
Vortrag auf der Konferenz der AltenPflegeHeimSeelsorgenden in der EKD vom und 27.06.2007 im Wohnstift Otto-Dibelius in Berlin
Prof. Wolfgang Drechsel ist seit 2004 Professor für Praktische Theologie (mit dem Schwerpunkt Seelsorge) an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.
Sehr geehrte Damen und Herren,
lassen Sie mich diesen Vortrag beginnen mit vier Zitaten von Altenseelsorgern und Altenseelsorgerinnen, die mir in der letzten Zeit begegnet sind und die ich zuerst einmal nebeneinander benennen möchte:
Wenn ich diese Zitate so nebeneinander lese, dann mag zumindest deutlich werden dass Altenseelsorge immer wieder Anlass bietet, über Seelsorge neu und auch theologisch nachzudenken, und zwar auf ganz verschiedenen Ebenen: In unserem Falle im Blick auf die Frage nach der Person des Seelsorgers der Seelsorgerin, im Blick auf die Frage nach dem Harmlosen und Alltäglichen, im Blick auf die Frage, wie begegne ich der Fremdheit und Würde meines Gegenübers – und im Blick auf die Frage des Neuentdeckens von altvertrauten theologischen Gedanken mitten im unmittelbaren gottesdienstlichen Praxisvollzug.
Nun sind diese Beispiele zuerst einmal recht willkürlich ausgewählt, sie machen aber darauf aufmerksam, dass in der Altenseelsorge auf exemplarische Weise Fragen begegnen, die eine ganz zentrale theologische Relevanz haben.
Merkwürdigerweise werden solche Fragen aber in der gängigen poimenischen Theoriebildung faktisch kaum zum Thema, ja das Thema Altenseelsorge fällt eher aus dem poimenischen Theoriebewusstsein heraus – die Frage, was denn Seelsorge sei und sein sollte, wird anderswo geklärt und so wird Altenseelsorge bestenfalls unter dem Stichwort „Sonderseelsorge“ als eine Art sekundärer Teilbereich verhandelt, wenn nicht unter „ferner liefen“.
Nun möchte ich heute zuerst einmal der Frage nachgehen, aus welchen Quellen diese Randständigkeit der Altenseelsorge gespeist wird, um dann einmal die Perspektive zu wechseln und von dem Gedanken auszugehen: Was wäre denn, wenn ich die Fragen „Was ist Seelsorge?“ und „Was hat sie mit unsrer Theologie zu tun?“ von der Altenseelsorge her entwickeln würde, d.h. wenn ich von dem Gedanken ausgehe, - und dafür gibt es durchaus gute Gründe - dass Altenseelsorge eben nicht nur ein Form sekundärer Sonderseelsorge ist, sondern zu den Zentralbereichen seelsorglichen Handelns gehört. Um dann zu sehen, welche Bedeutung dies für die Seelsorge insgesamt haben könnte.
Es ist nun keine Frage, dass die augenblickliche Situation der Altenseelsorge als randständig angesehen werden muss. Sowohl in der Seelsorgetheorie wie auch im kirchlichen und kirchenpolitischen Handeln. Das wissen Sie selbst am besten und erleben es immer wieder.
Nun speist sich diese augenblickliche Lage aus verschiedenen Quellen, die aber untergründig durchaus miteinander verbunden sind. Nämlich aus der Normativität der gängigen Vorstellung von Seelsorge und einem gesamtgesellschaftlichem Hintergrund, die beide ihren gemeinsamen Ausdruck finden im kirchlichen Umgang mit der Altenseelsorge.
Blicken wir auf den theologischen, den seelsorgetheoretischen Hintergrund, so erweist sich dieser als gar nicht so theoretisch, sondern als selbstverständlich – er wird kaum hinterfragt – und gerade darin erweist er sich als hochnormativ:
Und dabei ist festzuhalten, dass dieser geltende und normativ wirksame Seelsorgebegriff aus Quellen gespeist wird, die das Alter eher ausschließen als einschließen.
Eine Szene aus der Praxisreflexion einer Vikarin: Die Seelsorgerin besucht im Altenheim eine ältere Dame. Es entsteht ein Kontakt und die alte Dame erzählt. So eben Geschichten und Geschichtchen aus ihrem Leben. Die Vikarin ist auf der einen Seite ganz angetan, dass eine Beziehung entstanden ist, auf der anderen Seite wartet sie auf das Problem: Es handelt sich ja schließlich um ein Seelsorgegespräch. Und so bohrt sie nach und fragt gezielt, aber die Frau bleibt bei ihren Geschichtchen, es taucht kein Problem auf. - Am Schluss bedankt sich die Besuchte. Aber die Seelsorgerin geht mit einem flauen Gefühl: Eigentlich war das doch gar kein richtiges Seelsorgegespräch.
Nun ließe sich diese Geschichte abtun mit einer lässigen Handbewegung: „Gut, die Seelsorgerin ist eben noch jung, die ist halt noch nicht soweit“ – wenn diese Szene nicht gerade darin repräsentativ wäre, dass es sich hier um eine Vikarin handelt, die in ihren Vorstellungen, Phantasien und Seelsorgeidealen immer auch den jeweils gegenwärtigen Stand der Seelsorgeausbildung, und zwar nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis repräsentiert. Und das heißt im Blick auf diese konkrete Situation: Da sitzt eine Vikarin, und wartet auf das Problem – wie es den von ihr erlernten Vorstellung eines guten Seelsorgegesprächs entspricht. Und diese Vorstellung ist so dominant, dass sie nicht mehr sieht, was denn gerade geschieht, an seelsorglich Wichtigem.
