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Religiöse Bedürfnisse pflegebedürftiger älterer Menschen

„Mit dem Alter kommt der Psalter“

„Mit dem Alter kommt der Psalter“ lautet ein Sprichwort, das die übliche Vorstellung von einer Zunahme der Religiosität im Alter zum Ausdruck bringen soll. So einfach stellen sich die Zusammenhänge im Alltag aber doch nicht dar.

Denn zum einen sind die älter werdenden Frauen und Männer nicht unberührt geblieben von den Umbrüchen unserer (post)modernen Zeit mit ihrer Tendenz zu Pluralität, Säkularität und Individualität. Sie sind durch die politischen Wirrungen und kulturellen Brüche des 20. Jahrhunderts hindurch gegangen und haben gelernt, vieles, was noch in ihrer Kindheit selbstverständlich zu sein schien, in Frage zu stellen. Zum anderen webt jede persönliche Lebenserfahrung weiter am Netz vorhandener und neuer Glaubensmuster.

Das Leben hält – gerade für pflegebedürftige Menschen – Herausforderungen bereit, die neue Antworten verlangen. Die Freiheit, die eigene Religiosität weiterzuentwickeln, kennt keine Altersgrenzen.

Was wissen wir über religiöse Bedürfnisse älterer Menschen, insbesondere von Menschen, die in einem (Alten-) Pflegeheim leben? Was verbindet sich für sie mit dem Begriff Religiosität, welche Bedürfnisse sind damit gemeint? Welche Herausforderungen ergeben sich für die seelsorgliche Begleitung?

Religion – was ist das eigentlich? Eine begriffliche Klärung

Die Schwierigkeit bei der Wahrnehmung religiöser Bedürfnisse pflegebedürftiger älterer Menschen beginnt schon bei der begrifflichen Bestimmung solcher Anliegen. Es ist keineswegs eindeutig, was religiös und was Religion ist. Klar ist, dass Religiosität nicht mit Kirchlichkeit gleichgesetzt werden kann.

Eine Definition von Religion fällt deshalb so schwer, weil Funktionen, die in früheren Zeiten von religiösen Institutionen erfüllt wurden, heute zum Teil von säkularen Trägern übernommen werden. „Heilige Orte“ und sich in den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft wahrnehmen. Nun reicht es nicht aus, religiöse Motive und Splitter in der Alltagswelt aufzuweisen, um dort jeweils „Religion“ zu identifizieren. Nicht alles, was für jemanden eine religiöse Funktion erfüllt, ist deswegen schon Religion.

Religion ist der Ort, wo es um das Thema Selbstvergewisserung und Identität geht.

Eine breit angelegte Definition sieht „Religion“ so: Sie ist der Ort, wo es um das Thema Selbstvergewisserung und Identität geht. Wo es darum geht, sich im Leben zu orientieren, zu vergewissern, über den Alltag zu erheben und Gemeinschaft zu stiften. Hier wird die Erfahrung thematisiert, dass Lebensmöglichkeiten verweigert und versagt werden. Hier ist Raum für die Wahrnehmung und Annahme der Endlichkeit des Menschen. Hier wird unterschieden zwischen religiös und profan. Mit dem Unterschied zwischen „Himmel“ und „Erde“ wird deutlich, dass der Mensch nicht über sein Leben verfügt, dass er aber mehr ist als in seinen vermeintlichen Möglichkeiten beschlossen liegt.

Wenn im Folgenden danach gefragt wird, was pflegebedürftige ältere Menschen unter „religiösen Bedürfnissen“ verstehen, wird an dieses Religionsverständnis angeknüpft. Dabei ist klar, dass die spezifische Lebensund biografische Umbruchsituation im (Alten-) Pflegeheim einen besonderen Bezugsrahmen darstellt. Religion und Alter sind höchst subjektive Geschehen.

Religiöse Bedürfnisse pflegebedürftiger älterer Menschen. Aufgaben seelsorglicher Begleitung

Es gibt so etwas wie ein alltägliches Vorverständnis dessen, was Religion und Religiosität bedeuten. In Interviews befragt, sind Menschen in der Lage, auszudrücken, welche Erwartungen, Sehnsüchte und Anliegen sie mit Religion verbinden. Religiöse Bedürfnisse werden dabei aus der Perspektive derer formuliert, die sich als religiöse Menschen sehen, fernab wissenschaftlicher Vorklärungen. Die Gefahr ist groß, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger von ihrer eigenen Religiosität ausgehen und eigene Bedürfnisse auf pflegebedürftige ältere Menschen übertragen. Daher ist es von großer Bedeutung, über erfahrungswissenschaftliche Zugänge zur Religiosität im Alter zu verfügen, um die religiöse Situation der Menschen, die sie begleiten, besser einschätzen zu können.

