Stellen Sie sich vor, ein 83-jähriger, gehbehinderter Mann sagt zu Ihnen: „Es ist schwer, alt zu werden.“ – Wie würde Ihre Reaktion aussehen?
Manchmal ist es hilfreich, sich deutlich zu machen, was nicht so gut ist, um im Kontrast dann Besseres zu entdecken. Hier sind zunächst Antworten, die mir nicht so gefallen:
- „Wir müssen alle älter werden!“ (verallgemeinern, generalisieren)
- „Der körperliche und geistige Abbau ist unvermeidbar. Wichtig ist, dass Sie sich darauf einstellen.“ (belehren, dogmatisieren)
- „Aber Sie sehen noch so gut aus! Da geht es anderen viel schlechter!“ (herunterspielen, verharmlosen)
- „Sie vergleichen sich wohl immer mit ihrem Nachbarn. Das ist nicht gut!“ (beurteilen, kommentieren, psychologisieren, Diagnose stellen)
- „Sie sollten sich mehr bewegen!“ (Ratschlag geben)
- „Sie kämen mit ihrem Alter wesentlich besser zurecht, wenn sie ihren Blickwinkel ändern würden.“ (Anweisung geben, zurechtweisen, korrigieren)
- „Das Wichtigste für Sie ist, dass Sie aktiv mit ihren verbleibenden Möglichkeiten umgehen.“ (aktiv werden, etwas unternehmen)
Hilfreicher scheint es mir zu sein, den alten Herrn, der gemeint hat, dass es für ihn schwer fällt, alt zu werden, zum Beispiel zu sagen:
- „Das Altwerden ist für Sie nicht leicht …“ Diese „spiegelnde“ Reaktion zeigt dem alten Mann: a) dass er verstanden worden ist, b) dass ihm Raum und Möglichkeit gegeben wird, mehr von seinen Sorgen und Nöten zu erzählen. Seine Gefühle werden zugelassen und nicht unterdrückt. Verstehen heißt immer auch, die Emotionen des anderen wahrzunehmen.
Man kann ihn auch fragen:
- „Was ist für Sie da besonders schwer?“ Diese Reaktion nimmt sein Problem ebenfalls ernst. Sie gibt aber weniger offenen Raum und fordert bereits zur Klärung des größten Sorgenbrockens im Problemfeld „Altern“ auf.
Im Blick auf die Kraftquellen (= Ressourcen) des alten Mannes wäre es auch spannend zu fragen:
- „Könnte das Altwerden für Sie an einer Stelle leichter werden?“ Damit würde auch ein Signal gegeben, dass man dem Senior zutraut, dass er noch Möglichkeiten hat, Verbesserungsmöglichkeiten seiner Lage selbst zu entdecken. Er blickt aufgrund dieser Frage auch nicht mehr in die Vergangenheit zurück, sondern in die Zukunft. Vielleicht merken Sie den Hauptunterschied zwischen den letzten drei Reaktionen und dem Vorausgehenden: Bei den letzten Äußerungen habe ich den Eindruck, dass die Seelsorgerin selbst keine Angst davor hat, das Altwerden des 83-Jährigen mit anzuschauen und mitzutragen. Sie muss sich das nicht vom Leib halten. Da wird nichts verallgemeinert, verharmlost, beurteilt. Und es wird auch nicht mit (gut gemeinten) Ratschlägen auf den 83-Jährigen „eingeprügelt“. Vielmehr interessiert sich die Seelsorgerin furchtlos für sein Problem, will mehr wissen, lässt sich erzählen und fragt schließlich sogar nach ersten Lösungsansätzen. Sie fühlt sich ein und nimmt den alten Herrn ernst, schätzt ihn damit wert.
Weitere Möglichkeiten, im Gespräch zu sein:
- Nichtverbale Reaktionen: Im Blick auf das Zuhören brauchen wir mehr als die „Ohren“. Unsere ganze Haltung (Körper!) zeigt, ob wir am Gegenüber interessiert sind: Das „hm“, Kopfnicken, zustimmende oder ablehnende Gesten sind hier wichtig.
- Pausen: „aktives“ Schweigen Zum Anfang meiner Zeit als Pfarrer hatte ich große Angst vor Pausen. Ich dachte, ich müsse immer etwas sagen. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass Pausen etwas sehr Kostbares sein können, weil mein Gegenüber da zum Beispiel seine Gedanken und Gefühle wahrnehmen und ordnen kann.
Manchmal kann es auch hilfreich sein, wenn ich ein Gespräch „verlangsame“, noch mal nachfrage, ob ich richtig verstanden habe, oder sage, was mir auffällt, und auch zum Nachdenken einlade. Dies gehtaber nur, wenn Vertrauen und Offenheit vorhanden sind (s.o.)
- Reflexion: (z.B.: „Angesichts dessen sind Sie ganz mutlos ...“)
- Hilfreich sind hier offen erkundende W-Fragen. Sie helfen, etwas viel genauer zu beschreiben und zu erkennen. Und dadurch klärt sichmanchmal für unser Gegenüber schon viel.Beispiel: Jemand äußert, dass er Angst hat.
Problematisch sind allerdings Warum- und Weshalb-Fragen. Sie führen nicht in die Weite und ermöglichen keinen befreienden Abstand, sondern richten den Blick zurück ins Dunkel des Problems, wo manchmal alles so aussichtslos zu sein scheint. Diese W-Fragen sind in der Regel nicht hilfreich.
Ohne Vertrauen und Offenheit können die nächsten drei Tipps nicht angewendet werden. Hier werde ich als Gesprächspartner aktiver. Dafür muss eine Basis vorhanden sein. Mein Gesprächspartner muss vor allem auch sicher sein, dass er zu meinen Beobachtungen „nein“ sagen kann. Ich biete meine Meinung auch nur an und zwinge sie nie auf, sonst bestimme ich. Ein gutes Gespräch lebt aber davon, dass ich den anderen begleite, ihm meine Beobachtungen anbiete, ihn aber nie auf meinen Weg zwinge.
- Konfrontieren: (z.B.: „Sie wollen nicht über Ihre verstorbene Frau reden. Das ist zu schmerzhaft für Sie?“)
- Interpretieren: (z.B.: „Hier allein im Pflegeheim halten Sie es gerade nicht mehr aus. Zuhause geht es aber auch nicht mehr!“)
- Fokussieren: (= auf den Punkt bringen – z.B.: „Ihre Einsamkeit ist das Schwerste?“) Ich darf und kann mein Gegenüber auch trösten. Ein guter Tröster bleibt an meiner Seite und steht nicht über mir. Er macht mir nichts vor. Er teilt mit mir seine Hoffnung.
- Zuspruch: (z.B.: „Darf ich Ihnen zum Abschied den Segen zusprechen?“)