Rede“, weil mit dem „Wort“ das Christusgeschehen gemeint ist (1 Tim 1,15). Ebenso kann es aber keine grundsätzliche Kritik an der Wortbetontheit des evangelischen Gottesdienstes geben, etwa zugunsten von ganzheitlicher Gestaltung. Denn zum einen ist das situativ verständliche, tröstende, aber nicht verharmlosende Wort ein Markenzeichen der evangelischen Kirche. Und zum anderen ergibt sich aus der semiotischen Betrachtung generell keine Bevorzugung einer bestimmten Zeichensorte - weder in der einen noch in der anderen Richtung. Es kommt vielmehr auf die Inszenierung des Evangeliums, der Nachricht vom Leben an.
Etwas kritisch sehe ich in diesem Zusammenhang auch den letzten Abschnitt der Einführung in der neuen Agende. Dort heißt es nämlich, das in den Worten zur Sprache Gekommene werde „zusätzlich durch sinnfällige Zeichenhandlungen verdeutlicht und besiegelt“ (BAE, 33): Dies klingt doch wieder nach der - zeichentheoretisch nicht haltbaren - eindeutigen Reihenfolge Worte – Zeichen.

3. Handeln des Liturgen/Handeln der Angehörigen und Gemeinde (Gemeindepädagogisches)
Elke Heidenreich schrieb vor einigen Jahren eine böse, traurige Kolumne in der Brigitte unter dem Titel „Verlogene Rituale” (Brigitte 6/1999, S. 139). Die meisten von ihr erlebten Beerdigungen seien entsetzlich gewesen, ohne Liebe zum Toten und so, als seien die Trauernden selbst auch schon tot: „Lust- und lieblos wird an den Gräbern irgendwas heruntergeredet und ich kann es diesen angemieteten Pastoren, in deren Kirchen wir uns lebend nie blicken lassen, auch nicht übelnehmen, wenn sie sich für unsere Leichen dann nur gerade so interessieren […]. Gemessenen Schrittes ans Grab, ein Schäufelchen Erde, kondolieren – wie entwürdigend trostlos ist das alles und ich denke, dass man sich sehr wohl dagegen wehren und sich beizeiten etwas anderes ausdenken, ein anderes Ritual ein anderes Beerdigungsverfahren festlegen kann.“
Elke Heidenreich wünscht sich eine selbst organisierte Beerdigung ohne professionellen Anstrich, mit alternativen, autonom inszenierten Abschiedsritualen. Dass das so einfach nicht geht, ist gerade uns professionell liturgisch Agierenden klar. Gerade in der Trauersituation ist auch die erwähnte Routine nötig, weil das Ritual sonst leicht komisch wirkt, übertrieben oder schlicht die Trauer die Menschen begräbt.
Aber die Zukunft wird keine Rituale von der Stange mehr akzeptieren, sondern zunehmend die individuell angemessene Gestaltung verlangen oder eine entsprechende Mitwirkung der Familie. Das wird nur für wenige gelten – und ob Elke Heidenreich in der Trauersituation dann tatsächlich selbst aktiv werden will und wird oder dies nur jetzt fordert, steht dahin. Aber die Wünsche in dieser Richtung werden zunehmen. Dies zeigen vor allem die veränderten Musikwünsche, auf die die neue Agende ja auch eingeht (BAE, 31). Außerdem wird zu Recht die Beteiligung der Angehörigen und anderer Gemeindeglieder an der Formulierung von Gebeten empfohlen (BAE, 29). Dazu könnte auch die Liste mit inhaltlichen Anregungen zur Formulierung von Fürbitten im Textteil helfen (BAE, 265).
Es ist schließlich daran zu erinnern, dass die Bestattung mit dem Weg von der Kapelle zum Grab die letzte regelmäßige evangelische Prozession enthält – etwas merkwürdig übrigens, wo so viel davon geredet wird, das wir „gemeinsam auf dem Weg“ sind. Dies sollte Grund genug sein, Würdigkeit, Ordnung, und Schönheit, aber auch Kommunikativität und Zuwendung dieser Prozession ernst zu nehmen und als Gestaltungsaufgabe aufzufassen.

