Station 1: Balla di colore (Die Fülle sehen)
Die Amseln haben Sonne getrunken.
Aus allen Gärten strahlen die Lieder.
In allen Herzen nisten die Amseln,
und alle Herzen werden zu Gärten
und blühen wieder.
Nun wachsen der Erde die großen Flügel
und allen Träumen neues Gefieder.
Alle Menschen werden wie Vögel
und bauen Nester im Blauen.
Nun sprechen die Bäume im grünen Gedränge
und rauschen Gesänge zur hohen Sonne.
In allen Seelen badet die Sonne.
Alle Wasser stehen in Flammen.
Frühling bringt Wasser und Feuer
liebend zusammen.
(Max Dauthendey, in: Literarisches Geburtstagsbuch, Stuttgart 2003, S. 239)
Schön, Gott, wie die Sonne durch die Wolken blinzelt.
Es sieht so aus, als sei sie gespannt auf den neuen Tag.
Und ich?
Müdegespannt
vertraue ich mich der Möglichkeit an,
dass es etwas zu entdecken gibt,
was deine Fülle atmet.
(Gebet: Matthias Hannig, Backnang)
Station 2: Beuys-Platz (Von Worten leben)
Eines Tages kam ein Bekannter zum griechischen Philosophen Sokrates gelaufen. "Höre, Sokrates, ich muss dir berichten, wie dein Freund...." "Halt ein", unterbrach ihn der Philosoph. "Hast du das, was du mir sagen willst, durch drei Siebe gesiebt?" "Drei Siebe? Welche?" fragte der andere verwundert. "Ja! Drei Siebe! Das erste ist das Sieb der Wahrheit. Hast du das, was du mir berichten willst, geprüft ob es auch wahr ist?" "Nein, ich hörte es erzählen, und..." "Nun, so hast du sicher mit dem zweiten Sieb, dem Sieb der Güte, geprüft. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht wahr ist – wenigstens gut?" Der andere zögerte. "Nein, das ist es eigentlich nicht. Im Gegenteil....." "Nun", unterbrach ihn Sokrates. "so wollen wir noch das dritte Sieb nehmen und uns fragen ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich so zu erregen scheint. "Notwendig gerade nicht...." "Also", lächelte der Weise, "wenn das, was du mir eben sagen wolltest, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste weder dich noch mich damit."
(zitiert nach: Manfred Frigger, Frühschicht – Spätschicht, Freiburg 1984, S. 62)
Worte enttäuschen. Worte verletzen. Worte machen Angst. Worte zwingen in die Knie. Dein Wort ist anders, Gott: es bejaht, es richtet auf, es ist lebensverliebt. Erfülle uns mit deinem Wort. Mach uns zu deinem Wort.
(Gebet: Matthias Hannig, Backnang)
Station 3: Radio Limes (Lebensklängen trauen)
Nicht vor Sehnsucht sterben, sondern leben vor Sehnsucht nach Leben
Nicht vor Liebe irrsinnig werden, sondern wie von Sinnen die Irrenden lieben in ihrer Suche nach Leben.
Nicht vor Angst zittern, sondern ruhig werdenvor dem Zittern nach Leben.
Nicht vor Hass erkalten und nicht vor Kälte hassen, sondern sich wärmen und atmen nach Leben.
Nicht vor Schwäche umfallen, sondern aufstehen mit anderen für den Wunsch nach Leben.
Und manchmal, manchmal weinen und nicht fassen können in den verhangenden Stunden das Glück zu leben.
(Johann Voß, in: Gottesklang, Das kleine Liederbuch, Stuttgart 1999, S. 154)
Gott, in mir klingt dein Lied. Ich lausche ihm nach, lasse mich von Ja-Tönen gefangen nehmen, vertraue dem Hoffnungstakt. Seelenbeglückt gehe ich meinen Weg von Klang zu Klang, stimme mich ein auf dein Lob.
(Gebet: Matthias Hannig, Backnang)
Station 4: Schwartenallee (Weite entdecken)
Ihr sollt nicht eure Flügel falten, damit ihr durch Türen kommt, noch eure Köpfe beugen, damit sie nicht gegen eine Decke stoßen, noch Angst haben zu atmen, damit die Mauern nicht bersten und einstürzen.
Ihr sollt nicht in Gräbern wohnen, die von den Toten für die Lebenden gemacht sind. Und obwohl von Pracht und Glanz, sollte euer Haus weder euer Geheimnis hüten, noch eure Sehnsucht beherbergen. Denn was grenzenlos in euch ist, wohnt im Palast des Himmels, dessen Tor der Morgennebel ist und dessen Fenster die Lieder und die Stille der Nacht sind.
(Khalil Gibran)
Weiteverliebt sind wir, Gott. Wir können nicht anders, als daran zu glauben, dass du damit etwas zu tun hast - ist es doch deine Lieblingsbeschäftigung, unseren Blick auf den Horizont hinter dem Horizont zu lenken.
(Gebet: Matthias Hannig, Backnang)
Station 5: Unter-den-Wurzeln-Steg (Gelassenheit üben)
1. Nur für heute werde ich mich bemühen, den Tag zu erleben, ohne das Problem meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.
2. Nur für heute werde ich große Sorgfalt in mein Auftreten legen: vornehm in meinem Verhalten; ich werde niemand kritisieren, ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern - nur mich selbst.
3. Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin - nicht für die anderen, sondern auch für diese Welt.
4. Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.
5. Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen; wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist eine gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.
6. Nur für heute werde ich eine gute Tat verbringen, und ich werde es niemandem erzählen.
7. Nur für heute werde ich etwas tun, für das ich keine Lust habe zu tun: sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass es niemand merkt.
