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Schwerhörige

Kommunikation mit schwerhörigen Menschen

Es ist eine altbekannte Tatsache, dass mit dem Alter auch die Fähigkeit des Hörens abnimmt. Das Ausmaß und die Folgen einer Schwerhörigkeit werden dagegen fast immer dramatisch unterschätzt.

Dazu einige Zahlen: Während hörbehinderte Menschen insgesamt in Deutschland ca. 20 Prozent ausmachen, sind es bei den über 70-jährigen bereits 54 Prozent, bei den über 80-jährigen mehr als 75 Prozent. Von den schwerhörigen Menschen besitzen aber nur rund 9 Prozent ein Hörgerät, ganze 4,5 Prozent tragen es auch.

  • Es muss also davon ausgegangen werden, dass der Großteil der Menschen in Altenpflegeheimen schon deutliche bis hochgradige Hörminderungen hat, auch wenn nur wenige ein Hörgerät tragen.

Wer andere nicht mehr verstehen kann, verstummt allzu oft oder vermeidet Situationen in denen er sich durch Missverständniss lächerlich machen könnte.

Rosemarie Muth

Keine andere Behinderung greift aber derartig in das Leben des betroffenen Menschen ein wie eine Hörbehinderung mit ihren gravierenden psychosozialen Folgen. Die Hörbehinderung ist eine Kommunikationsbehinderung. Wer andere nicht mehr verstehen kann, verstummt allzu oft oder vermeidet Situationen, in denen er sich durch Missverständnisse lächerlich machen könnte.

Missverständnisse sind häufig auch ein Grund für Streitereien, vor allem, wenn schon zuvor Antipathien bestanden haben. Zurück bleibt oft ein grundsätzliches Misstrauen anderen Menschen gegenüber und eine verstärkte Tendenz sich zurückzuziehen. Zudem wird es schwerhörigen Menschen in Räumen mit anderen leicht zu laut. Es gehört zu den Phänomenen (nicht nur) einer Altersschwerhörigkeit, dass paradoxerweise die Lärmempfindlichkeit meist ausgeprägter ist als bei Normalhörenden. Die Schmerzgrenze Schwerhöriger ist oft deutlich früher erreicht!

  • Die Folge von Schwerhörigkeit ist daher oft ein Rückzug ins eige ne Zimmer, Vermeidungsverhalten, im Extremfall vollständige Isolation. Das wiederum bedingt Einsamkeit, Misstrauen, häufig Depressionen bis hin zu Lebensüberdrüssigkeit und suizidalen Gedanken.

Altersbedingte Schwerhörigkeit

Jeder, der in Altenpflegeheimen arbeitet, kennt diese Phänomene, dennoch werden sie kaum jemals als Folgen von Schwerhörigkeit erkannt, obwohl es schon seit den 70er Jahren vereinzelt Studien dazu gibt. Dies liegt zum Teil auch daran, dass eine altersbedingte Schwerhörigkeit schleichend verläuft. Selbst dem betroffenen Menschen bleibt sie oft lange verborgen. Daher wird er auch seine Schwierigkeiten nicht darauf zurückführen.

Schwerhörigkeit hat nicht immer etwas mit Lautstärke zu tun.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu meinen, Altersschwerhörigkeit habe immer etwas mit Lautstärke zu tun. Dies ist meist dann der Fall, wenn zusätzlich eine Störung im äußeren Gehörgang oder im Mittelohr vorliegt. Typisch für die Altersschwerhörigkeit ist aber eine Innenohrstörung durch abgenutzte Hörsinneszellen vor allem im Hochtonbereich. Die tieferen Frequenzen können oft noch gut gehört werden. Mehr Lautstärke verstärkt hauptsächlich die Frequenzen, die auch so noch gut gehört werden können und birgt zudem die Gefahr, die „Schmerzgrenze“ zu überschreiten.

  • Altersbedingt schwerhörige Menschen hören in erster Linie nicht leiser, sondern verzerrt.

Sprach- und andere Laute, die hauptsächlich im Tieftonbereich verortet sind, können daher ganz gut gehört werden, Laute aus dem Hochtonbereich dagegen können nicht mehr oder nicht mehr sicher identifiziert werden. Das Hören gleicht damit einem Kreuzworträtsel. Manche Buchstaben sind da, andere müssen über den Bedeutungsgehalt oder die anderen Worte erschlossen werden. Das ist mühsam und erfordert eine hohe Konzentration. Die Konzentrationsfähigkeit und die kognitive Verarbeitung sind aber bei hochbetagten Menschen oft herabgesetzt, was das Verstehen deutlich erschwert.

Ist das Sehvermögen der betroffenen Menschen im Nahbereich noch einigermaßen intakt, dann werden instinktiv (und von dem Menschen selbst unbewusst) die Mundbewegungen des Sprechenden zur Deutung des Gesprochenen mit herangezogen. Er/sie lernt wieder das Absehen vom Mund.

Was Seelsorgerinnen und Seelsorger tun können:

  • Damit Kommunikation mit schwerhörigen Menschen gelingen kann, brauchen sie Verständnis und die Unterstützung ihres Gegenübers.
  • Auch schwerhörige Menschen haben ein Recht auf Privatsphäre. Wenn das Klopfen nicht mehr gehört wird, lieber die Türe einen Spalt aufmachen und das Licht mehrmals aus- und einschalten, um so auf sich aufmerksam zu machen. Erst danach eintreten! Schwerhörige Menschen niemals von hinten ansprechen oder gar von hinten berühren (Schreckreaktionen).
  • Den eigenen Sitzplatz so wählen, dass der Mund gut beleuchtet ist. Sich nicht mit dem Rücken zum Fenster setzen, das blendet den schwerhörigen Menschen. Beim Sprechen immer den schwerhörigen Menschen ansehen, dabei darauf achten, dass die Hände nicht den Mund verdecken. Einen eventuell vorhandenen Bart so stutzen, dass zumindest die Mundpartie gut sichtbar ist.
  • Im Gespräch langsam und deutlich sprechen (nicht überlaut!). Dem schwerhörigen Menschen Zeit und Ruhe zur Antwort lassen. Wenn möglich, zur Verständnishilfe allgemeinverständliche Gebärden benutzen und ggf. auf das zeigen, was Gegenstand des Gesprächs ist.
  • Sätze einfach und durchschaubar halten, Exkurse vermeiden und Themenwechsel behutsam vorbereiten. Nur die gängigsten Fremdwörter verwenden, alles andere kann den schwerhörigen Menschen verwirren.
  • Falls Gebete, Psalmen, Lieder vorgesehen sind, möglichst solche wählen, die der schwerhörige Mensch kennt und eventuell mitsprechen kann, das nimmt die Anspannung und gibt ihm/ ihr ein Gefühl der Sicherheit.
  • Auf Ermüdungserscheinungen achten. Für schwerhörige Menschen ist Hören Schwerstarbeit, die Konzentration kann schnell nachlassen.
  • Das zuvor Gesagte gilt ganz besonders für Gottesdienste und Andachten. Dabei darauf achten, dass Sitzordnungen so sind, dass alle auch gut sehen können. Für schwerhörige Menschen reicht eine Lautsprecheranlage in der Regel nicht aus. Sie brauchen eine Höranlage! Ist eine solche nicht vorhanden, evtl. Texte in großer Schriftgröße über Tageslichtprojektor oder Beamer an die Wand projizieren, gleichzeitig Lobbyarbeit für eine Höranlage leisten.

Rosemarie Muth, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.), Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 362-364.

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