Pflegeheim und Kirchengemeinde können friedlich nebeneinanderher
leben ohne Berührungspunkte und ohne voneinander zu wissen. Sie können aber auch ganz lebendig und vielfältig einander begegnen, einander
wahrnehmen und voneinander lernen.
Dazu braucht es nicht viel Aufwand. Es genügt oft nur ein wenig Fantasie und Offenheit, die Buntheit der Gemeinde mit ihren vielfältigen Aktivitäten und Angeboten hinein zu nehmen in den oft grauen Alltag des Pflegeheims. Und plötzlich leuchten nicht nur das Heim, sondern auch all diejenigen, die sich auf den Weg gemacht haben, in einem anderen Licht: heller, farbiger und bunter. Zwei Beispiele aus Esslingen am dortigen Geriatrischen Zentrum in Kennenburg sollen einen kleinen Einblick in diese bunte Farbenwelt der Begegnungsmöglichkeiten geben.
Lautes und ausgelassenes Rufen und Kreischen durchzieht die sonst eher ruhige Atmosphäre des Hauses. Durch die Fenster und Türen halten neugierige Augen Ausschau nach dem Grund dieses Spektakels. 30 Kinder rennen mit dem Pfarrer die Gehrampe vom zwölften Stock hinunter zum Ausgang. Die Kinder nennen sie liebevoll „die Murmelbahn“. Denn sie erinnert in ihrer Bauweise an dieses beliebte Spielzeug der Kinder. Außer Atem kommen die Kinder unten an. Manche erschöpft, andere wollen am liebsten noch einmal mit dem Aufzug hinauffahren und die ganze „Gaudi“ wiederholen.
Einmal im Jahr kommt der Kindergarten der benachbarten Kirchengemeinde zu Besuch ins Haus. Es ist die „Woche der Diakonie“. Die Kinder haben im Kindergarten über die vielfältige Arbeit der Diakonie gesprochen. Natürlich auch über das Alten- und Pflegeheim in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Die Idee war schnell geboren, sich vor Ort einmal ein eigenes Bild von diesem großen und mysteriösen Haus zu machen. Pünktlich um 11.30 Uhr stehen sie am großen Eingangsportal mit ihren bunten Schirmmützen und einer gehörigen Portion Neugier, was da wohl auf sie wartet ...
Die Geschichte vom barmherzigen Samariter steht am Anfang. Die Kinder haben beim Erzählen im Kindergarten gut aufgepasst. Sie sprudeln darauf los und im Nu ist die Geschichte erzählt von dem Mann, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber fiel und von einem Samariter versorgt wurde. Kein Detail wird ausgelassen. Immer wieder gehen die Finger nach oben: „Da war noch ein Hohepriester! Und ein Levit. Der stand hinter einem Felsen ...“, so geben sich die Kinder jeweils das Wort weiter. Am Ende war die Geschichte bis hin zum Esel erzählt, der den Verletzten zur Herberge brachte. Auch die zwei Silbergroschen, die der Samariter dem Wirt gab, werden nicht vergessen.
Und dann geht es los: Auf den Spuren des barmherzigen Samariters durch alle Einrichtungen der größten diakonischen Einrichtung im Landkreis Esslingen.
Erste Station ist das Pflegestift. Begeistert jagen die Kinder die „Murmelbahn“ hinauf zum Wohnbereich Hofgarten, wo sie von drei Bewohnerinnen freudig begrüßt werden mit den Worten: „Ja, wer seid denn ihr?“ Schnell ist erzählt, woher sie kommen und warum sie hier sind und dass sie wieder kämen in drei Wochen, denn sie hätten auch noch Lieder zum Vorsingen vorbereitet. Nächste Station ist das Wohnstift. Freudige Begrüßung auch dort im Foyer des Hauses 71. Leider ist die Katze gerade unterwegs. Zu entdecken gibt es nur die weiche Unterlage neben dem alten Schrank. Eine Bewohnerin erzählt. Und die Kinder hören nicht auf zu fragen, wie sie denn aussehe und welchen Namen sie habe. Einige erzählten, dass sie auch eine Katze haben.
Dann geht es über den „Marktplatz“ des Hauses in die Geriatrische Klinik. Vorbei am Frisörgeschäft, der Sparkasse und dem Restaurant und an staunenden Gesichtern, die der vergnügten Kinderschar nachblicken. Höhepunkt im wahrsten Sinne ist die Dachterrasse hoch oben in luftiger Höhe. „Da schwimmen ja Fische im Teich!“, rufen plötzlich einige. Und schon drängen sich alle Kinder mit platt gedrückter Nase an der Plexiglasscheibe und schauen hinunter in den Park, wo tatsächlich rote Fische gemächlich ihre Runden im Springbrunnenteich ziehen.