Erstaunlicherweise gibt es im deutschsprachigen Raum kaum Untersuchungen hierzu. Ganz anders sieht die Situation in den USA aus. Dort wird seit den 1970er Jahren in einer Reihe von Studien versucht, religiöse Bedürfnisse älterer Menschen in Pflegeheimen zu erheben. Die umfaszu entdecken, aufzuspüren, was hilfreich war, um Lebenskrisen durchsendsten Darstellungen und Erläuterungen stammen von dem amerikanischen Religionspsychologen Harold G. Koenig.

Die Gefahr ist groß, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger von ihrer eigenen Religiosität ausgehen und eigene Bedürfnisse auf pflegebedürftige ältere Menschen übertragen.

In einer Übersicht beschreibt Koenig religiöse Bedürfnisse pflegebedürftiger älterer Menschen im Blick auf ihre spezifische Lebens- und Alltagssituation, sei sie geprägt von Krankheit oder Schmerzen, Schwäche oder Bettlägrigkeit, Verlusterfahrung oder Depression. Das Wissen darum kann hilfreich sein, um mit religiösen Bedürfnissen zu rechnen, die sich zum Teil hinter anderen Anliegen verbergen, und besser auf sie eingehen zu können. Die folgende Zusammenstellung von zehn ausgewählten Aspekten orientiert sich an Sinnstrukturen und Selbstverständnis müssen der veränderten Situation Koenigs Ausführungen:

1. Die Suche nach Sinn, Zweck und Hoffnung lautet ein erstes religiöses Bedürfnis. Koenig beschreibt es vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es im Alter immer schwieriger wird, neue Sinnorientierungen aufzubauen. Das persönliche Sinnsystem beschränkt sich auf den eigenen Körper und die unmittelbare Umgebung. Angesichts aller Einschränkungen geht es folglich darum, Einstellungen zu entwickeln und zu stärken, die dem Leben Sinn geben. Ein Anliegen besteht zum Beispiel darin, selbst in eindeutig negativen Ereignissen positiven Lebenssinn zu finden, Altern und Tod beispielsweise aus religiöser Sicht heraus als Vollendung des Lebens zu deuten und nicht als dessen absoluten Tiefpunkt.

2. Transzendieren der gegenwärtigen Situation: Die Funktionstüchtigkeit von Sinnesorganen lässt im Alter nach, Erlebnisfähigkeit und Lebensgenuss werden beeinträchtigt. Zugleich ist für viele ältere Menschen die Zeit im (Alten-) Pflegeheim eine Zeit des Lebensrückblicks. Ein Wunsch ist dabei, die Vergangenheit nicht nur zu vergegenwärtigen, sondern das Erlebte und Erfahrene, das Bruchstückhafte und Beschwerliche in einen größeren Sinnzusammenhang zu integrieren. Dabei besteht das Bedürfnis, die jetzige Situation zu transzendieren, sie in einen größeren Kontext zu stellen, Muster im Leben zu finden, die Bedeutung, Richtung und Sinn verleihen.

In der seelsorglichen Begleitung ist es wichtig, die entscheidenden Wendepunkte im Leben zu entdecken, aufzuspüren, was hilfreich war, um Lebenskrisen durchzustehen, und diese Kraftquelklen zu nutzen.

3. Unterstützung bei der Arbeit von Verlusten: Zu den körperlichen Einschränkungen treten häufig andere Verlusterfahrung, die bedeutsam für das Sinnsystem sind: Verlust der Wohnung, der Selbstständigkeit, Verlust naher Menschen, Verlust des Arbeitsplatzes. Dies kann zu sehr belastenden Trauerprozessen führen. Das bisher gültige Sinnsystem lässt sich nicht mehr aufrechterhalten, Sinnstrukturen und Selbstverständnis müssen der veränderten Situation angepasst werden. Seelsorgerliche Begleitung kann bedeuten: Räume zu öffnen, dass Kummer geäußert, Verlusterfahrungen thematisiert, aber auch neue Hoffnung geschöpft werden kann.

