Zu den Inhalten springen

Servicenavigation

Schriftgröße
Schrift größerSchrift größer
Kontrast Kontrast ändern
||Start > Leben im Alter > Lebensbilder > Alternsbilder
Beginn Inhalte
Alternsbilder

Bilder des Alters und des Alterns

Unsere Bilder von Alter und Altern haben entscheidenden Einfluss auf die Begegnung mit alten Menschen in unserer Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, sich darüber klar zu werden und Veränderungsmöglichkeiten zu erkennen.

Die gesellschaftlichen Vorstellungen und Einstellungen gegenüber dem Alter sind (auch heute noch) geprägt von der Assoziation des Verfallsprozesses. Mit Alter und Altern werden in Verbindung gebracht: das Nachlassen von Körperkraft und geistiger Vitalität, der Verlust sozialer Rollen sowie der Abbau von Fähigkeiten und Fertigkeiten. Das Altersbild ist in diesen Vorstellungen negativ akzentuiert.

Nachlassen von Körperkraft und geistiger Vitalität, Verlust sozialer Rollen, Abbau von Fähigkeiten und Fertigkeiten, Isolation, Einsamkeit, Abhängigkeit, Hilfe- und Pflegebedürftigkeit.

gesellschaftliches Bild vom Alter

Altsein und Altwerden scheint außerdem begleitet von Isolation, Einsamkeit, Abhängigkeit sowie Hilfe- bzw. Pflegebedürftigkeit. Diese Bilder werden sowohl durch persönliche Erfahrungen, durch den jeweiligen kulturellen Kontext wie auch durch die konkreten gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen wir leben, geprägt und beeinflusst.


So ergab eine repräsentative Studie im Jahr 1992 in Zürich auf die Frage, was den Menschen bei dem Gedanken an das Rentenalter am meisten Angst bereite, eine bezeichnende Antwort. Die 504 Frauen und Männer im Alter zwischen 15 und 74 Jahren fürchteten sich vor allem davor, im Alter von einer chronischen Krankheit und Pflegebedürftigkeit betroffen zu sein. Es folgten die Ängste vor Abhängigkeiten und dem körperlichen und geistigen Zerfall. Diese Bilder sind in unserer Gesellschaft zum Teil tief verwurzelt und wirken sich negativ auf den Umgang mit älteren Menschen aus.

Kompetenzmodell des Alterns gegen Defizitperspektive des Alterns

Diese negativen und von Defiziten geprägten Vorstellungen von Alter und Altern sind unangemessen und zudem wissenschaftlich längst überholt. Dieser „Defizitperspektive des Alterns“ wurde das „Kompetenzmodell des Alterns“ entgegengesetzt. Altern selbst ist ein mehrdimensionaler Prozess. Altern zeigt sich in vielfältigen Formen und wird begleitet von einer Vielzahl an Einflüssen. Altern wird sowohl von den gesundheitlichen Voraussetzungen und Veränderungen geprägt, den sozio-ökonomischen Bedingungen sowie von geistig-seelischen Faktoren. Die Lebensphase des Alterns ist mit einer individuellen, sozialen und kulturellen Vielfalt verbunden.

Veränderungen, die mit dem Altern einhergehen, sind auf den verschiedenen Ebenen unterschiedlich ausgeprägt, dies auch bei derselben Person. Im Rahmen dieses Handbuchs, in dem es um die Seelsorge in stationären Altenhilfeeinrichtungen geht, wo vor allem oder ausschließlich ältere Menschen mit einem Hilfe- und Pflegebedarf leben, ist es bedeutsam, auf das gesellschaftliche Altersbild aufmerksam zu machen. In einem Alltag, der geprägt ist von Begegnungen mit älteren Menschen, die auf Versorgung und Pflege angewiesen sind, gilt es, sich darüber bewusst zu sein, dass wir auch bei (fortgeschrittener) Hilfe- und Pflegebedürftigkeit das Altern des Menschen beeinflussen können. Die Individualität und die Vielfalt des Alterns stellt die Chance dar, die individuellen Ressourcen des Menschen im Sinne der Lebensqualität des älteren Menschen zu erfassen und zu nutzen.

Altern ist deswegen so komplex, auch biologisch gesehen, weil es nicht nur Abnützung, sondern auch Wiederherstellung und Selbstheilung des Organismus enthält. Je mehr diese Wiederherstellung seelisch begünstigt wird, umso stärker vermag sie an Dynamik und Wirkung zu gewinnen. [...] Altern ist zwar eine durch Verluste und Einschränkungen gekennzeichnete naturhafte Veränderung des Lebendigen. Aber neben dem Altern, das man auch als naturhaftes‚ Verlieren unter Widerstand' bezeichnen könnte, ist ein seelisches und geistiges ‚Wachstum' durch Entwickeln auf Ziele hin möglich. Wachstum als seelisch-geistiger Prozeß ist in gewisser Weise gegenläufig zum Altern.

Aber ärmlich und traurig wäre es, sich einzig diesem Prozess des Verfalls hinzugeben und nicht zu sehen, dass auch das Greisenalter sein Gutes, seine Vorzüge, seine Trostquelle und Freuden hat. [...] Die mir teuerste dieser Gaben ist der Schatz an Bildern, die man nach einem langen Leben im Gedächtnis trägt und denen man sich mit dem Schwinden der Aktivität mit ganz anderer Teilnahme zuwendet als jemals zuvor. (Hesse: Mit der Reife wird man immer jünger, S. 69ff)

Wie jedes Lebensalter und jede Entwicklungsperiode, ist auch das Alter und der Alternsprozess geprägt von Gewinnen und Verlusten. Beides gilt es zu sehen. In der Literatur spricht man bei den Fähigkeiten im Alter (trotz Pflege- und Hilfebedürftigkeit) von Kompetenzen und Ressourcen wie auch von der „Entwicklungspotentialität“ im Alter.

Mit differenziertem Blick Kompetenzen entdecken

Diese Kompetenzen sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, doch immer vorhanden. Dieser differenzierte Blick hilft uns, die Vorstellung und die Erfahrung des „pauschalen Abbaus“ zu überwinden und die Potentiale des älteren Menschen zu nutzen. Solange wir die älteren Menschen nicht (auch) als kompetent und produktiv wahrnehmen, machen wir ihr Leben zu einem Risiko.

Es wäre falsch und würde der Realität nicht entsprechen, nur die positive oder nur die negative Seite des Alternsprozesses zu betrachten. Das Alter hat mehrere Gesichter. Vielmehr ist es bedeutsam, beide Seiten des Alters und des Alterns im Blick zu haben, gerade im Bereich der Altenheimseelsorge: die (körperlichen) Einschränkungen, aber auch die Kompetenzen und Ressourcen. Der Individualität des Alters und des Alterns wird man nur gerecht, wenn man das Verbliebene und das Verlorene sieht, die Gewinne und die Verluste, die Stabilität und den Abbau, das Schöne und das weniger Schöne, das Ermutigende und das Schmerzliche. Diakonische Altenpflege hat den Auftrag, das Bewusstsein um beide Perspektiven des Alters und des Alterns zu fördern und zu erhalten.

 

Annette Riedel, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.), Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 41-44.

Hauptnavigation unten
Servicenavigation unten
Evangelische Landeskirche in Württemberg Diakonie - Stark für Andere