Zu den Inhalten springen

Servicenavigation

Schriftgröße
Schrift größerSchrift größer
Kontrast Kontrast ändern
||Start > Leben im Alter > Lebensbilder > Krankheitsbilder und Krisen im Alter > Depression
Beginn Inhalte
Depression

Depression - versteckte Krankheit

Der Begriff „Depression“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Niedergeschlagenheit; „depressiv“ bedeutet bedrückt bzw. niedergeschlagen.

Obwohl viele Menschen an Depressionen leiden, wird nur ca. die Hälfte aller Erkrankungen erkannt; davon werden nur etwa 50 Prozent behandelt. Im Alter stellen depressive Beschwerden mit einer Erkrankungsrate von 25 Prozent eindeutig die häufigste psychische Symptomatik dar.

Vielfältige Faktoren spielen bei der Verursachung von Depressionen eine Rolle. Im Zentrum können hierbei körperliche Erkrankungen (z. B. Hirnerkrankungen, Entzündungen, Stoffwechselstörungen, Tumore), der Missbrauch von Alkohol, Drogen und Medikamenten, belastende Lebensereignisse oder eine ererbte („genetisch bedingte“) Bereitschaft für den Ausbruch einer Depression stehen. Bei einem Teil der Kranken findet sich eine typische Persönlichkeitsstruktur: Die betreffenden Personen wollen vielfach stärker als andere etwas leisten.

Es liegt ihnen an Genauigkeit, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit bis zum Äußersten. Sie stellen hohe Ansprüche an sich selbst.

Elvira Dornes / Dorothee Steiof

Es liegt ihnen an Genauigkeit, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit bis zum Äußersten. Sie stellen hohe Ansprüche an sich selbst. Sie sind peinlich bestrebt, sich nichts zuschulden kommen zu lassen. An diese Eigenschaften koppelt sich die Abhängigkeit von der Beurteilung durch Andere. Es besteht die Scheu, etwas zu genießen und die Betroffenen haben Mühe, sich in einem Konflikt durchzusetzen.

Oftmals bricht eine Depression aus, wenn bisher tragende Lebenskonzepte der Betroffenen erschüttert werden: Bei alten Menschen sind hierbei z.B. der Verlust des Partners, der Umzug ins Altenpflegeheim, die zunehmende Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit, die ungewohnte Abhängigkeit von der Hilfe anderer Menschen, unerfüllte Versorgungserwartungen an Angehörige, Einsamkeit sowie die Angst vor einem leidvollen und langen Sterbeprozess bedeutungsvoll. Die Herausforderung, dem eigenen Leben noch einen Sinn zu geben und sich dem unaufhaltsamen Nahen des Todes zu stellen, spielt für depressive Menschen in höherem Alter oft eine große Rolle. Wer solch einen Menschen begleitet, sollte daher gerade für diese bei uns vielfach tabuisierten Themen ein offenes Ohr haben.

Wie zeigt sich eine Depression?

Ein wesentliches Merkmal einer echten Depression ist das Gefühl der unbeeinflussbaren Gefangenschaft in gedrückter Stimmung. Es kommt zu Störungen des Denkens und des Empfindens. Denkprozesse verlangsamen sich und verlieren ihren Sinn. Das Gedächtnis lässt nach. Die Konzentration leidet. Depressive können sich kaum zu den kleinsten alltäglichen Aufgaben aufraffen. Das kleinste Problem kann den Patienten in ein unlösbares Dilemma stürzen. Entscheidungen sind kaum mehr möglich.

Erste konkrete Hinweise im Alltag der Betroffenen können z.B. sein:

  • Der Briefkasten quillt über,
  • die Post wird nicht mehr geöffnet oder beantwortet;
  • der Kleidungsstil wirkt nachlässig bis ungepflegt;
  • Menschen haben, obwohl sie körperlich noch dazu in der Lage wären, plötzlich Mühe, den Haushalt zu bewältigen bzw. sich regelmäßig eine Mahlzeit zuzubereiten;
  • Behördengänge werden vermieden;
  • das Interesse an Ereignissen aus der Umgebung erlischt ....

