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Abendsegen

Warum läuten abends die Glocken, auch wenn kein Gottesdienst ist?

Tageszeitliches Ritual

Hätten Sie's gewusst?
In meiner Kinderzeit wurde mir gesagt: „Wenn die Betglocke läutet, bedeutet das, nach Hause zu kommen.“

Betglocke? Eine Aufforderung, den Arbeitstag mit einem Gebet (z.B. dem Vaterunser) abzuschließen. Nach Hause kommen, den Tag überdenken, danken, loben, sich freuen, Mühsal beklagen, Hoffnung ausdrücken, sich erinnern, was war – diese Gedanken waren Motivation, diese Tradition auf den Stationen im Altenpflegeheim am Spätnachmittag mit den Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern wieder aufzunehmen:

Draußen dämmert es. Zehn Menschen sitzen im Wintergarten um zusammengestellte Tische.
Frau G. ist so müde, dass sie den Kopf auf einen der Tische gelegt hat. Frau F. sitzt zusammengesunken, ihre Augen sind geschlossen. Frau A. fragt mich: „Was soll ich jetzt tun?“ Ich nehme sie an der Hand. Zusammen setzen wir uns an einen Tisch. Frau Sch. ist in eine Illustrierte vertieft. Eine Angehörige fragt: „Wie lange geht's?“ „Nicht länger als 15 Minuten“, antworte ich ihr. Frau P. hält meine Hand fest und fragt: „Bleibst du jetzt da?“ Ich nicke ihr zu. Herr J. schiebt seinen Gehwagen im Kreis, er will sich nicht setzen.

Nun wollen wir singen das Abendlied und beten, dass Gott uns behüt.

Abendlied

Ich zünde drei dicke, rote Kerzen an und stelle sie in die Mitte des Tisches, auf den die Schwester bereits eine Tischdecke gelegt und einen Blumenstrauß gestellt hat. Ich schalte den CD-Spieler ein. Glockengeläut ertönt.

Frau G. richtet sich auf und fragt erschrocken: „Ist jemand gestorben?“ Ich beruhige sie mit dem Anfang des Liedes „Nun wollen wir singen das Abendlied und beten, dass Gott uns behüt“. Fast alle singen mit. Ich begleite mit meiner Gitarre. Frau F. blinzelt kurz, Frau Sch. richtet ihren Blick auf mich. Langsam spreche ich „Geborgen ist mein Leben in Gott. Du hältst mich in deinen Händen ...“

Alle sind ruhig geworden und hören aufmerksam zu.
Diese gesammelte Stille berührt mich. Frau B. wird von einer Betreuerin gebracht. Ich unterbreche das Gebet und überbrücke die Unruhe mit ein paar Akkorden auf der Gitarre. Beim Vaterunser setzt Herr J. plötzlich mit kräftiger Stimme ein. Segnend lege ich nacheinander allen die Hände auf. Erwartungsvoll schauen sie mich an. Frau G. und Frau P. fließen Tränen über das Gesicht. Auch eine Besucherin ist gerührt. Herr J. faltet die Hände, als ich ihm die Hände auflege und für ihn den aaronitischen Segen spreche. Miteinander singen wir: „Breit aus die Flügel beide...“ Erinnerungen werden wach: „Das habe ich meinen Kindern immer gesungen“, sagt Frau St. und Frau M. nickt. Eine sehr nachdenkliche, intensive Atmosphäre ist spürbar. Danach verabschiede ich mich von allen, manchmal füge ich einen persönlichen Wunsch hinzu, der zu diesem Menschen passt.

Das habe ich meinen Kindern immer gesungen!

Bewohnerin

Die Liturgie des Abendsegens ist einfach:

  • Glockengeläut
  • Gruß, eventuell mit kurzer Erinnerung, was heute war
  • Lied „Nun wollen wir singen das Abendlied“
  • Psalm, Liedvers oder einGedicht
  • Vaterunser
  • Abendlied
  • Segen
  • Glockengeläut.

Worte und Musik sollen die Seele berühren, Ängste aufnehmen, beruhigen und trösten. Geeignet sind vor allem vertraute und gängige Texte,Lieder und Psalmen.

 

Ruth Dittus, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 93-94.

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