Oder um diese Perspektive mit einem Zitat aus der ganz seltenen Literatur zur Seelsorge an alten Menschen zu verdeutlichen: (Lücht-Steinberg Gespräche mit älteren Menschen1981): „ Unter jüngeren Pastoren findet sich eine gewisse Hilflosigkeit, wieweit sie aufgrund mangelnder Lebenserfahrung Älteren gerecht werden können. Bereitschaft zu Altenbesuchen zeigen auch sie. Bevorzugt geben sie sich jedoch mit Menschen ab, bei denen Änderungen im Verhalten und in den Einstellungen möglich und sichtbar erscheinen. Von älteren Menschen wissen sie, dass keine grundlegende Einstellungsänderung erwartet werden kann. Mit der dadurch ausgelösten Unsicherheit können sie schwer umgehen. Und nur zur ‚Unterhaltung’ der älteren Generation fühlen sie sich nicht imstande, meinen auch aufgrund detaillierter psychologischer und seelsorgerlicher Kenntnisse, dies sei zu wenig.“
Dh nun: Wir haben eine gängige Vorstellung von Seelsorge, die in ihrer Herkunft von der beratenden Seelsorge und dann später der Pastoralpsychologie deutlich geprägt ist durch den Gedanken der Problemlösung. In ihr ist die Rolle des Seelsorgers, der Seelsorgerin dadurch definiert, dass er / sie das Problem hebt, und seinem Gegenüber (im Original: dem Klienten) ermöglicht, sein Problem selber zu lösen.
Grundlage dafür ist eine letztlich psychotherapeutisch orientierte poimenische Konzeption, mit ihrer Ausrichtung auf Entwicklung, seelisches Wachstum, Heil und Heilung usw.
Nun geht es hier nicht darum, eine solche Perspektive grundsätzlich abzuwerten, sie impliziert ja ganz wesentliche Elemente für sinnvolles Verstehen und Handeln – ich selbst bin seit 20 Jahren Pastoralpsychologe und weiß die Möglichkeiten therapeutischer Perspektiven als unhintergehbar zu schätzen.
Das Problem aber, das durch diesen Seelsorgebegriff entsteht, ist, dass er durch seine normative Dominanz und seinen damit verbundenen heimlichen Absolutheitsanspruch weite Bereiche von kirchlicher Seelsorge aus dem theologischen und kirchlichen Bewusstsein ausklammert, die nicht hineinpassen. Nicht nur die Altenseelsorge, sondern vor allem auch die Gemeindeseelsorge, die Seelsorge im Alltag. Man denke hier nur an den Geburtstagsbesuch (der wiederum die Gemeindeselsorge mit der Altenseelsorge verbindet).
Vom gängigen Seelsorgebegriff her fällt es schwer, diese Bereich noch als „richtige“, als „eigentliche Seelsorge“ zu bewerten.
Oder aber: Wenn sie schon nicht ausgeklammert werden, werden diese Felder und Arbeitsbereiche so lange zurechtgestutzt, bis sie irgendwie doch passen. Im Blick auf die Altenseelsorge exemplarisch im gegenwärtig-modischen Heben des Biographiethemas, das als anzustrebende ganzheitliche Lebensbilanz zu einem mehr oder weniger heimlichen Therapieziel umfunktioniert wird.
Dabei gilt solches Ausklammern bzw. Anpassen nicht nur den einzelnen konkreten Handlungsfeldern, sondern auch den religiösen Inhalten bzw. den christlichen Rahmenbedingungen von Seelsorge und ihrem theologischen Hintergrund.
Die gegenwärtige Seelsorgetheorie tut sich schwer, mit der theologischen Begründung dessen, was sie treibt. Oder aber: Es treten verschiedentlich deutliche Tendenzen auf, die jeweils vorherrschenden therapeutischen Wirklichkeitskonzeptionen mehr oder weniger heimlich zu theologisieren. D.h. sie als die „eigentliche Theologie“ zu identifizieren und ihr so einen Heiligenschein zu verleihen.
Dabei – und das möchte ich hier einmal als provokante These aufstellen – unterstützt die Poimenik der letzten 50 Jahre auf subtile und untergründige Weise ein auf Leistung ausgerichtetes Selbstbild unserer gegenwärtigen Gesellschaft, in unserem Falle in der Förderung von Problemlösungsfähigkeit und Entwicklung und Wachstum. Und sie unterstützt gerade darin eine gesamtgesellschaftliche Tendenz, das Alter, das nicht unmittelbar ins Leistungssystem integrierbar ist und sich gegenüber allen Wachstums- und Entwicklungsforderungen als sperrig erweist, abzuwerten bzw. abzuspalten. Oder aber es zu domestizieren und zu kolonialisieren und den eigenen Interessen anzupassen.
Denn in einer auf Leistung, Leistungssteigerung, Selbstkontrolle, Multioptionalität usw. ausgerichteten Gesellschaft macht das Alter als permanentes Symbol des Begrenzten Angst. Und diese Angst löst Abwehr aus. In Form von Abwertung oder Abspaltung oder im Versuch, das Alter den gängigen Normen anzupassen.
Im kirchlichen Handeln, und d.h. im Umgang mit der Altenseelsorge fließen dann diese beiden Perspektiven zusammen. Das normative Seelsorgeideal und die gesellschaftlichen Grundströmungen. Und sie finden ihren Ausdruck in einer Abwertung der Altenseelsorge als einer Art niederer Klerus, der die notwendigen knechtischen Hilfsarbeiten macht, die halt sein müssen – so wie die Laienbrüder in den Klöstern des Mittelalters in ihrem Verhältnis zu den Priesterkollegen. Und in unserem Falle müssten wir übertragen sagen: der therapeutisch kompetenten Priesterkollegen.