Der eingeengte Stimmungszustand wird von Gefühlen der Trauer, des Verlusts, von Bedauern und Hoffnungslosigkeit beherrscht. Das eigene Leben erscheint zwecklos, die Zukunft wie eine Sackgasse („ein schwarzes Loch“), aus der es kein Entrinnen gibt. Die Gedanken kreisen häufig um Schuld und Sünde, oft auch in Form eines endlosen „Grübelns“ um negative Inhalte.

Ein weiteres typisches Symptom der Depression ist der Verlust jeglichen Interesses an Schönem.

Weder Musik, noch Hobbys, Farben oder Düfte der Natur bringen Freude. Alles erscheint stumpf und leblos. Viele Betroffene berichten auch von einem qualvollen „Gefühl der Gefühllosigkeit“: Sie können nichts mehr empfinden, haben jeglichen Kontakt zu ihren Gefühlen verloren und beschreiben eine innere Leere. Das Selbstbewusstsein ist sehr niedrig, nur noch die eigene Mangelhaftigkeit wird wahrgenommen. Manche Depressive fühlen sich völlig antriebslos, andere klagen über ein ständiges Getrieben sein und innere Unruhe („sie sind agitiert“).

Als Steigerung können sich, eher selten, wahnhafte Ängste dazugesellen.

Keinerlei Bemühungen von Außenstehenden können die Kranken aus der Gewalt der Verstimmung reißen, obwohl sie selbst mit jeder Faser diese Lähmung überwinden wollen. Häufig schwankt die Stimmung je nach Tageszeit: Am frühen Morgen wird die Depression am schlimmsten empfunden. Am Abend wird alles leichter. Eine gewisse Zerschlagenheit ist durch häufiges, nächtliches Erwachen bedingt. Dieser zerhackte Schlaf geht meist in ein langes Wachliegen bis in die frühen Morgenstunden über.

Das Essen verliert seinen Geschmack. Bei gleichzeitigem Appetitmangel führt es relativ schnell zur Gewichtsabnahme. Auch „Fressattacken“ mit Übergewicht sind möglich. Bei Frauen treten oftmals Unregelmäßigkeiten oder ein vorübergehendes Aufhören der Regel auf. Auch die Fähigkeit, sexuelle Lust zu erleben, geht zurück.

Verlauf

Anfangs versuchen die an Depression erkrankten Menschen, ihre Beschwerden mit erhöhter Kraftanstrengung zu überwinden (Ärzte vergleichen es mit Fahren bei angezogener Handbremse). Eine Zeitlang geht das gut. Dann aber ist der Aufwand, der nötig ist, um die normale Leistung aufrecht zu erhalten, zu groß. Den Kranken verlassen die Kräfte.

Selbstmord stellt bei schwerwiegenden Verläufen von Depression eine ernste Gefahr dar (Schätzungen gehen von 15-20 Prozent der Erkrankten aus!).

Viele Depressive werden auf dem Höhepunkt ihrer Krankheit vor dem Selbstmord nur dadurch bewahrt, dass sie sich zu diesem letzten Schritt nicht aufraffen können.

Vorsicht vor schnellen Urteilen

Insgesamt ist es wichtig, Anzeichen einer Depression nicht zu schnell als „normale“ Alterserscheinungen abzutun (nach dem Motto: „Im Alter wird man halt wunderlich…“). Auch an das Vorliegen einer Demenz oder anderer unerkannter körperlicher Erkrankungen sollte gedacht werden (besonders aus dem Bereich des Herz-Kreislaufsystems). Selbst Fachleuten fällt es hier oft schwer, die richtige Diagnose zu stellen.

Depressionen können heute – häufig mit gutem Erfolg – behandelt werden. Hierbei hat sich, je nach Schweregrad, die Kombination von Psychotherapie und einer medikamentösen Unterstützung bewährt.

