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Alternsprozess

Bedeutung der Einschränkungen für den älteren Menschen

Die Komplexität und die Vielfalt der geriatrischen Krankheitsbilder ist groß. Der vorliegende Beitrag will den Blick auf die Bedeutung der zunehmenden (körperlichen) Einschränkungen für den älteren Menschen lenken, sowie auf die damit verbundenen Formen der persönlichen Auseinandersetzung.

In der aktuellen Diskussion findet man Begriffe wie „Hilfe- und Pflegebedürftigkeit“ sowie „Gesundheitseinschränkungen“. Sie bezeichnen die Auswirkungen von altersbedingten Prozessen auf die Diagnosen und die damit verbundenen Einschränkungen im Alter. Die Krankheit im Alter betreffend, wird in der Gerontologie und in der Geriatrie häufig der Begriff „Multimorbidität“ verwendet. Das heißt, verschiedene Krankheiten im Alter treten nebeneinander auf. Dies erschwert oftmals sowohl die Diagnostik wie auch die Therapie.

Der überwiegende Teil der Organfunktionsstörungen im Alter entsteht laut Backes und Clemens nicht durch den physiologischen Alternswandel, sondern durch vielfältige krankhafte Prozesse, die das Altern begleiten oder belasten. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von „mit-alternden Krankheiten“. Daneben gibt es die „primären Alterskrankheiten“, die im Alter erstmals auftreten, wie zum Beispiel den Altersdiabetes, die Arteriosklerose, degenerative Veränderungen des Bewegungsapparates und andere.


Dreifach differenziert

Ding-Greiner und Lang nehmen drei Differenzierungen vor: „Alternsabhängige und alternsbegleitende Erkrankungen“, „Alterskrankheiten“ und „Krankheiten im Alter“.

„Alternsabhängige und alternsbegleitende Erkrankungen“ sind Erkrankungen, die eng mit dem Altern verbunden sind, wie zum Beispiel die Arteriosklerose sowie die Arthrosen. Diese Erkrankungen stellen zum Teil physiologische Alternsvorgänge dar, die beim Überschreiten eines bestimmten Ausmaßes als Krankheit in Erscheinung treten. Das Merkmal typischer „Alterskrankheiten“ ist demgegenüber, dass deren Vorkommen mit dem Alter zunimmt, so zum Beispiel die demenziellen Erkrankungen. Als „Krankheiten im Alter“ bezeichnen die Autoren schließlich Erkrankungen, die für einen jüngeren gesunden Organismus keinerlei ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen, bei eingeschränkten Organreserven jedoch zum Tode führen können. Beispielhaft sind hier die Infektionen der Atmungsorgane zu nennen.

Zunahme psychiatrischer Alterskrankheiten

Neben den zunehmenden chronischen Krankheiten spielt die Zunahme der psychiatrischen Alterskrankheiten und hier vor allem der demenziellen Erkrankungen eine zentrale Rolle. Dies tangiert vor allem die Pflege und Betreuung älterer Menschen in den stationären Einrichtungen. Die Angaben zur Prävalenz der Demenzen machen deutlich, dass die Demenz eine Erkrankung darstellt, die zukünftig weiter an Bedeutung gewinnt. Prozentual steigt die Wahrscheinlichkeit, mit zunehmendem Alter an einer Demenz zu erkranken. Vor dem Hintergrund unserer demografischen Entwicklung gewinnt das Krankheitsbild zugleich an gesellschaftlicher und öffentlicher Aufmerksamkeit.

Akute Erkrankungen haben im Alter oftmals einen schwereren Verlauf. Sie werden von den älteren Menschen schwerer bewältigt, da der Körper einer längeren Zeit zur vollständigen Genesung bedarf.

Die häufigsten Erkrankungen im Alter stellen die Herz- Kreislauferkrankungen (zum Beispiel Herzinsuffizienz und Bluthochdruck), die Störungen des Bewegungs- und Stützapparates (zum Beispiel Arthrose und Osteoporose), Magen-Darm-Störungen (zum Beispiel Obstipation), Hör- und Sehstörungen (zum Beispiel Altersschwerhörigkeit und grüner Star) , Erkrankungen der Atemwege (zum Beispiel Asthma und chronische Bronchitis), Störungen des Uro-Genitalsystems (zum Beispiel Inkontinenz und Veränderungen der Prostata) sowie zerebrovaskuläre und psychische Erkrankungen dar.

