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Ambulant vor stationär?

Ein kritischer Kommentar zur Bedeutung politischer Vorgaben bei der weiteren Entwicklung von Altenhilfeangeboten

Seit mehreren Jahrzehnten gilt im Pflegebereich der Grundsatz „ambulant vor stationär“.

Niemand will und kann diesem Prinzip ernsthaft widersprechen. Denn wer wollte nicht zuhause bleiben – trotz hohen Alters, nachlassender Körperkräfte und möglicher Orientierungsschwierigkeiten im Alltag?

Allerdings sind wir in Deutschland von einer idealen häuslichen Versorgung noch ein gutes Stück entfernt. Demenziell erkrankte Menschen, die möglicherweise eine Versorgung oder Beaufsichtigung über mehrere Stunden oder rund um die Uhr brauchen, können nicht zu bezahlbaren Preisen versorgt werden – jedenfalls nicht mit legal beschäftigten Arbeitskräften. Auch für körperlich pflegebedürftige Menschen ohne Angehörige im Wohnumfeld kann ab einem bestimmten Grad des Unterstützungsbedarfes eine ambulante pflegerische oder hauswirtschaftliche Versorgung so teuer werden, dass sie nicht mehr bezahlbar ist.

Wir sind in Deutschland von einer idealen häuslichen Versorgung noch ein gutes Stück entfernt.

Johannes Kessler

Nicht immer nur "zweitbeste Alternative"

Auch wenn wir das Heim als „zweitbeste Alternative“ verstehen, wird es allein aufgrund der demografischen Entwicklung auch in Zukunft Heime geben müssen. Außerdem können in bestimmten Versorgungssituationen Heime noch in ganz anderer Hinsicht „mehr“ bieten als eine Versorgung zu Hause:

Die Betreuung demenziell erkrankter Menschen kann im Heim beispielsweise deswegen besser sein, weil ein Leben in der Gemeinschaft wesentlich mehr Anregungen und Möglichkeiten der Tagesstrukturierung bietet als ein Leben allein oder mit einem (in diesem Fall sehr belasteten) Verwandten in der eigenen Wohnung oder der Wohnung der Kinder.

Insofern ist die alte Forderung „ambulant vor stationär“ zwar immer noch richtig, aber nicht ganz mit der heutigen und auch der zukünftigen Realität vereinbar. Sie passt nicht mehr zu den aktuellen Diskussionen in der Fachwelt.

Sowohl Angebote eines Heimes, als auch ehrenamtliche tätige Menschen in der Krichengemeinde sind Knotenpunkte des Netzwerks.

Johannes Kessler

Expertinnen und Experten im Bereich der Pflege und Versorgung hochbetagter Menschen sprechen heute davon, dass Netzwerke benötigt werden. Mit diesem Begriff ist gemeint, dass es eine zusammenhängende und durchlässige Struktur von ambulanten, teilstationären und stationären Angeboten gibt, die je nach Bedarf abgerufen werden können und die vor allem eines nicht sind: eine Einbahnstraße. Eine Kirchengemeinde kann hier ebenso eingebunden sein wie ein Heim oder eine Diakonie-Sozialstation oder qualifizierte (haus-) ärztliche Betreuung oder Angebote der ambulanten geriatrischen Rehabilitation. Die Angebote eines Heimes – nämlich pflegebedürftige Menschen kurzzeitig oder dauerhaft versorgen zu können – sind ebenso unverzichtbar als Knotenpunkte dieses Netzes wie ehrenamtlich tätige Menschen in der Kirchengemeinde, die zu Hause lebende Menschen beim Alltagsmanagement unterstützen.

Veränderte Pflege

Auch die Pflege und Versorgung in den Pflegeheimen verändert sich. Aspekte des Wohnens treten heute wesentlich mehr in den Vordergrund als noch vor 15 Jahren. Viele kleine, gemeindenahe Heime sind in den letzten Jahren entstanden, in denen die dort lebenden Menschen von ihren Angehörigen und Nachbarn besucht werden können. Im Idealfall werden diese sogar in die Betreuung eingebunden. Auf der strukturellen Ebene (also bei der Planung der Einrichtungen und Angebote und bei der Verankerung im Gemeinwesen) bietet ein kleineres Heim möglicherweise deswegen mehr Identifikationsmöglichkeiten, weil es im Wortsinn einfach „näher liegt“. Allerdings haben größere Heime durch ihr größeres Potenzial an Mitarbeitenden oft die besseren Möglichkeiten, sich und ihre Angebote mit ihrer Umgebung zu vernetzen. Letztlich hängen diese Fragen wesentlich von dem Gelingen der Kommunikation zwischen den Pflegeeinrichtungen und der Umgebung ab – ein Bereich, in den viel investiert werden muss (und oft zu wenig investiert wird).

Der große Vorteil der beschriebenen Netzwerke besteht darin, dass verschiedene ambulante, teilstationäre und stationäre Angebote sich ideal ergänzen können. Für die Zukunft ist es also wichtig, nicht in den beiden Polaritäten „ambulant oder stationär“ zu denken, sondern zu versuchen, die verschiedenen Angebote in eine sinnvolle Beziehung zueinander zu bringen.

 

Johannes Kessler, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 416-417.

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