Gehen wir nun einmal davon aus, dass Altwerden und Altsein zum ganz normalen Menschsein dazugehört. Und beziehen wir ein, dass zur Zeit immer mehr Menschen nach ihrer Verrentung – die ja im Allgemeinen als Eintritt ins Alter angesehen wird – möglicherweise ein ganzes Drittel ihres Lebens in diesem Zustand des Altseins verbringen, dann müssen wir zuerst einmal in rein logischer Konsequenz davon ausgehen, das es sich bei der Altenseelsorge nicht um irgendein randständiges Thema handeln kann und handeln darf, das schlicht mit einem Schulterzucken – auch im Blick auf die Finanzierung – abgetan werden kann. Sondern Altenseelsorge – in ihrer Ausrichtung auf ein anthropologisches Grundthema – muss im Zentralbereich seelsorglichen Handelns angesiedelt werden. Denn gerade hier kann Kirche auf eine exemplarische Weise zum Ausdruck bringen, dass ihr Auftrag allen Menschen gilt, auch den von der Gesellschaft als randständig markierten, die – gerade dort, wo sie sich als den invasiven Ansprüchen dieser Gesellschaft als widerständig erweisen, abgewertet werden.
Sich aus kirchlicher Perspektive dem Altenthema zu stellen, beinhaltet dann aber immer auch, sich dem Fremden zu stellen, dem durch seinen Verweis auf die Begrenztheit des Lebens Angst Machenden. Und darin sich auch der eigenen Zukunft zu stellen, denn jeder muss damit rechnen, dass er selbst einmal alt wird. Und solches Sich-Stellen beinhaltet bzw. erzwingt immer auch ein hohes Maß an Selbstreflexivität und Angsttoleranz:
Um es kurz zu fassen: Wer sich dem Altenthema stellt, wird sich verändern müssen, gerade in Hinblick auf die eigenen bewussten und unbewussten Einstellungen, an denen er als Glied seiner Gesellschaft Anteil hat, und die sich auf individueller Ebene in der Frage nach dem eigenen Altwerden fokussieren.
Dass im Rahmen der kirchlichen Arbeit für eine solche reflexive und selbstreflexive Arbeit allerdings auch ein Instrumentarium zur Verfügung steht, wird dabei – gerade in einer sich modern und gesellschaftskonform gebenden Kirche – man vergleiche nur die Sprache des EKD-Papiers „Kirche der Freiheit! – gerne vergessen und – analog zum Altenthema selbst - an den Rand gedrängt: Der christliche Glaube und seine reflexive Ausdrucksdruckform, die Theologie, bieten ein solches reflexives und selbstreflexives Instrumentarium. Und es könnte sein, dass gerade dort, wo dieses Instrumentarium, als Erinnerungsschatz der Kirche, wieder ins Bewusstsein gehoben werden kann, auch das Selbstbewusstsein der Kirche im Blick aufs eigene Altsein – nämlich im Blick auf eine Geschichte von 2000 Jahren – sich nicht mehr verschämt verstecken müsste, sondern dass der Satz „Da schaut die Kirche aber alt aus“ eine völlig neue Konnotation bekommen könnte.
Kurz gesagt, die Beschäftigung mit dem Altenthema setzt Er-Innerungsarbeit voraus, nicht nur im Blick auf das Handeln mit alten Menschen, sondern eine eigene Er-Innerungsarbeit, und zwar theologische Erinnerungsarbeit.
M.E. ist gerade das Thema Umgang mit alten Menschen zutiefst mit einer solchen theologischen Erinnerungsarbeit verbunden, und zwar nicht nur im Blick auf das Verstehen dieser Arbeit als konkreten Handeln, sondern zuerst einmal im Sinne eines sich-selbst-besser-Verstehens. Als These formuliert – ich werde dass dann inhaltlich noch weiter ausführen: Gerade im Bereich des Umgangs mit alten Menschen, und d.h. im Kontext der Altenseelsorge, ruht ein eminentes Potential, sich mitten im Handeln in der Gegenwart auf die eigenen theologischen Grundlagen zu besinnen und aus ihnen heraus ein kritische und – wenn man so will prophetische – Anfrage an gegenwärtige Kirchlichkeit zu stellen. Und vielleicht ist es gerade das eigene An-den-Rand-gestellt-worden-Sein, das hierfür genügend Distanz bietet.
Hier liegt m.E. ein ganz hohes Potential der Altenseelsorge und ich möchte es in einer etwas spitz gefassten These formulieren: Es wird sich im Blick auf die Zukunft als entscheidend erweisen, ob die Altenseelsorge sich weiterhin den gängigen Seelsorgevorstellungen anpasst, oder ob sie ihre eigene theologische Basis wahrnimmt und entfaltet, die nicht nur ihr eigenes Selbstbewusstsein heben, sondern eine weit über ihren konkreten Arbeitsbereich hinausgehende Funktion in der Kirche haben kann.
Und dies heißt auf der ganz konkreten Ebene der Selbstpräsentation der Altenseelsorge in Form von Veröffentlichungen: Bislang stellt sich die Altenseelsorge in ihren Veröffentlichungen auf der Ebene der methodischen Gebrauchsanweisung dar: Die Zahl der Praxishandbücher, im Sinne von „Wie mache ich was und wann und wo“ – ist ständig am Wachsen. Dadurch wird allerdings immer auch die eigene Position als randständige Magd der gängigen Seelsorgevorstellung festgeschrieben. Gelingt es der Altenseelsorge, so etwas wie eine theologische Theoriebildung dessen zu formulieren, was ihr eigentliches Thema ist, dann wird dies nicht nur die gängigen Seelsorgevorstellungen in Frage stellen, sondern auch ein kritisches Element im Kontext einer Kirche beinhalten, der es nur gut tun kann, sich im Blick auf ihre Praxis immer wieder ihrer theologischen Grundlagen zu besinnen.
Einigen Aspekten dieser theologischen Grundlagenarbeit möchte ich jetzt nachgehen: Schwerpunktmäßig möchte ich einige exemplarische Bereiche benennen, in denen Altenseelsorge über die gängigen Seelsorgevorstellungen hinausweist, um dies dann - zumindest kurz - in einem weiteren Schritt in einen größeren praktisch-theologischen Kontext zu stellen.