Der individuelle Alternsprozess weist in den unterschiedlichen Funktionsbereichen unterschiedliche Verläufe auf. Hierbei hängen laut Backes und Clemens die biologischen, körperlichen und psychischen Alternsprozesse mit den sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen zusammen.

Die Lebensqualität im Alter wird wesentlich vom Gesundheitszustand und von der geistigen Leistungsfähigkeit des älteren Menschen beeinflusst. Nach einem selbstbestimmten Lebensverlauf stellt die Konfrontation mit Krankheit, körperlichen Einschränkungen, Unselbstständigkeit und reduzierter Selbstbestimmung eine der größten Herausforderungen an den älteren Menschen dar.

Laut Kruse gibt es unterschiedliche Bewältigungsstile, welche ältere Menschen im Zusammenhang mit einer Krankheit sowie den zusammenhängenden Konflikten und Belastungen anwenden (bei der Untersuchung von Kruse ging es um Menschen nach einem Schlaganfall). Die folgenden vier Bewältigungsstile wurden in der Studie ermittelt:

  • Das intensive Bemühen um eine weitere Verbesserung der gesund heitlichen, psychischen und sozialen Situation.
  • Das Bemühen um eine Neubewertung der Situation, das heißt ein akzeptierender, auf innere Veränderungen zielender Reaktionsstil.
  • Eine ausgeprägte Tendenz zur Resignation und Passivität, begleitet von einem geringen inneren Engagement und geringer Aktivität in der Gestaltung des Alltags sowie der sozialen Rollen.
  • Starke Aggressionen gegen andere Menschen, das heißt ein von Enttäuschung und Verbitterung bestimmter Reaktionsstil, begleitet von Konflikten in sozialen Beziehungen und einem negativen Selbstbild.

Zusammenspiel aus Erkrankung und persönlicher Reaktion

Deutlich werden an dieser Darstellung die unterschiedlichen Auseinandersetzungs- und Reaktionsformen. Hieraus lässt sich die individuelle Art und Weise, in der wir den älteren Menschen in diesen Phasen begegnen müssen, sowie die Mannigfaltigkeit an Unterstützungs- und Begleitungsbedarf ableiten.

Die subjektiven Bedürfnisse der älteren Menschen ergeben sich nicht nur aus den unterschiedlichen Formen und Auswirkungen der spezifischen Einschränkungen, sondern auch aus den persönlichen Reaktionen und Bewältigungsformen. Menschen werden im Alternsprozess mit Grenzsituationen konfrontiert, die hohe Anforderungen an die psychische Reife, aber auch an die alltagspraktischen Kompetenzen stellen.

Die Fähigkeiten und Fertigkeiten wie auch die Möglichkeiten und Grenzen des Alters müssen aus mehreren Perspektiven betrachtet werden. Kruse und Lehr benennen die folgenden vier Aspekte:

  1. die kognitive Entwicklung,
  2. die Erfahrungen und individuellen Wissenssysteme,
  3. die Gestaltung des Alltags sowie
  4. die persönliche Auseinandersetzung mit den Aufgaben und Belastungen im Alter.

Die Würde des Alters wird respektiert in einem würdigen Umgang mit den älteren (und hilfebedürftigen) Menschen. Das würdevolle Miteinander hängt mit dem zusammen, was wir als Gegenüber bereit sind, den älteren Menschen in ihrer individuellen Situation der eingeschränkten Wahrnehmung, der eingeschränkten Mobilität und der reduzierten Kommunikationsfähigkeit zu geben. Würdevoller Umgang heißt auch, dem älteren Menschen trotz oder gerade aufgrund seiner Einschränkungen eine Entwicklung zu ermöglichen, das Werden zu unterstützen, das Wachstum zu fördern und in der Vergänglichkeit zu begleiten. Ist der ältere Mensch selbst nicht mehr in der Lage dazu, gilt es verantwortungsvoll seine Würde zu schützen.

Die aufgezeigte Vielfalt der Einflussfaktoren und der individuellen Reaktionsformen gestaltet die jeweilige Begegnung mit den älteren Menschen als komplex und vielschichtig. Sie erfordert eine individuelle Form der Unterstützung, für den älteren Menschen. Hierin liegt die Herausforderung für die Altenheimseelsorge als Begleitung des individuellen Alternsprozesses.

 

Annette Riedel, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.), Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 428-432.

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