4. Handeln an den Lebenden – Handeln am Toten
Ich bin mit der Entgegensetzung pastoral sozialisiert worden: Die Bestattung ist nicht das Handeln am Toten, sondern das Handeln in der und an der Gemeinde. Dies kann reformatorisch gut begründet werden (etwa mit dem der neuen Agende vorangestellten Abschnitt aus der kurpfälzischen Kirchenordnung von 1563, BAE, 9). Verbinden lässt sich das dann noch mit einer pastoralpsychologischen Beschreibung der homiletisch-seelsorglichen Begleitung der Anwesenden. Doch beide Begründungsfiguren enthalten nicht alles, vor allem treffen sie nur bedingt das Empfinden der Gemeinde und der Angehörigen.
Die Agenden sind denn auch nie so konsequent gewesen wie diese grundsätzliche Sicht. Selbst „Gottesdienst menschlich“ aus den 70er Jahren stellt zwar fest: „Es geht nicht um den Toten, weder im Blick auf seine Vergangenheit noch im Blick auf seine Zukunft.“[2] In der Bestattungsformel ist dann aber auch gesagt: „Wir begraben N.N., legen Erde zu Erde. […]“ (81). Und in der vertrauten Bestattungsformel der alten EKU-Agende wurde sogar der Tote angeredet: „Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden. Jesus Christus, unser Erlöser, wird dich auferwecken am Jüngsten Tage.“[3] In der neuen Agende erfolgt die Anrede in der 2. Person Singular noch im Abschiedssegen (BAE, 84 u.ö.) zwischen Bestattungswort und Auferstehungswort, bzw. im Valetsegen vor oder unmittelbar nach dem Eintritt des Todes (BAE, 56. 59. 66).
Bei der Frage des Handelns an den Toten muss man aber die grundlegende Unterscheidung zwischen soteriologischem und inszenatorischem, zeichenhaft-erinnerndem Handeln am Verstorbenen treffen. Reformatorisch ist fest zu halten, dass die Meinung verfehlt ist, es „würde den Verstorbenen mit unserem Tun etwas geholfen.“ (Kurpf. Kirchenordnung, BAE, 9). Man kann aber dieses soteriologisch fundamentale Anliegen aber nicht durch pastoralpsychologisch letztlich unangemessenes Handeln sichern wollen. Denn in der Phase der Bestattung und noch lange Zeit danach werden die Toten ja gerade noch nicht als tot empfunden. Es wird so davon berichtet, wie Trauernde Verstorbene „noch als anwesend, in Gestalt eines Geist- oder Engelwesens” erleben.[4] Und es ist auch jedem vertraut, wie eine Bestattungsfeier ohne Sarg bzw. ohne Urne einen ganz anderen Charakter hat. Für die sich an den Toten erinnernde Gemeinde vollzieht sich in der Bestattung noch einmal in besonderer Weise Gemeinschaft mit dem Toten und insofern ist die Liturgie notwendig immer auch Handeln am Toten, im erinnernden, inszenatorischen Sinne.
Semiotisch lässt sich nun zwischen den beiden extremen Sichtweisen „Handeln am Toten – ja oder nein“ in der angedeuteten Richtung vermitteln. Nicht ontologisch wird am Toten gehandelt, sondern zeichenhaft. Der tote Leib ist Zeichen für die gesamte Relationalität des verstorbenen Menschen, für seine Beziehung zu den Trauernden, zu Gott, zur Welt, zu sich selbst, zu allem, was er bedeutet hat und von der Taufe her als Glied am Leib Christi weiter bedeutet. Handeln am Toten ist ein Handeln am Leib als dem Zeichen, welches das alles jetzt vertritt. Niemand, der einen Verstorbenen streichelt, meint, ihm damit real etwas Gutes zu tun. Und doch handelt man so, um das seiner eigenen Beziehung zu dem geliebten Menschen Entsprechende und damit Angemessene zu tun. Insofern ist und bleibt der Tote eine Realität. Gehandelt wird mindestens an seinen Zeichen, man könnte auch sagen: Gehandelt wird an den Spuren, die er im Leben der Anwesenden hinterlassen hat.
Insofern ist es auch legitim, den Toten während der Trauerfeier – wie etwa im Abschiedssegen der neuen Agende – explizit anzureden. Damit wird die soteriologische Einsicht in das alleinige Gnadenhandeln Gottes nicht gefährdet, sondern zeichenhaft angeeignet: Wir handeln am Toten so, dass wir von der lebenden Verewigung der von Gott her geltenden Relationalität zu uns entsprechen. Dies will ich jetzt noch an den Einzelheiten der Kernhandlung der neuen Bestattungsliturgie zeigen.

