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Seelsorge im Alter - politisch u. seelsorglich betrachtet

Das Leben im Alter heute

Ein Beitrag über Seelsorge im Alter
„Ich habe seit vier Tagen niemanden mehr gesehen.“ Ich erinnere mich genau an die Worte der älteren Dame, die ich als Vikar in Stuttgart zu Hause besucht habe. Das Treppensteigen fiele ihr schwer. Jeder Gang aus dem Haus sei beschwerlich. Der Ehemann vor Jahren verstorben, der einzige Sohn aus beruflichen Gründen in den Norden Deutschlands gezogen. Die Nachbarn von früher seien nicht mehr da. „Wissen Sie, ich bin allein.“
Die Welt verändert sich und manche verlieren ihren Platz. Nicht nur ältere Menschen leiden unter der Geschwindigkeit, mit der sich unsere Lebenswelt verändert. Als Seelsorger möchte man gerne „Halt!“ rufen, wenn der Zug des Wandels auf seinem Weg nicht stoppt. „Da sind noch welche, die auch noch mitkommen wollen!“
Einsamkeit, Pflege- und Hilfebedürftigkeit, Orientierungsverlust in einer sich immer schneller wandelnden Welt – so würde ich die Nöte der älteren Gemeindeglieder zu umreißen versuchen, die mir als Seelsorger begegnet sind. Das Alter hat viele Gesichter. Es kann reich sein. Viel eigene Zeit und Lebenserfahrung eröffnen neue Möglichkeiten, lassen aufblühen und befreien zu schöpferischem Tun. Aber unweigerlich steigt in der letzten Lebensphase die Verletzlichkeit und der Bedarf an Unterstützung.
Vor allem Menschen, die für die Älteren Zeit haben, wünscht man sich da. Zeit für Unterstützung und Pflege, Zeit für Besuche und Gespräche, aber auch Zeit, in die U-Bahn einzusteigen und vor dem Abfahren seinen Platz zu finden. Zeit in den Geschäften für Erklärungen der Produkte und für die eigene Entscheidung. Dazu eine wohnortnahe Versorgung mit dem Notwendigen, einen altersgerechten Umbau der Wohnung. Alten- und Pflegeheime mit Wohn- und Lebensqualität. Und noch mal: Zeit, Zeit, Zeit. Ärzte, die Zeit haben und Pflege, die Zeit hat. Individuell und persönlich, einfach menschlich soll es zugehen. Ist das denn so schwer? „Halt!“ möchte man als Seelsorger rufen.
Es sind die Gesichter der Menschen, Namen und Adressen, Geburtsdaten, konkrete Lebensgeschichten und Bedürfnisse, die der Seelsorger sieht.

Und was sieht der Politiker? Er sieht Zahlen, Trends, Entwicklungen. Das Individuelle tritt hinter dem Großen und Ganzen zurück.
Es geht um die Zukunft unseres Renten- und Pflegesystems. Die Anzahl der Rentnerinnen und Rentner und pflegebedürftiger Menschen steigt langsam aber stetig an. Immer mehr ältere und pflegebedürftige Menschen werden immer weniger jüngeren und berufstätigen Beitragszahlern gegenüberstehen. Das führt dazu, dass die Renten sinken und die bisherige Form der Pflegeversicherung in Zukunft nur noch immer geringere Leistungen finanzieren kann. Entfallen auf einen über 65-jährigen Menschen derzeit noch drei Erwerbstätige, so werden dies im Jahr 2030 lediglich noch zwei Erwerbstätige sein.
Aber nicht nur der demografische Wandel stellt unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen. Auch die Familienstrukturen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert. Immer mehr Menschen leben im Alter allein und häufig auch räumlich weit entfernt von anderen Familienmitgliedern.
Das Statistische Bundesamt gibt an, dass in den kommenden Jahrzehnten die Zahl der Ein- und Zweipersonenhaushalte zunehmen wird. Auch dieser Trend stellt die pflegerische Versorgung zusätzlich vor große Herausforderungen, da die Anzahl derjenigen Personen, die von ihren Angehörigen unterstützt und gepflegt werden können, weiter abnehmen wird.
Dabei muss man auch wissen, dass der Pflegebedarf im Leben der betroffenen Menschen keinesfalls eine nur kurze Episode darstellt. Vielmehr liegt die Unterstützungsdauer bei pflegebedürftigen Menschen durchschnittlich bei rund 8 Jahren, aufgrund der nach wie vor zunehmenden Lebenserwartung ebenfalls mit steigender Tendenz.
Das sind die Trends, mit denen sich Politik und Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Fragen der Finanzierbarkeit dieser Herausforderungen stehen an erster Stelle, daneben eine ganze Reihe an Fragen, die die Organisation und Institutionalisierung von Unterstützungssystemen betreffen. Der Blick des Politikers ist zunächst der Blick auf die Statistiken und die Kassen, auf die Gesellschaft im Ganzen und auf die Versicherungs- und Versorgungssysteme. Der Einzelne und seine Bedürfnisse treten in der Wahrnehmung der Politik zwangsläufig hinter die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Gesellschaft als Ganzes zurück.