Hier möchte ich zuerst einmal einige Bereiche benennen, in denen die Altenseelsorge auf wichtige Themen einer möglichen Seelsorgetheorie verweist, die von der gängigen Seelsorgetheorie her zumindest leicht in Gefahr geraten, an den Rand geschoben zu werden bzw. nicht wahrgenommen zu werden.
1. Altenseelsorge konfrontiert auf fundamentale Weise mit der Frage nach der Würde des Menschen. Und zwar mit einer Würde, die dieser Mensch von Gott hat, vor aller menschlichen Zuschreibung.
Das mag zuerst einmal recht abstrakt klingen, erhält aber spätestens dort unmittelbare Relevanz, wenn z.B. von einem führenden Gerontologen der darin einer weit verbreiteten Volksmeinung Ausdruck gibt, dementen Menschen ihre Würde abgesprochen wird. Und dies gilt nicht nur für Demente, sondern für alle Alten als Objekt gesellschaftlicher Abwertung, Domestizierung und Kolonialisierung.
Wenn ich ins Altenheim gehe, mit der Haltung, dass ich dort Menschen begegne, die ihre Würde schon haben, von Gott zugesprochen – dann hat das etwas etwas mit gelebter Rechtfertigung zu tun. Dann gehe ich davon aus, dass die Defizit-Perspektive auf das Alter (exemplarisch im Seelsorgelehrbuch von Winkler, wo das Alter unter dem Stichwort des „Verzichts“ abgehandelt ist) weder stimmen kann, noch theologisch stimmen darf. Dann muss ich auch diese Würde nicht erst herstellen, durch welche therapeutischen Hilfsmaßnahmen auch immer, sondern ich kann mich getrost, auf die konkrete Hilfe konzentrieren, die immer wieder auch notwendig ist.
Dies hat aber Konsequenzen:
2. Diese vorauszusetzende Würde alter Menschen von Gott her, beinhaltet dass mein Gegenüber mir als selbständiges Subjekt begegnet, als ein wirkliches Gegenüber, nicht nur als Objekt seelsorglicher Maßnahmen. Um es mit der Sprache der Christologie zu formulieren: Es geht um die Begegnung mit dem wahren Menschen, der dieser Wahrheit eben schon hat – und der mir so eine ebenbürtiges Gegenüber ist, in Fremdheit und Eigenständigkeit, dem ich in Respekt und – als Bild Gottes – auch in Ehrfurcht begegne. Selbst dann, wenn dieser Mensch – wie beim Dementen – möglicherweise kein Bewusstsein von dieser Würde und Subjekthaftigkeit hat.
Dies beinhaltet aber auch eine Anfrage an all die Vorstellungen von Empathie, die zumindest leicht dazu führen können, die Fremdheit des Gegenübers zu unterlaufen und mir – über die Phantasie – ich hätte mich eingefühlt – mein Gegenüber doch wieder anzueignen und handhabbar zu machen.
Dies beinhaltet aber – im Blick auf die Tatsache, dass oft genug in der seelsorglichen Begegnung Hilfe von außen notwendig ist – eine strukturelle Paradoxie in der seelsorglichen Begegnung, die zumeist einseitig aufgelöst wird: Die seelsorgliche Realbeziehung ist immer durch ein Machtgefälle geprägt, der Seelsorger (ich bleibe um der sprachlichen Vereinfachung willen einmal bei der männlichen Form) kommt von außen, hat eine Ausbildung, ist sprachfähig, kann helfen, unterstützen usw. und ist nicht in die Fragen und Lebensprobleme des Gegenübers involviert. Dies ist ein Gefälle, das in jeder Seelsorgebeziehung drinsteckt, und das seinen klassischen Ausdruck findet im Arzt-Patienten-Gefälle aller therapeutisch-beratenden Seelsorgekonzeptionen. Wenn ich aber die Frage nach der Würde von Gott ernst nehme, dann ist gleichzeitig zu diesem Gefälle in der seelsorglichen Beziehung eine ganz andere Ebene präsent: Nämlich dass beide, der Seelsorger und sein Gegenüber auf einer gemeinsamen Ebene vor Gott stehen. Und dies beinhaltet, dass sich auch der Seelsorger, sowohl durch sein Gegenüber, wie auch durch Gott in Frage gestellt sehen kann. Und die paradoxale Gleichzeitigkeit dieser beiden Ebenen, Gefälle und gleiche Ebene zugleich, macht ein zentrales Element der seelsorglichen Beziehung aus – und in dem Augenblick wo sie einseitig aufgelöst wird (und das passiert zumeist in Richtung Gefälle) wird die grundlegend theologische Perspektive der Seelsorge eliminiert.
Das führt unmittelbar zum nächsten Punkt:
3. Die Altenseelsorge konfrontiert mit dem theologischen Grundthema, dass Leben nicht machbar ist. Es ist eine kostbare Gabe Gottes, auch in der Wahrnehmung seiner Begrenztheit und Fragmentarität. Dies wahrzunehmen beinhaltet dann aber auch das – gerade in der Begegnung mit alten Menschen immer wieder zentrale – Entdecken des Lebendigen als kostbare Gottesgabe mitten im Alltäglichen, im Banalen und Harmlosen. Nicht nur in den heil- und heilungbringenden bzw. wachstums- und entwicklungsfördernden grandiosen Problemlösungsszenarien, die dürfen ja auch sein, sondern im Wertschätzen des Kleinräumigen, des Alltäglichen. Der ganz normale Alltag der Altenseelsorge ist eben nicht so banal, wie er gerne – eben abwertend – dargestellt wird, sondern hier realisiert sich auf unmittelbar zwischenmenschlicher Ebene etwas von dem, was wir alle einmal – zumeist weit abgehoben von jeglichem Praxisbezug in der systematischen Theologie gelernt haben: Dass es um einen Gott geht, der es sich leisten kann, nicht nur allmächtig, allwissend und allgegenwärtig, sondern selbst Mensch wird, ein konkreter, in einer Geschichte lebender Mensch, mit all den Banalitäten und Zufälligkeiten des Alltags.
