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Aktuelles

"Seelsorge im Alter" nimmt Gestalt an

Engagierte zweier Teilprojekte präsentierten ihre Ergebnisse

Ob „meet and eat“ in Nürtingen oder die Freitagsrunde in Mössingen, ob Schulungen für den Besuchsdienst in Bietigheim oder das spezielle Konzept zum Umgang mit demenziell Erkrankten in Köngen: Beim 3. Vernetzungstreffen des Projekts „Seelsorge im Alter“ präsentierten Diakoniestationen, Krankenpflegevereine und Kirchengemeinden aus ganz Württemberg die Früchte ihrer Arbeit in den vergangenen Monaten.

An Stellwänden und auf Tischen konnte man Schritte zum Aufbau eines Besuchsdienstes nachlesen, den Inhalt eines Korbes zur Aktivierung Demenzkranker bestaunen oder sich über die Steine wundern, die einen Wert von zwei Arbeitsstunden haben. Über das große Engagement der Haupt- und Ehrenamtlichen freuten sich die Kirchenrätinnen Dr. Karin Grau von der Evangelischen Landeskirche und Heike Baehrens vom Diakonischen Werk Württemberg. Im Teilprojekt 1 geht es um „Ehrenamtliche gewinnen und schulen“, während im Teilprojekt 2 „Seelsorgeangebote für Mitarbeitende in Pflege, Hauswirtschaft und Nachbarschaftshilfe“ erarbeitet und umgesetzt werden.

„Es geht um unsere Ältesten, die in den Kirchengemeinden leben“, sagte Dr. Karin Grau. Ebenso wichtig sei die Unterstützung derer, die sie pflegen und betreuen. Heike Baehrens zeigte sich beeindruckt von der Vielfalt der entstandenen Angebote. Im Sinne eines weiten Seelsorgeverständnisses gehe es darum Zeit zu schenken Gemeinschaft zu ermöglichen und sich gegenseitig zu stärken. Dazu brauche es eine „Kultur der Achtsamkeit“, Baehrens ist sich sicher: „Seelsorge ereignet sich häufiger als wir denken.“ Verschiedene Voten der Projektbeteiligten bestätigten, dass das Projekt eine gute Struktur für Austausch und Reflexion biete. Mitarbeitende von Diakonie- und Sozialstationen bekräftigten, dass Begegnung und Seelsorge vor allem Zeit und geeignete Orte brauche. Die Vertreter der Kirchengemeinden zeigten sich überzeugt, dass ehrenamtliches Engagement angewiesen sei auf geeignete Strukturen und gezielte Förderung durch Hauptamtliche.

Geleitet wird das Projekt „Seelsorge im Alter“ für die Landeskirche von Pfarrerin Marianne Baisch, für das Diakonische Werk von Pfarrer Dr. Joachim Rückle. Im April 2012 sind die ersten beiden Teilprojekte gestartet. Die zweite Projektphase beschäftigt sich jetzt damit, wie Mitarbeitende in Pflege, Hauswirtschaft und Nachbarschaftshilfe für die Seelsorge qualifiziert werden können sowie mit der Vernetzung von Kirchengemeinden und diakonischen Diensten und Einrichtungen. Bewerbungen sind bis Mitte Juli möglich. Das Projekt endet im Jahr 2015.

Seelsorge im Alter
Diakonisches Werk Württemberg
Heilbronner Str. 180
70191 Stuttgart
Marianne Baisch, 0711 1656-196, baisch.m@dont-want-spam.diakonie-wuerttemberg.de
Dr. Joachim Rückle, 0711 1656-267, rueckle.j@dont-want-spam.diakonie-wuerttemberg.de
www.seelsorge-im-alter.de

 

 

"Die Kirche wäre zu glatt, wenn es nicht die runzeligen Leute gäbe"

Marianne Baisch

Marianne Baisch

(Evangelische Landeskirche)

 

Dr. Joachim Rückle

(Diakonisches Werk)

Braucht es für die Hochbetagten eigene Seelsorge-Angebote? Und wie sieht ein Projekt wie "Seelsorge im Alter" in der Landeskirche aus? Mit den Projektverantwortlichen Dr. Joachim Rückle (Diakonisches Werk) und Marianne Baisch (Evangelische Landeskirche) sprach Jasmin Schönemann.
Das Interview wurde zuerst in "Für Arbeit und Besinnung" (a & b) veröffentlicht.

a & b: Wofür braucht es so ein Projekt wie "Seelsorge im Alter"?
Rückle: Ein zentrales Anliegen unseres Projektes ist die Vernetzung von Kirchengemeinden mit diakonischen Einrichtungen und Diensten. Es ist ein Problem, dass die sehr alten Menschen als der am stärksten wachsende Teil der Bevölkerung nicht im Bewusstsein sind. Die Menschen, die man nicht hört, die man nicht sieht, sind nicht existent. Aber: Sie sind eben doch da und sie haben dieselbe Würde wie jeder andere Mensch auch. Dafür müssen wir das Bewusstsein schärfen.
Baisch: "Seelsorge im Alter" leistet einen Beitrag, dass hilfe- und pflegebedürftige ältere Menschen im häuslichen Umfeld seelsorglich gut begleitet werden. Das ist unser Ziel.

