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Besuchsdienst praktisch

Wie bereite ich mich vor?

Heute, an diesem herrlichen Frühlingstag, gehe ich Besuche machen. Ich spüre, dass es mir heute gut geht, ich gute Laune habe und den Menschen freundlich begegnen kann.

Dieses Lebensgefühl ist eine gute Voraussetzung für gelingende Begegnungen auch mit alten Menschen in der Gemeinde oder im Heim.

Vorher mache ich mir Gedanken über Ziel und Zweck des Besuchs, mache mir nochmals klar, in wessen Auftrag ich komme und überlege mir, was ich der alten Dame, dem alten Herrn mitbringen kann.

Weiter versuche ich, mir bewusst zu machen, wo meine Grenzen sind, wie weit ich mit dem zu Besuchenden mitgehen kann und wo ich mich selbst schützen möchte. Beim Besuch eine Rolle spielen wird auch, ob dies mein Heimatort ist, ich bekannt bin, meine Familiengeschichte bekannt ist oder ob ich Zugezogene bin, die hier keine Wurzeln hat, und ich bei den Leuten im Ort vielleicht nicht so bekannt bin. Beides kann für das Gespräch sowohl hemmend als auch Vertrauen fördernd sein.

Ein paar Überlegungen vorneweg

Die Grundsätze einer guten Gesprächsführung zu kennen, ist hilfreich. Wenn ich mich in Hilfsangeboten aller Art wie Nachbarschaftshilfe bis hin z.B. zur Suchtkrankenhilfe auskenne, fühle ich mich kompetent, auch einmal einen Vorschlag zu machen, wie sich vielleicht eine schwierige Lebenssituation verbessern lassen könnte. Ein Geburtstagsbesuch kann ein guter Anlass sein, zu erkennen,wo jemand wirklich einsam ist und hier nach Angeboten zu schauen,die dem abhelfen.

Wichtig ist mir: ich mache keine Absichtserklärungen (z.B. bald wiederzu kommen), ich mache keine Versprechungen, die ich sowieso nichteinhalten kann. Ich mache mir bewusst, was ich sage.

Bei einem verwirrten Menschen ist es gut, in die Vergangenheit zurückzugehen. Z.B. orientiert an der Jahreszeit kann ich auf die Frühlingsblumen hinweisen und was früher alles in den Hausgärten blühte. Ich kann auf Feiertage zu sprechen kommen und wie sie begangen wurden. Alte Gedichte und Lieder können miteinander aufgesagt oder gesungen werden, oder wir besprechen, was am Wohnort früher anders war (Marktplatz, Schulen, Ärzte ...). Sprichwörter sind selbst bei sehr verwirrten Menschen oft noch ganz da, ein angefangenes Sprichwort wird voll Freude ergänzt.

Es muss auf jeden Fall etwas Kleines sein, das den Beschenkten nicht belastet. Er soll sich nicht verpflichtet fühlen, mich auch zu beschenken.

Wenn der Besuchte im Heim wohnt, ist dort sicher Material vorhanden, das man ausleihen kann, wie z.B. ein großes Mensch-ärgere-dichnicht-Spiel oder ein Gedichtband oder ein Bildband, den man miteinander anschauen kann. Jahrbücher oder Kalenderblätter sind hilfreiches Material, das sich gut zum Mitbringen eignet.

Heute, bei einer alten Frau im Heim, sehe ich ein kleines Holzkreuz an einem Lederband. Das hat ihr der Pfarrer beim letzten Besuch mitgebracht. Sie hat es an die Wand gehängt und ehrt es und schaut es jeden Tag an. Ich selbst bringe eine schöne Blumenkarte, vielleicht auch ein frisches Blümchen aus meinem Garten mit. Zu einem anderen Besuch nehme ich vielleicht einen kleinen Engel mit oder auch einmal ein paar Kekse, wenn der betreffende Mensch sie verträgt. Es muss auf jeden Fall etwas Kleines sein, das den Beschenkten nicht belastet. Er soll sich nicht verpflichtet fühlen, mich auch zu beschenken.

Was kann mir widerfahren, wo tue ich mich schwer?

Immer wieder finde ich mich bei Besuchen in schwierigen oder gar unangenehmen Situationen vor.

Heute komme ich zu einem Menschen, der mir auf Anhieb nicht ganz so sympathisch ist. Da ist es ganz gut, dass ich mir vorher überlegt habe, was diese Woche zum Beispiel in der Zeitung stand, was gerade aktuelle Themen sind. Allerdings müssen das dann Themen sein, die wirklich jeder mitbekommen hat wie z.B. die Papst-Wahl. Bei manchen Besuchen kommt es vor, dass „braune Theorien“ mit voller Überzeugung vorgetragen werden, dass auf Ausländer geschimpft wird bis dahin, dass alle ringsum schlecht sind, nur der zu Besuchende selbst ein guter Mensch ist.

Hier ist es hilfreich, etwas genauer nach den Erfahrungen zu fragen, auf die sich das Geschimpfe bezieht. Eine Situation etwas genauer zu durchleuchten, bringt vielleicht auch dem alten Menschen noch eine Einsicht oder zumindest Abmilderung der fundamentalistischen Äußerungen. Nach positiven Erlebnissen zu fragen, bringt eventuell auch positive Erfahrungen ans Licht. Hilfreich ist es, wenn ich dann auch selbst von eigenen positiven Erfahrungen berichten kann.

Eine weitere schwierige Situation ist es, wenn ich etwas zu essen oder zu trinken angeboten bekomme und der Teller oder die Tasse deutlich schmutzig ist. Vom Verstand her ist mir klar, dass auch die Sauberkeit leidet, wenn das Augenlicht nachlässt. Trotzdem „bekommt“ mir das Angebotene dann nicht. Hier mache ich die Erfahrung, dass ich, je nach Beziehung, durchaus auch einmal darum bitten kann, die Tasse noch einmal schnell unter den Wasserhahn halten zu dürfen. Ich muss auch nicht alles essen bzw. aufessen. Ich muss wissen, was ich will und was ich nicht will.

Ganz direkt als unangenehm empfinde ich es, wenn ich über ein gewöhnliches Maß hinaus berührt werde, z.B. im Gesicht gestreichelt werde oder Küsschen auf die Wange bekomme. Alte Menschen brauchen Zuwendung und Nähe, aber auch ich als Besuchsdienst muss das nicht alles abdecken. Mit meiner Körperhaltung und meinem Verhalten kann ich deutlich machen, ob ich mich noch wohl fühle.

Ach, bleiben Sie doch noch!

Besuchte

Da taucht gleich das nächste Problem auf: was mache ich, wenn meine Signale nicht beachtet werden? Eine typische Situation dazu ist wohl das Verabschieden: „Ach, bleiben Sie doch noch ...“, „Ich bekomme so selten Besuch ...“, „Ach, Sie haben ja auch keine Zeit ...“ Solche Aussagen verursachen bei mir Mitleid, gleichwohl muss ich auch für mich selbst sorgen. Freundlich bleiben, Ruhe bewahren und bestimmt und deutlich ausdrücken, was ich selbst möchte, ist hier angebracht. Ich sollte mir selbst darüber im Klaren sein, dass mein Kommen und meine Zuwendung begrenzt sind und ich sollte das auch meinem Gegenüber vermitteln.

Wenn ich mir meiner Grenzen bewusst bin und sie achte, werde ich gerne wiederkommen – zur Freude des Besuchten.

 

Ina Bös / Gabriele Großbach, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 182-184.

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