Ohne dies nun an dieser Stelle systematisch-theologisch in all seinen Konsequenzen duchzudeklinieren, beinhaltet dies, dass ich damit rechnen muss, dem Unendlichen im ganz banalen Endlichen zu begegnen (die klassische christologische Formulierung hierfür heißt: finitum capax infiniti) und dass es nicht erst einer religiösen oder therapeutischen Anstrengung bedarf, eine religiöse Wirklichkeit oder Gottesgegenwart zu produzieren.
Nur als Randbemerkung: Im Kontext der Selbstbesinnung auf die protestantischen Werte begegnete mir letztlich die Formulierung aus einem Seelsorgekurs: „Wir sind diejenigen, die Gott mitbringen.“ Das ist eine Größenphantasie, die theologisch ausgesprochen problematisch ist. Beinhaltet sie doch, dass ich quasi immer meinen Mustergott im Koffer dabei habe, den ich bei Gelegenheit auspacken kann. Ein Gedanke, der – mitsamt aller therapeutischen Heilsgestaltungsphantasien - uns daran erinnert, dass gerade der – zur Zeit eher unbeliebte – Begriff der Sünde durchaus eine zentrale selbstkritische Funktion hat, gerade im Blick auf das religiöse Handeln in der Seelsorge.
Noch einmal. In der Altenseelsorge können wir lernen, Gott in der banalsten Form des Endlichen zu begegnen. Und dies gilt es wahrzunehmen – denn diese Wahrnehmung beinhaltet eine zentrale Perspektive für alle Seelsorge: Vor allem dann wenn solche Begegnung sub contrario geschieht, in Leid und Schmerz, Gebrechen, Krankheit, Demenz usw. Denn gerade hier ist der Ort, wo wir uns – auf der Ebene unmittelbarster Realität mit der Frage nach der Kreuzestheologie konfrontiert sehen.
Dies führt unmittelbar zum nächsten Punkt:
4. In der Altenseelsorge kann ich exemplarisch lernen, dass die religiöse Dimension des Seelsorgegeschehens nicht definiert ist durch die religiösen Inhalte, die gesagt werden oder auch nicht gesagt werden. Nicht allein Leben ist nicht machbar, sondern auch die religiöse Dimension, das geistliche Geschehen ist nicht machbar. Wir haben es nicht in der Hand. Wir erinnern uns an das Eingangszitat einer Altenseelsorgerin zum Thema Dementengottesdienst: „Der Gottesdienst mit demenzkranken Menschen erinnert mich, die ich den Gottesdienst halte, an etwas, was ich sonst, wenn ich einen Gottesdienst vorbereite, leicht vergesse: ich habe das, worum es im Gottesdienst geht, nicht in der Hand, ich kann es nicht ‚machen’, sondern es bleibt dem Wirken des Heiligen Geistes überlassen. Ich schaffe einen Raum, in dem Gott wirkt“.
Noch einmal: Ich kann das Thema Dementengottesdienst auf der Ebene der Gebruchsanweisung verhandeln, „Wie mache ich so was“ – zentral ist aber, sich daran zu erinnern, um was es hier eigentlich geht, und dieses sich Erinnern hat sehr viel mit der Haltung und der Selbstreflexivität des Seelsorgers, der Seelsorgerin zu tun. Es geht um ein Er-Innern im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich darum, unsere theologische Tradition ins eigene Innere hineinnehmen, und sich selbst von ihr her neu zu verstehen.
Und das beinhaltet im Blick auf die religiöse Dimension im Seelsorgegeschehen: Es geht nicht darum, was und wie viel an religiösen Inhalten produziert oder gestaltet wird. Sondern es geht um die Haltung des Seelsorgers, der Seelsorgerin: Stelle ich mich darauf ein, dass mir in dieser konkreten Begegnung mit diesem Menschen Gott begegnen kann? Und wenn ich diesen Gedanken zu Ende denke, dann beinhaltet das, dass mir in diesem konkreten Menschen, sei er nun ein junger Alter, sei er im Pflegeheim, sei er dement, nicht nur der leidende Christus begegnet, dem ich aufzuhelfen habe, sondern dass ich immer auch meinem Schöpfer und meinem Richter gegenübertrete, der mich in Frage stellt, mit all meinen Zielen, seien sie nun therapeutisch oder sonst irgendwie bestimmt. Und das heißt, der mich in Frage stellt, mit all meinem Herrschaftswissen, das ich mitbringe.
Ein Gedanke den ich auch anders formulieren kann: (Wenn Sie sich dazu eine ganz konkrete Begegnung vorstellen): Nämlich dass ich auf der einen Seite, als relativ autonomes Subjekt nach allen Regel der Kunst der Gesprächsführung hochaktiv in einer Begegnung bin und sein muss, um meinem Gegenüber in seiner potentiellen Autonomie zu begegnen, und es selbst autonomes Subjekt sein zu lassen – in der Gleichzeitigkeit des Gedankens, dass das eigentliche Subjekt dieses Geschehens Gott ist. Wie gehe ich mit dieser paradoxen Situation um?
Und dies führt unmittelbar zu unserem nächsten Punkt:
5. An der Altenseelsorge wird deutlich dass wir neu über den Begriff der Liebe in der Seelsorge nachdenken müssen. Auch wenn dieser Begriff in unserer Tradition vielfach breitgetreten worden ist: Altenseelsorge kann ich nicht machen, ohne „meine Alten“ wirklich zu mögen. Wer ohne diese Liebe ins Altenheim geht, der bleibt draußen, dem ist ein ganz zentraler Zugang verwehrt.