a & b: Wie sieht das konkret aus?
Rückle: In Kirchheim/Teck arbeitet zum Beispiel die Diakonie- und Sozialstation mit drei Kirchengemeinden zusammen. Die Mitarbeitenden fragen bei einzelnen pflegebedürftigen Menschen nach, ob sie gerne besucht werden möchten. Im Rahmen des Projekts geht es jetzt darum, eine kontinuierliche Fortbildung für die Mitarbeitenden zu entwickeln, zusätzliche Ehrenamtliche anzusprechen und auch andere Kirchengemeinden als Kooperationspartner zu gewinnen.  

a & b: Seelsorge im Alter – das impliziert, dass es im Alter eine andere Art von Seelsorge braucht als in anderen Lebensphasen.
Baisch: Die Krisen potenzieren sich. Krankheiten nehmen zu. Das Thema Demenz taucht ab einem gewissen Alter auch auf.

a & b: Heißt das, dass im Alter der Bedarf an Seelsorge wächst?
Baisch: Das würde ich so nicht sagen. Man gesteht sich den Bedarf wohl aber mehr ein. Den kann ich als Mensch mittleren Alters viel mehr kaschieren. Wenn ich z. B. das Bild von mir selber habe: „Ich muss alles allein hinbekommen.“ Im Alter merke ich dann, das trägt nicht mehr, weil es wirklich nicht mehr geht.
Rückle: Es gibt Unterschiede: Klassische Seelsorge versteht sich primär als Gespräch. Seelsorge im Alter kann nicht nur aufs Gespräch setzen. Bei dementen Menschen braucht es andere Zugänge: Singen, Berührungen.
Baisch: Bei Besuchen von hochaltrigen Menschen komme ich aber auch sehr beschenkt zurück. Die haben so irre viel erlebt und haben sich durchgeschlagen. Und sie haben dennoch eine Art gefunden mit ihren Erlebnissen umzugehen. Da ziehe ich innerlich den Hut.

a & b: Was hält das Alter, was halten die Alten für die Kirche als Reichtum bereit? Anders formuliert: Was fehlt den Gemeinden, wenn die Alten fehlen?
Baisch: Ganz viel Erfahrung. Auch die Erfahrung mit Krisen umzugehen. Wir würden auch einen Traditionsabbruch erleben. Für mich haben viele Alte auch etwas von einem Vorbild und viel Ausstrahlung.
Manche alten Gesichter sprechen einfach für sich. Vielleicht wäre mir die Kirche auch zu glatt, wenn es nicht auch die runzeligen Leute gäbe. Ich erlebe auch ganz viele alte Menschen, die unheimlich gelassen mit Dingen umgehen und sich selber und ihre Umgebung zwar wichtig nehmen, aber nicht mehr bierernst. Die haben eine gute Selbstdistanz.
Rückle: Die Alten stellen auch unsere Leistungsgesellschaft in Frage. Eine Relativierung, die sehr heilsam ist. Manche Besuche sind auch eine Last. Das fängt schon damit an, dass es furchtbar in der Wohnung riecht. Hier muss sich der Glaube dann in der Tat bewähren.
Und in Seniorenkreisen wird oft am meisten gelacht. Der Humor, den alte Leute oft haben, und ihre Herzlichkeit, das tut uns manchmal gehetzten Jüngeren einfach gut. Im Bezug auf Demenz haben wir auch die Chance, das Elementare zu entdecken: Da werde ich gezwungen, mich ganz auf das Hier und Jetzt einzulassen. Hier zählt nur das, was jetzt an Nähe da ist.
 
a & b: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Projekt
Hilfe- und pflegebedürftige ältere Menschen, die zu Hause leben, sollen seelsorglich besser begleitet werden. Dazu haben die Evangelische Landeskirche in Württemberg und das Diakonische Werk Württemberg gemeinsam das Projekt Seelsorge im Alter eingerichtet. Es unterstützt Kirchengemeinden und diakonische Dienste und Einrichtungen bei konkreten Initiativen, die dem seelischen Wohl hilfe- und pflegebedürftiger älterer Menschen und ihrer Bezugspersonen dienen. Geleitet wird das Projekt von Pfarrerin Marianne Baisch für die Landeskirche und Pfarrer Dr. Joachim Rückle für das Diakonische Werk. Das Projekt Seelsorge im Alter erreicht sein Ziel durch vier Teilprojekte: Ehrenamtliche gewinnen und schulen, Seelsorgeangebote für Mitarbeitende n Pflege, Hauswirtschaft und Nachbarschaftshilfe, Mitarbeitende in Pflege, Hauswirtschaft und Nachbarschaftshilfe für die Seelsorge qualifizieren und Vernetzung von Kirchengemeinden, diakonischen Diensten und Einrichtungen. Die beiden zuletzt genannten Teilprojekte sind gerade in der Praxisphase.