5. Darstellendes Handeln nach der neuen EKU-Agende (2001)
Wir inszenieren am Toten als Zeichen den Vorrang der „ewigen Seligkeit“ vor der Todesrealität. Was Gott in der Taufe zusagt, nehmen wir ernster als die medizinischen Tatsachen. Und man kann sagen, dass erst das Handeln am Toten damit Ernst macht, weil es in Szene setzt, dass das medizinische Handeln nicht alles ist. Die Medizin kann schon systemtheoretisch den Menschen nicht als toten Menschen denken, weil sie im Gegensatz von körperlicher Gesundheit versus Krankheit und Sterben ihr Spezifikum hat. Der Glaube kann den Menschen als Toten denken, weil sie ihn gleichzeitig als umfassende Relationalität denkt, die nicht mit dem Tod beendet ist.
Von daher erhält auch die Rede von der Unsterblichkeit der Seele ihr begrenztes Recht zurück. Denn wenn die Unsterblichkeit nicht auf Teile des Menschseins eingeengt wird (etwa auf einen wie auch immer gedachten Wesenskern), sondern auf seine gesamte Existenz vor Gott bezogen wird, dann kann man mit Luther durchaus von der Unsterblichkeit des Gottesbezuges sprechen, der besonders in dem in der Taufe mitgeteilten Geist Gottes erkennbar wird: „Wo aber und mit wem Gott redet, sei es im Zorn oder in der Gnade, der ist gewiss unsterblich.”[5]
Der Tote als Zeichen seiner umfassenden Relationalität wird in der Prozession zum Grab begleitet; im Bewusstsein der Agende und der Gemeinde sicherlich zeichenhaft, weil jeder weiß, dass N.N. nun nicht mehr real da ist, sondern im Zeichen seiner sterblichen Überreste. Dennoch wird in dieser zeichenhaften, der Empfindung entsprechenden Art und Weise die liturgische Formel zur Einleitung der Prozession gesprochen: „Wir begleiten N.N. auf ihrem / seinem letzten Weg.“ (BAE, 83).
Die drei Schritte des Bestattungshandelns inszenieren nun zunächst den realen Tod, den Abbruch die Verhältnislosigkeit des bisherigen Lebens im Bestattungswort: „Wir nehmen Abschied von […] N.N., die /der durch den Tod von uns genommen wurde.“ Wohl zu Recht steht diese traurige Realität am Beginn des Dreischrittes. Der Tote wird anhand des Zeichens seines Leibes Gott anvertraut: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Gott ist der Schöpfer des Lebens und Herr über den Tod. Ihm befehlen wir […] N.N. an.“
Danach wird der Tote ausgesegnet, mit Ps. 121,8 oder einem anderen trinitarischen Segenswort; vergleichbar dem Valetsegen im Umfeld des Sterbens. Auch hier wird zeichenhaft am Toten gehandelt. Es wird am toten Leib als Zeichen die umfassende Relationalität zu Gott und zu den Menschen in ihrer den Tod überdauernden Realität glaubend inszeniert. Es wird dem Toten nicht in falscher synergistischer Weise „geholfen“ (s.o. zur Kurpf. Kirchenordung), sondern es wird die dauerhafte Geltung des Segens Gottes über den Tod hinaus am Toten vergegenwärtigt.
Mit diesen beiden ersten Schritten sind die beiden Lesarten des Todes dargestellt worden: Der Abbruch von irdischen Beziehungen und die dauerhafte Geltung der Gottesbeziehung. Diese beiden Lesarten werden nun im dritten Schritt, dem Auferstehungswort, von der Vergangenheit und Gegenwart erweitert auf die Zukunft hin: „Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Kraft.“ (BAE, 85). Mit diesem Schritt zur Zukunft ist gleichzeitig der Schritt zur aktuell versammelten Gemeinde und ihrem grundlegenden Glauben vollzogen. Dies zeigt sich im abschließenden Vaterunser und Schlusssegen, entsprechend der Sequenz „Entlassung und Segen“ im Gottesdienst.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die neue Agende in angemessen vorsichtiger Weise auch das Handeln am Toten wagt. Es ist die Sache der Liturginnen und Liturgen, dies nicht ontologisch  oder synergistisch zu verstehen und zu lehren, aber mit der notwendigen Liebe und Sorgfalt und dem Ernstnehmen der eigenen Zeichenhandlungen. Eine sachgemäße semiotische Interpretation eröffnet gerade die Möglichkeit, den Schwellenempfindungen der Trauernden - zwischen Bindung an den Toten und beginnender Ablösung[6] - zu entsprechen. So eröffnet sich die Möglichkeit, „dass sich die christliche Bestattungskultur befreit vom Druck des rationalisierten, unpersönlichen und gefühlsarmen Umgangs mit Tod und Trauer in unserer Gesellschaft.“[7]