Das beinhaltet aber eine grundlegende Infragestellung aller gegenwärtig so gern gepflegten professionellen bzw. therapeutischen Distanz, die aus einer abstinenten Haltung heraus ihre Ziele verfolgt.
Selbstverständlich bedarf auch die Altenseelsorge einer Form der Professionalität, mit der umzugehen einer wirklich nicht einfachen Reflexionsleistung bedarf: Wie kann ich eine notwendige Professionalität (Ich darf mich nicht in meinem Altenheim verlieren, ich brauche auch Distanz, um mich selbst zu schützen und um sinnvoll handeln zu können) – wie kann ich also diese notwenige Professionalität verbinden mit der Tatsache, dass Liebe ein ganz zentrales Element meines seelsorglichen Handelns ist?
Und dieser Gedanke der Liebe beinhaltet ja, dass ich mich sehr viel stärker einem Berührtsein aussetze, dass mich meine Seelsorgearbeit auch angreifen kann und in meinem Personsein verändern wird: So wie wir am Anfang gehört haben: „Es ist merkwürdig, ich bin frömmer geworden, seit ich im Altenheim arbeite.“
Noch einmal: Wer sich liebend seinem Gegenüber aussetzt, der geht nicht ungeschoren wieder aus dieser Begegnung heraus. Wer damit rechnet, dass ihm in seinem Gegenüber Gott begegnet, der wird eine elementare Form der Beziehung erleben, die auch ihn verändert.
Und noch eine Randbemerkung: Es könnte m.E. nicht ganz zufällig sein, dass die Altenseelsorge mit einer Art Privatisierung zu kämpfen hat, denn solches Tangiertwerden, das aus der Warte distanziert beratender Seelsorgekonzeption eher etwas abfällig betrachtet wird als Vermischung von Privatheit und Professionalität, führt zu einem Zusammenschluss derer, die davon betroffen sind, in der Gleichzeitigkeit de Bewusstseins der Nicht-Zugehörigkeit zur Welt der wirklich guten, weil in therapeutischer Distanz arbeitenden Seelsorge. Und die Frage ist: Was wäre denn, wenn diese Situation – so sie denn genauer reflektiert wird – gerade als Ausdruck eines wesentlichen Kerngedankens von Seelsorge verstanden werden muss?
Und dies führt unmittelbar zu einem weiteren Gedanken:
6. Altenseelsorge – sowohl in Gemeinde, wie auch im Altenheim und im Pflegeheim – ist nur in den seltensten Fällen punktuell, sondern steht fast durchgehend in der Kontinuität eines Lebenszusammenhangs. Und zwar eines doppelten Lebenszusammenhangs: 1. Sie ist angesiedelt in der Lebenssituation der Alten untereinander (es geht nie nur um einzelne Individuen) und im jeweiligen System (Altenheim, Pflegheim – analog in der Kirchengemeinde). Und 2. sie steht im Kontext der Lebenssituation des Altenseelsorgers, der –seelsorgerin, die durch ihre Kontinuität und ihr Einbringen eigener Lebendigkeit (von außen = extra nos) etwas in den Lebenszusammenhang der Alten einbringen. Es geht – in der Sprachform des kirchlichen Diskurses – um „Gemeinschaft und Gemeinde“
Der Altenseelsorger, die Altenseelsorgerin sind selbst Element dieser Lebensgemeinschaft, und sind doch immer auch etwas anderes. Sie gehören dazu und sie gehören doch nicht ganz dazu. Als Element dieser Lebensgemeinschaft sind sie Repräsentanz eines extra nos dieser Lebensgemeinschaft. Real als die Repräsentanz einer wohlwollenden Außenwelt, die nicht die normalerweise geltenden Abwertung vertritt. Und zugleich – zuerst einmal aus der Perspektive der Lebensgemeinschaft – eine Art Repräsentanz der wohlwollenden Gotteswirklichkeit, des pro nobis, der Zuwendung Gottes.
Das heißt zuerst einmal auf der ganz realen Ebene: In dem Augenblick, wo jemand von Ihnen auftritt, und als Pfarrer, Pfarrerin, als Seelsorger, Seelsorger erkennbar ist oder sich vorstellt, wird für die folgende Begegnung ein ganz bestimmter Rahmen geschaffen, nämlich der Rahmen Seelsorge: Und dieser Rahmen beinhaltet immer den christlich-glaubensbezogenen Wirklichkeitsdeutungshorizont. Ob nun im Gespräch etwas Religiöses gesprochen wird oder nicht.
Dies beinhaltet allerdings auch, dass der Seelsorger, die Seelsorgerin – bei aller Zuschreibung solcher Repräsentanz einer Gotteswirklichkeit in der Lage ist, zwischen sich selbst und seinem Amt zu unterscheiden. Während sein Amt durchaus eine solche repräsentative Funktion haben kann, sollte sich Seelsorger bzw. Seelsorgerin immer die vorhin genannte Unterscheidung bewahren: Wenn ich mich selbst als die Repräsentanz Gottes verstehe, bin ich gerade dabei, mich an die Stelle Gottes zu setzen. Es geht um die benannte Haltung – und das, was dem Amt zugeschrieben wird, bedarf für den Seelsorger als Person der verstehenden Modifikation: Nicht ich bin das Amt, sondern mein Amt trägt mich. Ich bin nicht Repräsentanz der wohlwollenden Gotteswirklichkeit, sondern mit meiner Haltung, die Gotteswirklichkeit dort,wo ich hingehe, schon vorzufinden, stehe ich in der Nachfolge Christi.
