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Seelsorge im ambulanten Kontext

Ein Praxisbericht

„Hilfe, Hilfe – warum hilft mir denn keiner!?“ Diese Hilferufe dringen durch die Haustüre, während Gemeindeschwester Monika hastig aufschließt, die Treppe hochspringt und dabei ruft: „Frau L., ich komme!“

Zielgerichtet eilt sie ins Schlafzimmer von Frau L. und findet diese auf dem Boden liegend vor. Frau L. musste in der Nacht auf die Toilette, ist dabei auf dem Bettvorleger ausgerutscht und konnte sich danach nicht mehr aufrichten. Sie lebt alleine in ihrem Haus und einen Hausnotruf hat sie nicht. So musste sie sehnsüchtig auf die Gemeindeschwester warten.

Frau L., ich komme!

Gemeindeschwester Monika

Frau L. hat sich nicht körperlich verletzt, aber die Stunden des hilflosen Wartens haben Spuren in ihrer Seele hinterlassen. Frau L. hat plötzlich Angst vor dem Alleinsein. Schwester Monika hört aufmerksam zu und ihre menschliche Zuwendung lässt Frau L. ruhiger werden.

Die Gemeindeschwester kann den kranken Menschen ihr Leiden nicht abnehmen, aber sie kann durch seelsorgliche Zuwendung ihre Leidensfähigkeit stärken, damit sie ihr Leid besser tragen können.

Wenn das Leben in der eigenen Wohnung alleine nicht mehr möglich ist

Am Beispiel von Frau L. wird ein elementares Problem des Alters angesprochen. Das Leben in der eigenen Wohnung ist alleine nicht mehr möglich. Kinder gibt es nicht, oder sie können die alte Mutter nicht betreuen. Ein Wohnungswechsel steht an.

Schwester Monika wendet sich an die Beraterin der an die Diakoniesozialstation angegliederten Informations- und Anlaufstelle (IAV). Diese besucht Frau L., um mit ihr gemeinsam über alternative Wohnformen im Alter zu sprechen. Hier wird Hilfe angeboten, ohne den anderen zu bevormunden. Es geht darum, die Mündigkeit des Ratsuchenden zu achten und den Willen zu respektieren. Frau L. hat großes Vertrauen zu den Mitarbeitern der Diakoniesozialstation, und sie wird darin bestärkt, in eine wohnortnahe Seniorenwohnanlage zu ziehen. Auch hier kann die Versorgung durch die Gemeindekrankenpflege weiter gesichter bleiben.

Schwester Monika organisiert den regelmäßigen Besuch einer ehrenamtlichen Helferin. Einmal in der Woche kommt Frau O. zu Besuch und unterhält sich mit Frau L. In diesen Begegnungen wird Frau L. wahrgenommen und angesehen.

Gelebtes diakonisches Handeln ist, wo der Mensch als Ganzer wahrgenommen wird.

Nur wo der Mensch als Ganzer wahrgenommen wird, wird er sich öffnen und Vertrauen aufbauen. Er erfährt sein Menschsein; er wird gesehen. Das ist heilendes Handeln, gelebtes diakonisches Handeln, das die Menschen mit Gott in Berührung bringt in einer Zeit, die oft geprägt ist von Hetze und Sprachlosigkeit. Die Frauen und Männer der ehrenamtlichen Betreuungsgruppe sind dankbare Menschen, und sie verschenken ihre kostbare Zeit an Menschen, die einsam und alleine sind, und erfahren darin selbst die Freude des Gebenden und Nehmenden. Die Sehnsucht nach erfülltem Leben ist allgemein, deshalb ist die Seelsorge in der diakonischen Arbeit ein wesentlicher Bestandteil.

Beziehungsfähigkeit fördern

Menschen können ihr Leben nur mit anderen zusammen leben. Darum muss es eine bleibend gestellte Aufgabe sein, die Beziehungsfähigkeit zu fördern. Das gilt für die ambulante Pflege im häuslichen und stationären Bereich. Schwester Monika ist beruhigt, dass Frau L. sich in ihrer neuen Umgebung eingelebt hat.

Auf ihrer Pflegetour besucht und pflegt Schwester Monika Herrn G., der an einer schweren Krankheit leidet. Die Prognose ist sehr schlecht und Herr G. weiß, wie es um ihn steht. Seit einigen Tagen klagt er über zunehmende Schwäche und Übelkeit; auch spricht er über den Tod. Mit Personalwechsel kommt Herr G. immer weniger zurecht. Seine Angehörigen sind oft ratlos und hilflos angesichts der ausweglosen Situation. Schwester Monika bemüht sich liebevoll um den Sterbenden. Ihre fröhliche und lebensbejahende Art tut allen gut. Die Wertschätzung jedes Lebens muss sich dann bewähren, wenn es ans Sterben geht.

