
Die Kenntnis ist nicht neu, dass der Mensch mit seiner Geburt anfängt zu altern. Nur - wie wird dies wahrgenommen und erlebt?
In der Kindheit und Jugend wünscht man sich das Altern:
... wenn ich nur schon älter wäre, dann ...
... wenn ich volljährig bin, dann ...
... wenn ich dieses oder jenes Berufsziel endlich erreicht habe, dann ...
Das jüngere Erwachsenenalter ist dann stark geprägt vom Entwicklen und Aufbauen - beruflich und privat. Man möchte oft mehr, als man kann.
Das reifere Erwachsenenalter leht die Erfahrung, dass Gewünschtes oder Erstrebtes oft anders oder gar nicht eintritt und immer wieder ist Neuorientierung gefragt. Der Traum von der "Entschleunigung" des Lebens gewinnt an Bedeutung. Gleichzeitig halten die Gedanken an die Endlichkeit Einzug. Die Defizite des Älterwerdens rücken ins Blickfeld. Das macht Angst - es wird verdrängt. Man hört gern auf die Parolen der Werbung: "Halten Sie sich (mit dem oder jenem) fit bis ins hohe Alter" - und man strebt danach.
Aber wie ist es tatsächlich um den Menschen bestellt, wenn er heute älter und hochaltrig wird in einer Welt, die von Fortschritt, Leistung und Tempo bestimmt ist. Was muss/sollte für diesen Lebensabschnitt erlernt werden? Zunächst dies:
Altern gehört zum Leben - es ist eine Einladung mit anderen Lebensregeln weiterzuleben, auch wenn es sich mühsamer gestaltet, vielleicht wird es wesentlicher! Stellen wir uns dieser Herausforderung!
Be-dacht und er-lebt könnte es zum Reichtum des Daseins führen.
BE-DACHT - ER-LEBT
1. Was heißt "alt" in unserer Gesellschaft?
"Alt" ist für unsere Gesellschaft der Mensch, der nicht mehr mit seiner Leistung aktiv an ihr teilnehmen kann, der im sog. "Ruhestand" (ich halte dieses Wort für falsch) ist. Man tut gut daran, dieses Ereignis nicht als Einstieg ins "Nichtstun" zu betrachten, sondern eher als ein Heranwachsen und entfalten neuer Möglichkeiten. Diese Kenntnis muss erst zur Er-kenntnis werden d. h. vom Kopf, ins Herz und in die Hand gehen.
Das führt zum nächsten Schritt:
2. Das Altern in die Hand nehmen
Was kann ich jetzt noch? Was kann ich vielleicht sogar besser als früher? Wie will ich mit Zugewinn umgehen? Will ich damit nur mich oder auch meine Mitmenschen beschenken - evtl. ehrenamtlich tätig sein? Bei diesen Überlegungen spielt die körperliche Verfassung eine nicht unerhebliche Rolle. Wessen Körperkräfte noch gut erhalten sind wird andere Möglichkeiten entfalten, als derjenige, der sich einschränken muss.
3. Altern geschieht aus der persönlichen Eigenart heraus
Es gibt keine Norm für richtiges Altern. Altern ist individuell. Jede und jeder altert anders, jede und jeder allein - gemäß seiner Lebensgeschichte und der Menschheitsgeschichte. Meine Lebensgeschichte und die Welt in der ich lebe hat mich zu der Person (das Wort kommt aus dem lat. personale = hindurchscheinen) werden lassen, die ich bin und die ich bis zu meinem letzten Atemzug noch werde. - Deshalb ist die Botschaft dieser Worte bedenkenswert:
"Die eigentliche Gefahr des Alt-Werdens ist nicht das Alter selbst, sondern die Abwehr, sein Schicksal in die Hand zu nehmen und es zu gestalten, auch unter erschwerten Bedingungen."
4. Auch Altern fordert Wandlung
Was ich annehme wandelt sich - mich! Romano Guardini schreibt in seinem Buch "Die Lebensalter":
"So muss nun als Erstes und Entscheidendes gesagt werden, was überhaupt die Grundlage aller Lebensweisheit ist, dass in richtiger Weise nur alt wird, wer das "Altwerden" innerlich annimmt - nicht bloß erleidet."
Die Einstellung zum Altern erfordert Wandlung - "Zulassen" wäre ein Stichwort - oder "Sich darauf einlassen" - Neues wagen mit aller Unsicherheit, die es in sich birgt.
"Wer sich nicht wandelt, wird alt aber nicht reif." (Theodor Bovet)
Dr. Paul Tournier (Schweizer Eheberater) verwendet in seinem Buch "Die Jahreszeiten des Lebens" einen interessanten Vergleich: Bei Trapezkünstlern geht es darum, im richtigen Augenblick loszulassen, sich zu verlassen - um das zweite Trapez zu ergreifen. Loslassen ist aber gar nicht so leicht, weil das Festhalten eine gewisse Sicherheit gibt.
Da wir die Neigung haben uns an Vergangenem und Gegenwärtigem festzuklammern bedeutet dies: Sich immer wieder zum Aufbruch und zur Veränderung, zur Wandlung zu entscheiden.
5. Altern braucht Erinnerung
Wozu Erinnerung? Den Blick nach rückwärts? - Der Blick nach rückwärts erzählt von Ereignissen und Erfahrungen, die mein Leben prägten. Erinnerungen werden auf vielfältige Weise geweckt - durch Worte, durch Musik, durch Gerüche, durch Handlungen usw.
Wenn der älter werdende Mensch immer wieder dasselbe erzählt, ist es für ihn nie dasselbe, weil er je nachdem an eine andere Situation erinnert wird und daraus erzählt. Das gegenseitige Erzählen der Lebensgeschichte ermöglicht es individuelle und kollektive Lebenserfahrung miteinander zu verknüpfen. Wodurch scheinbar unvereinbare Geschichten gegenseitiges Verständnis erfahren.
Der alternde Mensch braucht Zeit zur Einkehr bei sich selbst, und er braucht die Möglichkeit darüber zu erzählen - sich mitzuteilen. Hier stellt sich allerdings die berechtigte Frage: Wer kann und wer will mit ihm Zeiten des Erinnerns teilen damit Wandlung geschehen kann:
Bewahre dir
deine Erinnerungen,
die schönen,
die freundliche Bilder
in dir aufsteigen lassen,
aber auch die,
auf die du lieber
verzichten würdest,
Erfahrungen, die dich verletzt
und die dir weh getan haben,
denn es sind gerade die
Wunden,
durch die das Wunder
der Wandlung
möglich wird.
Christa Spilling-Nöker
© Doris Löffler, Ulm