Damit bin ich bei einem vorläufig letzten Punkt:
7. Die Altenseelsorge entlässt die Seelsorge aus ihrer Wortlastigkeit. Es ist ja nicht zufällig dass in der poimenischen Theorieentwicklung – bei allen neueren Bemühungen um Körperlichkeit usw. – eine deutliche Wortlastigkeit gepflegt worden ist. Aus der verkündigenden Seelsorge Thurneysens – die dem Wort Gottes verpflichtet war – wurde Seelsorge als Gespräch bei Scharfenberg (Sprache als Therapeutikum), und das beinhaltet: Die Seelsorge war auch weiterhin, wenn auch mit anderem Vorzeichen, primär durch die Wortorientierung geprägt. Das Evangelium wanderte aus in ein anderes Wortgeschehen, nämlich ins Gesprächsgeschehen, und artikulierte sich von nun an in de freiheitseröffnenden Beziehung, die sich im Gespräch konstellierte.
Und alle körperorientierten Elemente, die in der Zwischenzeit in die Seelsorgetheorie eingeführt worden sind, haben letztlich einen zusätzlichen Charakter, der die Dominanz des Gesprächsbezuges nicht aufhebt, sondern eher unterstreicht.
In der Altenseelsorge wird nun – allein durch den Bereich der Demenz, aber auch durch die kontinuierlichen Lebensbezüge usw. – diese Wortlastigkeit zutiefst infragegestellt.
D.h. es geht darum, dass sich Evangelium noch ganz anders ausdrücken kann, auf ganz anderen als nur Sprachebenen – und dass seine geistliche Dimension sich nicht nur auf Sprachgeschehen beschränkt, oder auf spezifische Momente der Heiligkeit, sondern im Alltäglichen wirken kann, in ganz harmlosen Begegnungen, Berührungen – in, mit und unter der Person des Seelsorgers, der Seelsorgerin.
Dabei vermeide ich bewusst die Formulierung ganzheitlich, weil dieser Begriff letztlich wieder eine Art Mythos darstellt, der das Fragmentarische menschlichen Lebens in eine runde Machbarkeit überführt, deren Herstellung einzig Gott überlassen bleiben sollte.
Altenseelsorge beinhaltet insofern immer das selbstkritische Moment, dass das Evangelium etwas ist, das auch uns Seelsorgern und Seelsorgerinnen nicht zur Verfügung steht, auch wenn es notwendig ist, sich mit allen Kräften darum zu bemühen – und dass es sich ereignen kann, auch in Situationen, die von vornherein von jedem Sprachgeschehen ausgeschlossen sind.
Ich mache an dieser Stelle einen – wenn auch vorläufigen - Punkt.
Es mag deutlich geworden sein, dass aus de Perspektive der Altenseelsorge, so ich denn sie nicht im Lichte gängiger Seelsorgetheorie betrachte, sondern von ihr her auf die Seelsorgetheorie blicke, sich Perspektiven auftun, die sonst in der poimeischen Diskussion nicht vorkommen. Und vor allem, dass diese Perspektive der Altenseelsorge zu einem Sich-Besinnen auf die eigenen theologischen Grundlagen von Seelsorge führt, die über lange Zeit brach gelegen haben.
Hier liegt m.E. ein Potential, das bislang kaum angedacht, geschweige denn ausgeschöpft worden ist. Ein Potential – im Sinne eines gewichtigen Beitrages für die Seelsorgetheorie selbst – aber auch im Sinne eines durchaus kirchenkritischen Elements im Blick auf ihren geistlichen Auftrag.
So denn die Altenseelsorge dieses Potential wahrnimmt und auch öffentlich werden lässt.
Nun könnte ich an dieser Stelle durchaus zum Schluss kommen, doch m.E. ist noch ein wesentlicher Punkt offen, der an dieser Stelle zumindest noch benannt sein soll:
Ich möchte ihn nennen:
Wenn ich zurückblicke auf die verschiedenen Themenbereiche, die ich exemplarisch aus der Perspektive der Altenseelsorge beleuchtet habe, so zeigt sich in fast allen ein latentes Thema, sowohl der Theorie, wie auch der Praxis: Es finden sich immer paradoxe Strukturen, die sich durch alle Themenbereiche durchziehen. Paradoxe Strukturen, wie z.B. die Gleichzeitigkeit von Machtgefälle in der Seelsorge und gemeinsamem Stehen vor Gott - oder auch das autonome Handelnmüssen in der Seelsorge als selbständiges Subjekt in der Gleichzeitigkeit des Gedankens, dass Gott das Subjekt des Seelsorgegeschehens ist usw.
Paradoxe Strukturen, die m.E. im Kontext der gängigen Seelsorgevorstellung ganz häufig einseitig aufgelöst worden sind, und aus diesem Grunde ein Ungleichgewicht, zumeist zu ungunsten der geistlichen Dimension der Seelsorge hergestellt haben.
Wenn ich auf diese paradoxen Strukturen und die von ihnen hervorgerufenen Spannungen achte, und die Frage stelle, wo in unserer theologischen Tradition entsprechende Paradoxien auftreten, sie liegt der Gedanke an die christologische Tradition nicht fern. In der Frage nach „Wahrer Gott und Wahrer Mensch“ hat es durch die gesamte theologiegeschichtliche Tradition ein immer wieder neues Ringen um diese Paradoxie gegeben, und nicht zufällig sind genügend Lösungsversuche in eine entsprechende Einseitigkeit abgekippt.
Nun mag der Verweis auf die Christologie zuerst einmal relativ weitab liegen, irgendwo in einer nur theoretischen dogmatischen Diskussion: Ich möchte aber diesen Gedanken schlicht umdrehen, und einmal die christologische Theoriebildung als eine Art hermeneutische Perspektive verwenden, von der her ich die Praktisch Theologie und - als einen exemplarischen Ausdruck derselben - die Altenseelsorge betrachte.