Diese Medikamente werden als Antidepressiva bezeichnet. Sie verbessern die Stimmung und lösen die Angst. Sie machen nicht süchtig und beeinträchtigen weder das Bewusstsein noch den Verstand. Man unterscheidet verschiedene Arten von Antidepressiva. Bei leichten bis mittleren Depressionen helfen manchmal auch alternative Präparate mit Johanniskraut.

Behandlung

Im Allgemeinen müssen die Medikamente zwei bis drei Wochen regelmäßig eingenommen werden, bis sich eine Besserung der Symptome einstellt: Die innere Unruhe klingt ab, die innere Leere verschwindet. Energie und Lebenskraft kehren zurück.

Sinnvolle Arbeits- und Beschäftigungsangebote, so genannte tagesstrukturierende Maßnahmen, spielen zum Wiedererlangen von Selbständigkeit und Lebenszufriedenheit eine große Rolle. Auch die Familie und der Freundeskreis sollten in die Behandlung mit einbezogen werden.

Tagesstrukturierende Maßnahmen als erster Schritt zum Wiedererlangen von Selbständigkeit und Lebenszufriedenheit.

Elvira Bornes / Dorothee Steiof

Es ist oft nicht einfach, hierbei eine angemessene Balance von Entlastung der Betroffenen (z.B. von zu hohen Leistungserwartungen, von dem Druck, sich immer zusammenreißen oder der Umgebung etwas vorspielen zu müssen…) und vorsichtiger Aktivierung (z. B. zum Frühstück aufzustehen, sich regelmäßig eine Mahlzeit zuzubereiten…) zu finden.

Die Behandlung kann sich über einen längeren Zeitraum hinziehen, so dass jeder Beteiligte unwillkürlich an die Grenzen der eigenen Belastungsfähigkeit stößt. Die aufzubringende Geduld und das hierfür nötige Verständnis überfordern vielfach die Angehörigen. Dies wiederum erschwert es dem Genesenden, wieder unbefangen in den alten Beziehungen weiterzuleben. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter sollten für den Umgang mit depressiven Menschen bewusst angeleitet und geschult werden.

Ein wertschätzender, Zutrauen schenkender Umgang mit den Kranken und ein ehrliches Interesse für ihre Person und ihre Lebensgeschichte können bereits sehr unterstützend sein. Hierbei ist es wichtig, sich auch eigene Grenzen und Wutgefühle, die gerade die ständigen Klagen der Patienten in einem auslösen, einzugestehen. Eine Gefahr im Kontakt mit depressiven Menschen besteht häufig darin, ihnen zuerst mit viel Engagement helfen zu wollen, dann aber, wenn diese Bemühungen keinen schnellen Erfolg zeitigen, also die Depression bleibt, sich enttäuscht zurückzuziehen, den Kontakt frustriert ganz abzubrechen oder die eigene Wut in Form von Vorwürfen an den depressiven Menschen weiterzugeben (etwa: „Der will ja gar nicht, soll sich doch endlich mal zusammen reißen…“). Hier wäre es hilfreicher, die eigenen Kontaktangebote so zu dosieren, dass man sich vorstellen kann, dem Erkrankten auch auf Dauer zuverlässig und regelmäßig zur Seite zu stehen.

Der will ja gar nicht, soll sich doch endlich mal zusammen reißen!

Vorwurf an einen depressiven Menschen

Als persönlichen Gedanken für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter hat Peter Ruf (Konsequenzen 4/02) gesagt: „Wer geliebt ist und wem man mit Zeit begegnet, der lebt glücklicher und hat Mut und Kraft zum Leben.“ Die Würde steht jedem Menschen zu, es ist wichtig, dass „jeder als ein Gedanke Gottes angenommen wird“.

 

Elvira Dornes / Dorothee Steiof, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.), Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 444-448.

Hauptnavigation unten
Servicenavigation unten
Evangelische Landeskirche in Württemberg Diakonie - Stark für Andere