4. Kontinuität: Gerade die Übersiedlung ins (Alten-)Pflegeheim wird von nicht wenigen Menschen als Lebenskrise erfahren. Die Angst vor Überflüssigsein und Abhängigkeit bedrohen unmittelbar die Identität der Person, die es gewohnt war, ihre Besonderheit und Individualität gegenüber sich und anderen zu beweisen. Der Wunsch nach Kontinuität mit dem bisherigen Leben ist groß. Die religiöse Biografie bietet hier wichtige Anknüpfungspunkte. Religion kann dazu dienen, pflegebedürftige ältere Menschen in dem Wissen um Gottes bleibende Sorge für sie zu bestärken und so ein Gefühl von "Heimat" zu ermöglichen. Das Wissen um Kontinuität kann die Basis für die Gewinnung einer neuen Identität - auch unter ganz neuen Lebensbedingungen - darstellen.

5. Religiöses Leben: Menschen, die sich zunächst beziehungslos erleben, erfahren durch das religiöse Leben im Heim Gemeinschaft, gemeinsame Gottesdienste beispielsweise vermitteln auch in fremder Umgebung etwas Vertrautes, verbinden die Teilnehmenden mit der Gemeinschaft aller Glaubenden über die Grenzen des Heims hinaus. Andere Mitglieder der Kirchengemeinde können in das religiöse Leben im Heim einbezogen werden. An Gottes Solidarität zu erinnern - inmitten aller Verlusterfahrung und Verzweiflung - kann Aufgabe seelsorgerlicher Begrleitung sein.

6. Bewahrung von Würde, Individualität und Selbstwertgefühl: Oft entwickelt sich bei älteren Menschen das Gefühl, nur noch eine "Last" zu sein, "nutzlos" und "ohne Wert". Wie können - trotz erheblicher Einschränkungen und Beschränkungen - Selbstbild und Individualität bewahrt werden? Gegen alle Angriffe auf das Selbstwertgefühl entlastet der christliche Glaube den Menschen davor, seine Identität allein herstellen zu müssen. Er weist über die gegenwärtige Belastungssituation hinaus, ohne sie zu verharmlosen. In der seelsorgerlichen Begleitung kann erfahrbar werden, dass dem Menschen eine Würde zuteil ist, die nicht aus seiner Funktion kommt, sondern schon in der Person gegeben ist, vor jeder Leistung und mit aller Schuld. Dies kann zu einem positiven Selbstbild und Selbstwertgefühl führen, trotz der Verluste, die das Altern mit sich bringt.

7. Unbedingte Zuwendung: Pflegebedürftige ältere Menschen wünschen sich angenommen, geschätzt und umsorgt zu sein. Oft leiden sie im Heimalltag an einem Mangel an Beziehungen. Wenn sie aber ohne Beziehungen leben, vereinsamen Menschen, insbesondere dann, wenn sie sich als zutiefst abhängig erleben. Die „unbedingte Zuwendung“ ist eines der ganz zentralen Bedürfnisse. Seelsorgliche Begleitung wirkt hier in erster Linie als Beziehungsangebot, das unbedingte Wertschätzung zum Ausdruck bringen kann. Es kommt darauf an, Individualität und Mündigkeit, Wert und Würde erlebbar zu machen. Gelingt dies in der Begleitung, so verwirklicht sich hier echte Begegnung und darin die Erfahrung der Fortsetzung des Beziehungsangebotes Gottes.

8. Die Chance, Ärger und Zweifel ausdrücken zu können: Sich der tiefen Enttäuschung und Bitterkeit, aber auch der Wut und Verzweiflung zu stellen, die mit dem gegenwärtigen Zustand verbunden sind, gehört zu den ganz elementaren religiösen Bedürfnissen. Ein ganzes Buch (Hiob) ist im Alten Testament diesem Thema gewidmet. Ältere Menschen lassen solche Gefühle eher zu, wenn sie Unterstützung finden. Seelsorgliche Begleitung bedeutet, sich in die Erlebnis- und Leidenswelt der älteren pflegebedürftigen Menschen einzufühlen (ohne darin aufzugehen), sich Fragen zu stellen (ohne „richtige“ Antworten zur Verfügung zu haben), eine „unerträgliche“ Situation schweigend auszuhalten, um von da aus nach neuen Möglichkeiten zu suchen.

9. Vergeben und Vergebung erfahren: Zur Lebensgeschichte älterer Menschen gehören auch die Schattenseiten mit erlebten Enttäuschungen und unerfüllten Wünschen. Manchmal keimt das Bedürfnis auf, alte Vorwürfe und Verletzungen loszulassen und Personen aus der Schritte zur Vergebung zu finden und Versöhnung zu ermöglichen, kann neue Energien freisetzen. Aufgabe seelsorglicher Begleitung ist es, auf die Lebenssituation pflegebedürftiger älterer Menschen einzugehen. Die Wege dazu können unterschiedlich sein. Es können Formen sein, in denen sich Menschen gegenseitig verzeihen. Es kann ein liturgischer Rahmen sein, in dem Menschen sich der Schuld stellen. Die christliche Tradition stellt Rahmen und Rituale bereit, die es erlauben zu versöhnen und Vergebung zu empfangen.