Und aus dieser Perspektive wird deutlich, dass wir uns in unserer Praxis, so wir sie denn genauer reflektieren, an einem christologischen Problem abarbeiten. Es geht um die Kommunikation des Evangeliums, um ein Ins-Verhältnis-Setzen von Evangelium und widerständiger Wirklichkeit, wobei diese Situation dadurch geprägt ist, dass wir selbst Elemente dieser widerständigen Wirklichkeit sind, ihr also angehören, und dass wir dieses Ins-Verhältnis-Setzen eigentlich nicht machen können, sondern Gott überlassen müssen, und dennoch so gut wir es können, daran arbeiten sollen.
Es geht um die Frage nach dem wahren Gott unter den Bedingungen und der Praxis unmittelbaren Menschseins.
Nun ist das ein Grundthema der praktischen Theologie – auch wenn die Praktische Theologie in ihrer gegenwärtigen Theoriebildung eher wenig daran interessiert ist. Und ich möchte die These aufstellen, dass jeder Ausdrucksform der Praktischen Theologie eine spezifische Bestimmung der Christologie innewohnt. In der spezifischen Art und Weise, wie Evangelium in der menschlichen Wirklichkeit kommuniziert werden soll, artikuliert sich eine spezifische Form von Christologie: Es geht immer um die Frage nach dem wahren Gott unter den Bedingungen des Menschseins und praktisch theologisches Handeln ist immer auf ein Bild vom wahren Menschsein ausgerichtet.
Dabei ist es allerdings wichtig, in jeder Konzeption drei Seiten zu unterscheiden: 1. Die zugrunde liegende Christologie, 2. die Vorstellung vom wahren Menschsein, auf die hin gearbeitet wird und auf die die eigene Praxis ausgerichtet ist, - eine Vorstellung vom wahren Menschen die letztlich immer unter eschatologischem Vorbehalt zu betrachten ist. Und 3. sind davon zu unterscheiden die Mittel und Methoden, die aus unserer menschlichen Wirklichkeit stammen, mit denen wir dieses Ziel zu erreichen versuchen.
Dh. es gilt –gerade im Blick auf die Praxis immer zu unterscheiden zwischen menschlichem Vermögen und dem Anspruch Gottes, der durch dieses Handeln eine Ausdrucksform finden soll.
Im Blick auf die Seelsorgetheorie, der letzten 50 Jahre lässt sich nun festhalten, dass sie sich ein im weitesten Sinne therapeutisches Bild vom wahren Menschsein hat vorgeben lassen, und auf diese Weise die Mittel, dieses Ziel zu erreichen, nämlich im weitesten Sinne therapeutische Kommunikationsformen, mehr oder weniger heimlich theologisiert hat – im Sinne des Versuchs, Evangelium einzig und allein unter den Bedingungen menschlicher Kommunikation zu realisieren.
Aus diesem gesamttheologischen Anspruch leitet sich auch die hohe Normativität her, unter der die Altenseelsorge über lange Zeit gelitten hat. Es wird aber zugleich auch deutlich, dass dieses realisierbare Bild vom wahren Menschsein und die Heiligung der Methoden, dieses Ziel auch zu erreichen, nicht nur weite Bereiche kirchlicher Seelsorgearbeit ausgeblendet hat, sondern auch die geistliche Dimension weit in den Hintergrund hat treten lassen.
Kurz gesagt: die Konzeption der beratenden Seelsorge im weitesten Sinne repräsentiert eine Art kenotischer Christologie, die sich ganz und gar aufs Menschsein beschränkt, die sich also aller göttlichen Anteil soweit entäußert hat, dass selbst bis in die Sprache hinein die göttliche Dimension kaum wieder erkennbar ist. Mit der Konsequenz der benannten normativen Dominanz, die andere Seelsorgebereiche ausklammert und dem Verlust des eigenen theologischen Profils.
Dabei geht es aber nicht um den Vorwurf, dass die beratende Seelsorge dadurch den Bereich der Theologie verlassen hätte. Ganz im Gegenteil. Es werden aber auch die Probleme, die diese Position impliziert, leichter verständlich.
Aus dieser Perspektive bedeutet dann aber das Nicht-Passen der Altenseelsorge in diese Seelsorgekonzeption, - bei allem Schmerz über die erfahrene Abwertung – eine eminente Chance: Wie an den genannten Einzelpunkten deutlich geworden ist, beinhaltet die Frage nach der Altenseelsorge eine neues Aufmerksamwerden auf die Notwendigkeit eine Neu-Konzeption der Seelsorgetheorie aus theologischer Perspektive. Das heißt nun nicht, dass die Altenseelsorge so etwas wie einen neuen Mittelpunkt darstellen sollte - m.E. sollte das die Christologie sein -, aber die Altenseelsorge verweist gerade durch ihre – bislang als sperrig erfahrenen Seiten – auf die Notwendigkeit der Integration gerade der Gottesfrage unter den Bedingungen einer Praxis mitten in einer postmodernen Gegenwart.
Insofern sind die genannten Paradoxien weniger ein Manko, als eine praxisnahe Annäherung an ein Grundproblem praktischer Theologie, das in der christologischen Frage seinen Ausdruck findet. Wobei im Blick auf die Praxis die besagten Paradoxien ein hohes Maß an Kompetenz und Selbstreflexion erfordern, von denen her noch einmal deutlich wird, dass gerade die Altenseelsorge, die von außen gerne als eher harmlos und unter der Kategorie „Omas unterhalten“ eingestuft wird, aus professionstheoretischer und theologischer Sicht von eminenter Bedeutung ist.
Es ist allerdings ihre Aufgabe, sich dieser Bedeutung, die schon da ist, bewusst zu werden, und sie öffentlich, in Literatur und kirchenpolitisch zu artikulieren.
So kann sie einen wesentlichen Beitrag leisten, zur Frage nach dem „wahren Menschsein unter den Bedingungen der Endlichkeit – in einer diese Endlichkeit nicht wahrhaben wollenden Gesellschaft – und in einer Kirche, der es gut täte, das eigene Altsein in Würde zu repräsentieren.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.