Fachwissen kombiniert mit unverwechselbarer Individualität

Das Wissen um Sterbephasen hat sich als Hilfe bestätigt. Es bleibt aber dabei, dass wie jedes Leben auch das Sterben seine unverwechselbare Individualität hat. Schwester Monika und ihre Kolleginnen und Kollegen können mit ihren Gaben und Möglichkeiten Herrn G. und seiner Familie vor allem die Erfahrung vermitteln, im Abschiedsprozess und im Sterben nicht allein gelassen zu sein. Auch hier vermittelt Schwester Monika eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Hospizdienstes, die stundenweise Besuche macht, damit die Ehefrau ein wenig Zeit für sich und den Haushalt findet. Ebenfalls wird, auf Wunsch der Familie, der Gemeindepfarrer verständigt. Dieser ist sehr dankbar für den Hinweis, dass sein Gemeindemitglied Herr G. nach ihm verlangt hat.

Heilendes Handeln durch Vernetzung zwischen Diakonisozialstation und Kirchengemeinde.

Diese Vernetzung von Diakoniesozialstation und Kirchengemeinde macht heilendes Handeln möglich. Hier sind Menschen durch Worte und Gesten bereit, dem Sterbenden nahe zu sein und ihn auf dem letzten Abschnitt seines Lebens nicht allein zu lassen. Die Ehefrau von Herrn G. nimmt einmal im Monat am Gesprächskreis für pflegende Angehörige teil. Hier findet sie Frauen und Männer, die ein ähnliches Schicksal teilen. Erfahrungen werden ausgetauscht über Belastungen und Sorgen in der Pflegesituation. Die Gemeinschaft bietet Raum für das befreiende Loslassen. Wut, Ärger, Trauer, Angst, Freude, Lachen und Weinen dürfen in dieser vertrauten Atmosphäre zugelassen werden. Hier wird heilende Gemeinschaft gelebt. Auch nach dem Tod ihres Partners kommt Frau G. weiterhin zu den monatlichen Treffen in die Diakoniesozialstation.

Schwester Monika nimmt an der Beerdigung von Herrn G. teil. Hier erfährt auch sie Trost und die Möglichkeit, Abschied zu nehmen von einem lieb gewonnenen Menschen, den sie über Monate gepflegt und begleitet hat. Die Familie erlebt dies als große Wertschätzung.

Enge Vernetzung und Kontaktpersonen

Am anderen Morgen besucht Schwester Monika ein hoch betagtes Ehepaar. Herr X. leidet an Parkinson und ist ganz auf die Hilfe seiner Ehefrau angewiesen. Frau X. ist am Ende ihrer Kräfte. In der Nacht findet sie keine Ruhe mehr. Schwester Monika hat sich dafür eingesetzt, dass Herr X. für drei Wochen in das wohnortnahe Pflegeheim gehen kann. Pflegeheim und Seniorenwohnanlage sind eng miteinander vernetzt und kooperieren mit Diakoniesozialstation und Kirchengemeinde. Schwester Monika kennt den Heimleiter und die zuständige Pflegedienstleiterin. Frau X. kann ihren Ehemann jeden Tag besuchen und versteht sich auch sehr gut mit den Pflegekräften. Nach anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten fühlt sich auch Herr X. wohl und geborgen. Der zuständige Gemeindepfarrer kommt regelmäßig in die Wohnanlage, somit ist auch hier die Einbindung in das Gemeindeleben möglich.

Reden über Trauer mit Vertrauten

In der Adventszeit organisiert Schwester Monika einen Nachmittag für trauernde Hinterbliebene. Das Treffen findet in der Cafeteria der Seniorenwohnanlage statt. Frau G. ist auch eingeladen und sie kommt freudenstrahlend. Unter Tränen wird gesungen und erzählt. Eine Schicksalsgemeinschaft hat sich wieder zusammengefunden in einer Zeit, in der die Verluste von Familienangehörigen besonders schmerzlich sind. Manche Teilnehmenden haben sich seit Monaten zum ersten Mal wieder unter Menschen gewagt. In manchen Gesichtern spiegelt sich ein Hauch Lebensfreude wider. Auch Schwester Monika wird es ganz warm ums Herz. Auch sie spürt Rührung und große Dankbarkeit. Am Ende eines arbeitsreichen Jahres sind das glückliche Augenblicke, und sie kann auch das Schwere und Bedrückende ihres Berufes annehmen und akzeptieren.

Wie Schwester Monika arbeiten viele Menschen in der Gemeindekrankenpflege, in Pflegeheimen und Seniorenwohnanlagen – nicht zu vergessen die Kirchengemeinden und die ehrenamtlichen Betreuungsgruppen. Die ehrenamtliche Arbeit wird vorwiegend über die Mitgliedsbeiträge des Krankenpflegevereins finanziert. Schulungen, Begleitung und Integration in die Diakoniesozialstation sind unverzichtbar.

Wir alle haben ein gemeinsames Ziel: Im Mittelpunkt unseres Tuns steht der Mensch als Ebenbild Gottes, von ihm erschaffen und geliebt.

 

Karin Münch, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 418-421.

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