8. Nur für heute werde ich fest glauben - selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten - , dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt.
9. Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist - und ich werde an die Güte glauben.
10. Nur für heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: vor der Hetze und der Unentschlossenheit.
(Papst Johannes XXIII, in: Ev. Gesangbuch, Ausgabe Württemberg, Stuttgart 1996, S. 1199)
Bin, der ich bin. Möchte mich manchmal anders: weniger ängstlich vielleicht, dafür mit etwas mehr Zielgerichtetheit ausgestattet. Bin, der ich bin. Gehe deshalb manchmal ins Gericht mit mir, mit mir und meinem Zögern, mit mir und meiner Ungeduld, mit mir und meiner Nachlässigkeit. Wie gut, Gott, dass mich gerade dann dein mildes Lächeln vor mir selbst in Schutz nimmt.
Gebet: Matthias Hannig, Backnang)
Station 6: Waldzimmer (Stärke erfahren)
Unter den vielen, vielen Tieren der Schöpfung lebte eine kleine Maus mit einer ganz, ganz großen Seele. Eine Seele zu haben, war ja der Wille des Schöpfers. Aber gleich eine so große?Manchmal meinte die kleine Maus, sie wäre ein einziges Ohr. Kann man sich vorstellen, nur Ohr zu sein? Alles zu hören, selbst die feinsten Klageschreie der gejagten Kreatur?Immer wenn sie so ganz Ohr war, wünschte sich die Maus einen Berg von Watte, um nichts mehr hören zu müssen. Denn was sie hörte, machte ihr Angst, schreckliche, peinigende Angst, so dass sie sich selber vorkam, als sei sie von tausend Katzen umstellt.Manchmal meinte die kleine Maus, sie wäre ein einziges Auge. Kann man sich vorstellen, nur Auge zu sein? Alles zu sehen, selbst die unscheinbarsten Wunden der geplagten Kreatur?immer wenn sie so ganz Auge war, wünschte sich die Maus einen Berg von Tüchern, um nichts mehr sehen zu müssen. Denn was sie sah, machte ihr Angst, schreckliche, peinigende Angst, so dass sie sich vorkam, als stäke sie in einer grässlichen Falle.Manchmal meinte die kleine Maus, sie wäre eine einzige Nase. Kann man sich vorstellen, nur Nase zu sein? Alles zu riechen, was zum Himmel stinkt in der Welt der verzagten Kreatur?Immer wenn sie ganz Nase war, wünschte sich die Maus ein Fass voll Parfum, um nichts riechen zu müssen. Denn was sie roch, machte ihr Angst, schreckliche, peinigende Angst, so dass sie sich vorkam, als säße sie mitten im Speck voller Gift.In ihrer Not ging die kleine Maus zum Schöpfer. „Lieber Herr“, sagte sie, „ich möchte keine große Seele. Ich habe zuviel Angst und kann bald nicht mehr leben.“Gütig antwortete ihr der Vater des Lebens: „Sag mir, ist es die Wirklichkeit, die du hörst, siehst und riechst?““Ja“, antwortete die kleine Maus mit der großen Seele.“Nein“, sagte der Herr geduldig. „Es ist nicht die Wirklichkeit, es ist die Fratze der Wirklichkeit. Ich verstehe, dass du Angst hast. Aber ich brauche deine große Seele, damit das wirkliche Leben zum Vorschein kommen kann. Ich will dir helfen, dass aus dem Hören das Begreifen, aus dem Sehen das Erkennen und aus dem Riechen das Empfinden für meine Wahrheit wird.“Glücklich ging die kleine Maus mit der großen Seele nach Hause im Wissen, dass sie wichtig war und nicht allein und voller Kraft.
(Peter Spangenberg, in: Manfred Frigger, Frühschicht – Spätschicht, Freiburg 1984, S. 86f)
Guter Gott, führe uns vom Zweifel zur Hoffnung, von der Angst zum Vertrauen, vom Hass zur Liebe. Geh mit uns, glaub an uns, wirke durch uns.
Gebet: Matthias Hannig, Backnang)
Station 7: Menschenzoo (Hoffnung wagen)
Vor einiger Zeit besuchte ich mit meiner Enkeltochter eine Freundin, die ein Kind bekommen hatte. Die Enkeltochter sah das Kind lange und bewegt an, und schließlich sagte sie: „Es hat so schöne unabgelaufene Füße.“…….. Immer wenn etwas anfängt – ein neues Leben, die Ehe von zwei Menschen, eine neue Zeit und ein neues Jahr – überkommt Menschen eine Art gerührter Hoffnung. Noch ist das neue nicht verletzt, gedemütigt und beschmutzt, noch ist es nicht korrumpiert, noch hat es wundervolle unabgelaufene Füße.Jeder Anfang hat die Zartheit und den Glanz des Unverdorbenen. Er ist eine Erinnerung und ein Versprechen; eine Erinnerung an all die Anfänge, die in Hoffnung begonnen wurden; ein Versprechen, dass es einmal einen Anfang geben wird, der nicht in Kürze überholt und in den Staub der Anfänge von gestern gesunken ist. Es ist vielleicht ein müdes Lächeln, mit dem wir den Anfang der neuen Zeit begrüßen. Wir haben zu viele Anfänge gesehen, die nicht gehalten haben, was sie versprochen haben. Aber ganz ohne Hoffnung ist das Lächeln nicht: Wer weiß! Es könnte ja sein, dass dieser Anfang nicht trügt. Es könnte ja sein, dass der Prophet Jesaja Recht hat: „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr´s denn nicht?"
(Fulbert Steffensky, in: Der andere Advent …..?)
Zusammenegstellt von: Pfarrer Matthias Hannig, Backnang