 

 

Projekt Seelsorge im Alter läuft mit neun Projekten vor Ort

Ehrenamtliche gewinnen und schulen – zu diesem Teilprojekt werden seit einiger Zeit an vier Orten in der Landeskirche konkrete Initiativen entwickelt und umgesetzt. Die evangelische Gesamtkirchengemeinde Bietigheim, die evangelische Kirchengemeinde (Waiblingen-)Hegnach, der Krankenpflegeverein Köngen und die Diakoniestation Teck sind dabei neue Konzepte zu entwickeln, wie sie Ehrenamtliche für die Seelsorge mit alten Menschen gewinnen und sie zusammen mit bereits vorhandenen Kräften für diese wichtige Aufgabe schulen können.

Für das zweite Teilprojekt, Seelsorgeangebote für Mitarbeitende in Pflege, Hauswirtschaft und Nachbarschaftshilfe, haben sich fünf Einrichtungen gemeldet: Die Diakonie-Sozialstation Mössingen-Bodelshausen-Ofterdingen, die Diakoniestationen Nürtingen und Wieslauftal Welzheimer Wald, die Kirchliche Sozialstation Sachsenheim sowie der Ambulante Dienst, Wohn- und Pflegestift Ebersbach/Fils. Sie alle wollen Angebote konzipieren, wie sie ihre Mitarbeitenden unterstützen und entlasten können bei ihrem wertvollen und anstrengenden Dienst, alte Menschen zu Hause zu pflegen. Die Beteiligung am Projekt dient auch dazu, das diakonische Profil der Einrichtung zu stärken.

 

Begleitet werden die einzelnen Projekte durch BeraterInnen der AG Gemeindeberatung in Württemberg (AGGW).
Im Mai fand ein erstes Vernetzungstreffen aller Kirchengemeinden und Einrichtungen statt. Kirchenrätin Dr. Karin Grau begrüßte die Anwesenden in der Landesgeschäftsstelle des Diakonischen Werkes. Anschließend stellten die Projektverantwortlichen ihre Pläne vor und bekamen Anregungen von den anderen TeilnehmerInnen.

In der Teilgruppe „Ehrenamtliche gewinnen und schulen“ zeigte sich, dass trotz der sehr unterschiedlichen Ausgangskonstellationen ähnliche Fragen zu klären sind: Wie gelingt es neue Ehrenamtliche anzusprechen und zu gewinnen? Wie viel Gestaltungsspielraum gibt man ihnen? Wie soll die Begleitung und Schulung aussehen? Deutlich zeigte sich wie wichtig Kooperationen vor Ort sind, weil dadurch neue Ideen entstehen und umgesetzt werden können. Im Hintergrund steht auch jeweils die Frage, wie sehr eine Kirchengemeinde bereit ist sich zu öffnen für Menschen, die wenig Verbindungen zur Gemeinde haben.

Innerhalb der Teilgruppe „Seelsorgeangebote…“ entspannen sich lebhafte und interessante Diskussionen über Fragebogen zur Mitarbeiterzufriedenheit, die Frage, wo Seelsorgeangebote aufhören und die Qualifizierung der Mitarbeitenden für Seelsorge beginnt, den Sinn von Seelsorgegesprächen durch Außenstehende usw.

In der Schlussrunde wurde besonders hervorgehoben wie gut es tut zu merken, dass man nicht allein unterwegs ist und wie hilfreich die Meinung von anderen ist. Eine Teilnehmerin sagte: „Dieser Nachmittag war für mich selbst Seelsorge.“
Damit ist eingetroffen, was wir uns für das Projekt erhofft hatten: dass die Beteiligung nicht nur Arbeit ist, sondern der Gemeinde, der Einrichtung und auch den TeilnehmerInnen persönlich Gewinn bringt.

 

Zu den Teilprojekten 3, Mitarbeitende in Pflege, Hauswirtschaft und Nachbarschaftshilfe für die Seelsorge qualifizieren, und 4, Vernetzung von Kirchengemeinden und diakonischen Diensten / Einrichtungen, werden die Projekte vor Ort im Herbst 2013 ausgeschrieben. Auch hier besteht dann wieder die Möglichkeit für jeweils sechs Kirchengemeinden oder Einrichtungen, sich zu bewerben. Im Rahmen des Teilprojekts 4 sind außerdem einzelne Fortbildungsangebote geplant. Möglich sind auch Vorträge oder thematische Gottesdienste. Für interessierte Einrichtungen / Dienste und Gemeinden ist es sinnvoll, bei Interesse Kontakt mit den  Projektleitenden Marianne Baisch und Dr. Joachim Rückle aufzunehmen.

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