In Esslingen gibt es einen ambulanten Besuchsdienst, der von den örtlichen Krankenpflegevereinen organisiert und getragen wird. Eine Leiterin schildert die Gegebenheiten und Erfahrungen.
In meiner nunmehr fünfjährigen Tätigkeit als Besuchsdienstleitung in Esslingen sind mir alle Themen der Seelsorge begegnet, die das Leben bietet: Schuldgefühle der Angehörigen, Schamgefühle der Pflegebedürftigen, Lebensbilanzierung, Verlustangst, Trauer über das Älterwerden, Trauer über den Verlust von Angehörigen, drohende Gewalt wegen Überforderung oder aufgrund schwelender Familienkonflikte, Einsamkeit in der Zweisamkeit älter werdender Ehepaare, Wagen einer neuen Beziehung nach dem Tod des pflegebedürftigen Partners ...
Im Unterschied zur Seelsorge im Altenheim trifft ein ambulanter Besuchsdienst die Älteren und Hochbetagten im Kreise ihrer Verwandten und Bekannten und in der eigenen Wohnung an. Gespräche können an diesem Zuhause anknüpfen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Haustür geöffnet wird – und dies auch im wörtlichen Sinne.
Aufgrund der sozialpolitischen Veränderungen im Gesundheitswesen wurden 1997 die Pflegekräfte von sieben Krankenpflegevereinen in Esslingen von der zentralen Diakonie- und Sozialstation Esslingen e.V. übernommen. Die Krankenpflegevereine blieben als eigene Rechtsträger bestehen. Sie nehmen ihre Verantwortung in der Trägerschaft durch die finanzielle Förderung der Diakonie- und Sozialstation, aber auch durch den Aufbau pflegebegleitender Angebote wahr: In ihren jeweiligen Stadtteilen engagieren sich die Vereine durch einen ambulanten Besuchsdienst zur Unterstützung von Diakonie- und Sozialstationen, Kirchengemeinde und Bürgergemeinde.
|
Die Kirchenzugehörigkeit spielt keine Rolle! |
|
Ein geeignetes Besuchsdienstmodell wurde zunächst in Pliensauvorstadt und Stadtmitte entwickelt: Besucht werden vor allem alte und einsame Menschen, die zu Hause gepflegt werden. Die Kirchenzugehörigkeit spielt keine Rolle. Die Besuchsdienstleitung war zunächst ehrenamtlich, nach und nach wurden in den Vereinen Personalstellen geschaffen. Inzwischen haben alle sieben Vereine einen Besuchsdienst mit einem Team von jeweils mindestens zwölf Ehrenamtlichen.
Allen Besuchsdiensten liegt ein gemeinsames Besuchsdienstkonzept zugrunde, das sich nur bezüglich der jeweils spezifischen Stadtteilsituation unterscheidet: Eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter des Besuchsdienstes besucht eine Person wöchentlich oder in größeren zeitlichen Abständen (monatlich) für eine oder zwei Stunden. Der Einsatz erfolgt ehrenamtlich ohne Entgelt. Es besteht Anspruch auf Auslagenersatz (Fahrtkosten, Porto, Blumen etc.). Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Besuchsdienst sind über den Verein unfall- und haftpflichtversichert. Zur fachlichen Begleitung werden nach einer Einführungsphase regelmäßige Treffen im Team durchgeführt. Es werden aber auch Vorträge zu medizinischen, psychologischen oder rechtlichen Themen organisiert. Ein gemeinsamer Seminartag der Krankenpflegevereine im Jahr für alle im Besuchsdienst Engagierten widmet sich jeweils einem besonderen Thema, so zuletzt der Einübung des mitfühlenden Zuhörens.
Die Inhalte der Besuche werden individuell gestaltet: Mal wird zusammen gespielt, mal spazieren gegangen, mal „einfach nur“ zugehört. Manchmal ist es auch allein ein regelmäßiges Telefonat, das dem Besuchsdienst erlaubt wird.
|
Vom Erstbesuch bis zur Vermittlung von Mitarbeitenden - Fingerspitzengefühl ist gefragt. |
|
Als Einsatzleitung besuche ich zunächst jede oder jeden, die oder der sich von sich aus meldet oder mir über die Diakonie- und Sozialstation oder über die Beratungsstelle für Ältere genannt wird und besucht werden möchte. Der Erstbesuch dient der Abklärung der Erwartung an den Besuchsdienst und des tatsächlichen Bedarfs. Dabei wird die häusliche und familiäre Situation berücksichtigt. Nicht selten sind es die Angehörigen, die einen Besuch wünschen – der in solcher Weise umsorgte Mensch aber genießt lieber das Alleinsein. Hier gilt es, das Gespräch mit der Familie zu suchen und die eigentlichen Nöte herauszuhören.
Die Vermittlung von Mitarbeitenden und Personen, die besucht werden möchten, erfordert viel Fingerspitzengefühl. Herauszufinden ist, welche Mitarbeiterin oder welcher Mitarbeiter im Besuchsdienst zu welchem der zu Besuchenden passt. Voraussetzung für einen gelingenden Beziehungsaufbau ist Offenheit von beiden Seiten gegenüber der Besuchsdienstleitung. Bei sensibler Begleitung und Anleitung und bei entsprechender Bereitschaft zum sozialen Engagement kann der ambulante Besuchsdienst auch Lernfeld für Firmlinge und Konfirmanden oder für ein gemeinnütziges Praktikum von Langzeitarbeitslosen sein.
Voraussetzung für die Annahme dieses Besuchsdienstmodells war und ist eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die Bedrohung durch Vereinsamung im Alter zu Hause bei eingeschränkter Beweglichkeit und der Bedarf pflegender Angehöriger an Entlastung sind groß und kann nur im guten Miteinander angegangen werden.
Wir sieben Besuchsdienstleitungen treffen uns regelmäßig, auch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Diakonie- und Sozialstation. Zur Gewährleistung, Förderung und Bewahrung des sozialen und pflegerischen Netzes für hilfebedürftige Menschen zu Hause bedarf es darüber hinaus je nach individueller Not umsichtiger Absprachen mit den kirchlichen Besuchsdiensten, den Pfarrämtern, anderen Pflegediensten, der Beratungsstelle für Ältere, dem Sozialpsychiatrischen Dienst für Alte Menschen, der AG Hospiz oder auch den Sozialen Diensten der Krankenhäuser oder Pflegekassen.
Mit der Schaffung von Personalstellen konnten auch weitere pflegebegleitende Angebote erprobt werden. Bewährt hat sich ein Freizeitangebot, das auf hilfe- und pflegebedürftige Seniorinnen und Senioren zugeschnitten ist. Aber auch entsprechende Gemeinschaftsangebote werden gerne angenommen: Gruppen für pflegende Angehörige, Gruppen für Rollstuhlfahrer, Gruppen für Frauen mit depressiven Erkrankungen, Betreuungsgruppe für Demenzkranke, Gedächtnistraining, Mittagessen, Café etc. Um diese Vielfalt aufrechterhalten zu können, bemühen sich die Vereine um neue Mitglieder und um Zeit- und Geldspenden. Geworben wird mit der erfahrbaren und inzwischen anerkannten Qualität von Besuchsdienst und pflegebegleitendem Angebot. Zur Öffentlichkeitsarbeit gehört nun auch unsere Internetseite www.krankenpflegevereine-esslingen.de.
Barbara Schmid, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 422-424.