Zum Abschluss darf jedes Kind zur Erinnerung ein Medaillon basteln mit dem Esel des Samariters auf der einen und dem jeweiligen Namen auf der anderen Seite. Die mitgebrachten Scheren und Stifte leisten dabei gute Dienste, und am Ende hat jedes Kind ein buntes Medaillon um den Hals hängen und als Wegzehrung für den Nachhauseweg ein Hanuta im Vesperrucksack.
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Nähe ist Diakonie und Diakonie ist Nähe. Reiner Zeyher |
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Nähe ist Diakonie und Diakonie ist Nähe. Die Kinder haben Nähe gewagt. Sie haben sich auf den Weg gemacht wie der barmherzige Samariter zu Menschen, die oft alleine sind, sich vergessen fühlen und eher am Rande stehen als in der Mitte. Sie sind nicht einfach weitergegangen, sondern sind auf ihrem Weg stehen geblieben, staunend und einfühlsam zugleich. Sie haben den alten Menschen zugehört auf den Gängen und Wohnbereichen, mit ihnen gesprochen und wahrgenommen, wie sie leben. Die Freude bei den alten Menschen blieb nicht aus. Nähe, die aufrichtet und Leben ermöglicht – das haben die Kinder weitergegeben. Ihr fröhliches Lachen hat heilsam den gewohnten Alltag durchbrochen und bunte Farbe hineingebracht.
„Als ich eine Frau abholen musste, lag in ihrem Zimmer noch eine andere
im Bett, die nicht sprechen konnte. Sie bewegte ihre Arme so, dass ich zu
ihr kommen sollte. Sie hat sich gefreut, als sie meine Hand hielt. Sie freute
sich wie ein kleines Kind. Als ich die andere Frau wieder zurückgebracht
habe, ging ich noch einmal zu ihrer Zimmernachbarin und hielt ihre Hand,
genauer: sie hielt meine und wollte sie nicht mehr loslassen.“
So kann man es auf dem Flyer zum Diakonieprojekt am Geriatrischen Zentrum Esslingen-Kennenburg lesen. Daneben stehen andere Erfahrungen und Eindrücke von Konfirmandinnen und Konfirmanden, wie: „Es hat Spaß gemacht zu sehen, wie sich die Leute gefreut haben, wenn man sie abholt.“ Oder: „Ich sehe, wie schwer es später wird, sich ohne Hilfe fortzubewegen oder zu leben, oder welche Krankheiten man bekommen kann.“
„Solidarität der Generationen“ – unter diesem Motto kommen jeden Sonntagmorgen um 9.30 Uhr zwischen sechs und acht Konfirmanden ins Geriatrische Zentrum Esslingen-Kennenburg, um Bewohnerinnen und Patienten, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, zum Gottesdienstbesuch abzuholen: Sechs Kirchengemeinden des Kirchenbezirks Esslingen beteiligen sich an diesem Abholdienst. Neben dem sozialen Lernen steht die Begegnung zwischen den Generationen im Mittelpunkt, das Wahrnehmen und Kennenlernen der Lebenswelt älterer und pflegebedürftiger Menschen. Die Konfirmanden sollen einen kleinen Einblick in das Leben dieser Menschen erhalten und sehen, dass die alten Menschen zwar in vielen Verrichtungen des täglichen Lebens beeinträchtigt sind, aber dennoch auch Freude am Leben haben. Tabus und Schwellenängste sollen abgebaut und eine positive Auseinandersetzung mit Altsein und Altwerden gefördert und angestoßen werden.
Das Projekt erfreut sich inzwischen immer größerer Beliebtheit unter den Konfirmandinnen und darüber hinaus. Eine der Gruppen gestaltete im Rahmen des http://www.konfihome.de -Projekts der Landeskirche eine Homepage und gewann den ersten Preis. Ebenso kam das Projekt unter die ersten Zehn des Ehrenamtspreises der Esslinger Zeitung und macht so in einem bundesweiten Wettbewerb mit.
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Wo sind denn heute die Konfirmanden? Bewohner |
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Wie sehr die Beziehungen zwischen den Konfirmandinnen und den Bewohnern und Patienten wachsen, wird vor allem in den Ferien spürbar. „Wo sind denn heute die Konfirmanden?“, ist eine der meist gestellten Fragen in dieser Zeit. Sie fehlen im Haus. Ihr Lachen, ihre Hilfe, ihre Lebendigkeit.
Das Projekt erstreckt sich jeweils über ein Jahr und begleitet den Konfirmandenunterricht. Manche hören danach nicht auf und kommen weiter amSonntagmorgen in die Kapelle, um den inzwischen lieb gewonnen Bewohner oder die ans Herz gewachsene Bewohnerin zum Gottesdienst abzuholen. Gewachsene Beziehungen, die Freude und Buntheit in den grauen Pflegealltag bringen, manchmal ganz sinnbildlich, wenn die Konfirmanden ganz spontan eine Rose oder eine Sonnenblume als Geschenk mitbringen.
Reiner Zeyher, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 159-162.