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Suizidalität

Das Leben ist blockiert und befindet sich in einem Engpass

Aus meiner Arbeit im Pflegeheim ist mir das Alter mit vielen Facetten und Krankheitsbildern bekannt. Das Älterwerden eines Menschen gestaltet sich für ihn selbst manchmal sehr mühevoll und leidvoll. Die Worte: „Ich möchte nicht mehr leben“ dringen öfter an meine Ohren. Dies bewegt mich, über das Thema „Suizidalität im Alter“ zu schreiben.

Nun: „Suizidgedanken sind nichts Ungewöhnliches. Die meisten Menschen denken in seelischen Krisen an eine solche Lösung“. Der Begriff Suizidalität stammt aus dem Lateinischen und bedeutet: Neigung zur Selbsttötung. „Der sog. Selbstmord, Freitod ist eine absichtliche Selbsttötung, die als Reaktion auf eine Lebenskrise, Identitätskrise oder Ausdruck einer Autoaggression verstanden werden kann“.

  • Hinter Suizidgedanken steht eine individuelle Lebensgeschichte mit Höhen, Tiefen, unverarbeiteter Vergangenheit, Krankheit, Verletzungen und Verlusten.
  • Hinter Aussagen: „Ich möchte nicht mehr leben“, „ich fühle mich so ausgehöhlt“, „am liebsten würde ich aus dem Fenster springen“, steht doch: Da ist ein Mensch, der so nicht mehr weiter machen kann und will.

Das Leben ist blockiert und befindet sich in einem Engpass. Dieses bedarf der Achtsamkeit!

Hintergründe

Im Alter sind manche Menschen in ihrer Kommunikationsfähigkeit stark beeinträchtigt:

Sie sehen und hören schlechter, sie können sich sprachlich oft nicht mehr wie früher ausdrücken. Häufig haben sie weniger soziale Beziehungen als früher. Kognitive Fertigkeiten wie wahrnehmen, denken, erinnern, erkennen und sich konzentrieren sind nicht mehr ausrei chend vorhanden.

Der Mensch leidet sehr an diesen Verlusten und zieht sich unter Umständen immer mehr zurück. Dadurch kann es zu Angst- und Wahnsymptomen sowie zu depressiver Symptomatik kommen.

Dieser Kreislauf kann beeinflusst werden durch Beeinträchtigungen im psychosozialen Bereich. Damit verbunden sind Gefühle wie unerwünscht zu sein und nicht mehr gebraucht zu werden.

Dazu kommen immer öfter finanzielle Unsicherheiten, plötzliche Veränderungen im Lebensumfeld, körperliche Beeinträchtigungen oder die Einsamkeit.

Die betroffenen Menschen haben ihr Selbstwertgefühl häufig aus der Arbeit, aus dem aktiven Tun gezogen. Die Zuversicht, dass der Mensch gewollt ist, dass er Wert in sich trägt aufgrund seines Seins, wurde und konnte oft aufgrund der geschichtlichen Situation, z.B. aufgrund des Krieges nicht ausreichend gelebt werden. Das Selbstwertgefühl ging (teilweise) verloren. So hat jeder Mensch seine eigene Geschichte und ist doch eingebunden in ein größeres Ganzes.

Fest steht, der selbstmordgefährdete Mensch steht unter großem seelischem Druck und leidet an sich selbst.

Die Aufgabe der Pflege an suizidgefährdeten Menschen, gerade auch in Pflegeheimen, stellt deshalb große Anforderungen

  • an das Personal
  • an die Ärzte
  • an die Angehörigen
  • an die Seelsorger
  • an Öffentlichkeit, Gesellschaft und Politik.

Der uns anvertraute ältere Mensch steckt in einer großen Krise. Er braucht dringend Hilfe. Chancen müssen deshalb erkannt und wahrgenommen werden, um Entspannung und Linderung in seine Lebenssituation zu bringen.

Folgendes ist zu beachten und dient der Suizidprophylaxe:

  1. Aussagen, Ankündigungen und Gefühle der Bewohner zulassen, ernst nehmen und diese nicht abwerten. Zuhören können! Ruhe ausstrahlen.
  2. Dem zu Pflegenden Respekt und Achtung entgegenbringen.
  3. Begegnung und Beziehung ermöglichen und gestalten, gesprächsbereit sein. Zeit haben (zum Beispiel Milieutherapie und Gesprächsführung).
  4. An die Lebensgeschichte des älteren Menschen anknüpfen, ihn an sein bisher gemeistertes Leben erinnern! Die Biografiearbeit leistet gute Dienste dabei, die Ressourcen des Menschen zu erschließen. Individuelle und bedürfnisorientierte Betreuung!
  5. Das Gefühl vermitteln: „Sie sind mir wichtig“ und somit Brücke von Mensch zu Mensch sein, so dass ein neues Wertgefühl hervorgelockt und entwickelt werden kann.
  6. Hausarzt, evtl. Facharzt informieren. Medikamente können zur Entspannung beitragen.
  7. Falls gewünscht, Seelsorger verständigen.
  8. Bewohner in tagesstrukturierende Aktivitäten und Angebote einbeziehen, um ihn mit seiner Problematik nicht alleine zu lassen. Ihn in seiner Verantwortlichkeit stärken.

Für Lebensqualität sorgen

Wenn ich das Wort "Pflegeheim" auseinander nehme, entsteht: "pflege" und "heim". Das heißt für mich: Ältere Menschen wollen nicht im Heim leben, um gepflegt zu werden, sondern sie wollen gepflegt werden, um leben zu können. Wir sollten eine ganzheitliche Pflege im Blick haben, um auch gute psychosoziale Begleitung anbieten zu können. Es bedarf der Kunst des Ermutigens. Der leidende Mensch braucht Ermutigung, um dem Prozess des Lebens auch in schwierigen Situationen wieder vertrauen zu können. Denn für mich gilt: „Wie wir heute mit uns und der älteren Generation umgehen, entscheidet, wie die Welt von morgen aussehen wird“.

Wie wir heute mit uns und der älteren Generation umgehen,  entscheidet,wie die Welt von morgen aussehen wird.

Margarete Böhmler

Folgende Rahmenbedingungen erleichtern es dem Personal, angemessen mit Herausforderungen wie zum Beispiel Suizidalität umzugehen: eine gute Kommunikationsstruktur in der Einrichtung, ein Personalschlüssel, der die Zuwendung zum einzelnen Menschen erlaubt, sowie Angebote von Supervision und Milieutherapie. Das alles sorgt für mehr Lebensqualität für Bewohner und Mitarbeitende.

 

Margarete Böhmler, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.), Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 440-443.

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