Prof. Dr. Michael Meyer-Blanck
Weißenburgstr. 21
53175 Bonn, Tel.: 0228/314560
E-Mail: meyer-blanck@uni-bonn.de


[1] Ordnung des kirchlichen Lebens der Ev. Kirche der Union von 1999, Art. 65 (Präambel zur Bestattung), zitiert nach der neuen Agende der EKU: Bestattung. Entwurf, hrsg. von der Kirchenkanzlei der EKU im Auftrag des Rates der EKU, April 2001, S. 17. Aus dieser Bestattungsagende /Entwurf zitiere ich im folgenden im Text unter dem Kürzel BAE mit Seitenzahlen.

[2] F.K. Barth, G. Grenz, P. Horst, Gottesdienst menschlich. Taufe – Konfirmation – Abendmahl – Eheschließung – Beerdigung. Eine Agende, Wuppertal 31977 [1973], 121, dort kursiv.

[3] Zitiert nach BAE, 16.

[4] P. Zimmermann, Der Gottesdienst am Totensonntag. Wahrnehmungen aus der Perspektive der Trauernden, in: PTh 88 (1999), 452-467: 461. Die entscheidenden Fragen für eine Trauernde waren: “Wohin ist die tote Mutter gegangen? Geht es ihr dort gut, wo sie ist? Wird es einmal ein Wiedersehen geben?” (464)

[5] Aus der Genesisvorlesung WA 43, 481, zitiert bei W. Härle, Dogmatik, Berlin/New York 1995, 605.

[6] Mit V. Turner kann man von einer „liminoiden“ Inszenierung sprechen, s. dazu Christoph Schneider-Harpprecht, Die kirchliche Bestattung angesichts einer neuen Kultur im Umgang mit Tod und Trauer, in: JLH  40 (2001), 27-44: 35f.

[7] C. Schneider-Harpprecht, aaO., 27.

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