10. Vorbereitung auf Tod und Sterben: Im Prozess des Sterbens nicht allein gelassen zu werden, ist ein tiefes religiöses Bedürfnis. Ältere Menschen brauchen gerade in den letzten Lebenswochen in ihrer Angst vor dem Sterben und Verlassenwerden die Gewissheit, dass vertraute Menschen um sie herum sind, die unter allen Umständen den Kontakt mit ihnen aufrechterhalten und erreichbar sind. Dieser unbedingte Wunsch nach Begleitung bezieht sich sowohl auf verlässliche Menschen als auch auf Gott. Seelsorgliche Begleitung bedeutet, diesem Wunsch nach Schutz, Sicherheit und Halt zu entsprechen. Gebet und Rituale können an Gottes Nähe erinnern und das Gefühl (oder gar die Gewissheit) vermitteln, nicht allein gelassen zu sein. Bei demenziell erkrankten Menschen können Gesten das Gemeinte verdeutlichen. In der Begleitung wird es immer darum gehen, eine vertrauensvolle Beziehung sowohl zum Sterbenden wie zu seinen Angehörigen zu entwickeln.

Resümee

Religiöse Bedürfnisse und Pflegebedürftigkeit im Alter sind eng miteinander verknüpft. Dies machen die Untersuchungen von Koenig deutlich. Religiosität im Heimalltag darf nichts Aufgesetztes sein, sondern ist etwas Essenzielles, eine eigenständige Dimension menschlichen Lebens schlechthin. Sie tangiert die Dimensionen der Körperlichkeit (Somatik), der Geschöpflichkeit (Fragmentarität), der Geschichtlichkeit (Biografik), der Gruppenzugehörigkeit (Sozialität), der Zeitlichkeit (Endlichkeit des Lebens) sowie der Transzendenz (Gotteserfahrung).

Die beschriebenen zehn Aspekte sind daher nicht nur für die Altenheimseelsorge relevant, sondern sind bedeutsam für jede Profession, die sich am pflegebedürftigen älteren Menschen orientiert: für Pflege, Medizin, Seelsorge, Betriebswirtschaft, Pädagogik, Psychologie, Administration. Sie sind Ressourcen, die für die pflegerische Arbeit genutzt werden können. Auch wenn die Wissensbestände über Wechselwirkungen von Religiosität und Gesundheit noch gering sind: Es gibt Heil- und Kraftquellen, die die Verarbeitung von Krisen, Verlusten und Grenzsituationen fördern.

In der seelsorglichen Begleitung pflegebedürftiger älterer Menschen geht es im Wesentlichen darum, den Prozess der Identitätsfindung und -erhaltung zu unterstützen: Im Eingehen auf die Lebensgeschichte, in der Begleitung von belastenden Trauerprozessen, im Wunsch, Beziehungen zu klären, in der Erfahrung von Gemeinschaft, in der Zusage von Gottes bleibender Sorge inmitten erlebter Gebrochenheit, in der Sterbebegleitung: Immer geht es darum, Sinn zu finden und die bisherige Identität durch den Wandel an neue Gegebenheiten zu bewahren.

Für Heimbewohnerinnen und -bewohner gehört Religiosität – trotz Umbrüchen und Wandlungen der Gegenwart – dazu, hat einen zentralen Stellenwert und wird oftmals eingefordert. Wichtig ist, dass Religiosität im (Heim-) Alltag erlebbar und erfahrbar ist und nicht als etwas Zusätzliches nur zu bestimmten Zeiten praktiziert wird. Kirchengemeinden und Altenhilfeeinrichtungen stehen hier vor einer großen Chance und einer lohnenden Aufgabe.

 

Thomas Mäule Annette Riedel, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 34-40.

Literaturtipps:

  • Koenig, Harold G.: Aging and God. Spiritual Pathways to Mental Health in Midlife and Later Years.Binghampton 1994.
  • Mäule, Thomas / Riedel, Annette: „Religiöse Bedürfnisse pflegebedürftiger älterer Menschen. Herausforderungen und Aufgaben für seelsorgliche Begleitung, Kirchengemeinden, Altenhilfeeinrichtungen.“, in: Kobler-von Komorowski, Susanne / Schmidt, Heinz (Hg.), Seelsorge im Alter. Herausforderung für den Pflegealltag. Veröffentlichungen des Diakoniewissenschaftlichen Instituts Bd. 24, Heidelberg 2005, S. 93-103.
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