Als Pfarrer und Seelsorger habe ich demgegenüber den Einzelnen im Blick. Nicht Zahlen in Milliardenhöhe, Statistiken und Trends bestimmen das Bild, sondern die Frage, was den Einzelnen in seinem Innersten bewegt und sorgt.
Darüber hinaus steht der Politiker im ständigen Spannungsverhältnis zahlreicher konkurrierender Partikularinteressen. Kompromisse sind gefragt, wenn es um Arbeits- oder Pflegeplätze, Schulen oder Straßen geht. Dabei ist es unausweichlich, dass nicht jedes Bedürfnis erfüllt werden kann. Die Grenzen meines Handelns werden mir vor Augen geführt, indem ich feststellen muss, dass nicht alles geht, was wir gerne hätten.
Dabei wird der Politiker in mir mit Zahlen konfrontiert, die so hart sind wie Münzgeld. Schon jetzt ist absehbar, dass der Generationenvertrag in seiner heutigen Form nicht mehr aufrecht erhalten werden kann, weil seine Finanzierung nicht "demografiefest" ist. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass Budgets endlich sind, dass sich Einzelschicksale zu Ausgabenposten addieren, die in den politischen Beratungen erstritten und verteidigt werden müssen. Was darf die Pflege eines Menschen kosten und vor allem, was darf die Pflege von immer mehr Menschen kosten? Was können wir uns in Zukunft leisten, was muss eine angemessene Pflege leisten und wie bringen wir dies miteinander in Einklang? Langfristige, tragfähige, sogenannte nachhaltige Finanzierungskonzepte sind hier gefragt. Dabei entsteht zwischen dem Politiker und dem Seelsorger in mir ein Konflikt, der nur ungenügend gelöst werden kann.
Wie unzulänglich uns Politikern solche tragfähigen Kompromisse zwischen den Bedürfnissen, Wünschen und Forderungen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in der Vergangenheit gelungen sind, kann man an unserer Staatsverschuldung ablesen. In ihr kommt das Spannungsverhältnis zwischen "Wollen" und "Können" zum Ausdruck. Der Bund der Steuerzahler beziffert die Staatsverschuldung aktuell auf 2072 Milliarden Euro. Damit kommen auf jede Bürgerin und jeden Bürger der Bundesrepublik über 25.000 Euro Schulden. Eine unvorstellbare Summe, die wir unseren Kindern und Kindeskindern aufbürden. Sie kann jedoch als Konsequenz von zu hohen Erwartungen, zu großmündiger Versprechen und letztendlich nicht in Einklang zu bringender Interessen betrachtet werden. Jedes Budget ist irgendwann erschöpft, in der Regel bevor die Bedürfnisse der Menschen gänzlich befriedigt sind. Diese finanziellen Grenzen zwingen uns dazu, zwischen den widerstreitenden Interessen abzuwägen. Was ist uns wichtiger als anderes, wofür geben wir unser Geld aus, was können, wollen und müssen wir uns leisten?

Politik und Seelsorge sind dabei nur eines der Spannungsfelder, in denen ich mich bewege. Als Mitglied im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe bekümmert mich die Armut und Not der Menschen auf der Welt, Menschen zum Beispiel, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen. Was wir für uns selbst und unsere eigenen Bedürfnisse in unserem Land ausgeben, fehlt zwangsläufig an anderer Stelle.
Zum Beispiel in Afghanistan. Knapp 5000 deutsche Soldaten sind derzeit Teil der internationalen Schutztruppe ISAF. Die Kosten des Einsatzes von 2002 bis 2009 betragen rund 3,6 Milliarden Euro. Mit diesem Geld wollen wir Afghanistan in die Lage versetzen, sich durch eine selbsttragende Wirtschaft und Gesellschaft friedlich zu entwickeln, auch um sich gegen extremistische Gruppen verteidigen zu können. Letztendlich ist das deutsche Engagement in Afghanistan ein Beitrag zur Sicherheitsvorsorge gegen Gefahren, die nicht erst an unseren Grenzen entstehen – also durchaus auch in eigenem Interesse. Die Kosten hierfür sind gegen die erhofften Verbesserungen vor Ort abzuwägen und müssen einem Vergleich, was wir hierzulande mit dieser beträchtlichen Summe bewirken könnten, standhalten. Denn unser Geld können wir nur einmal ausgeben.

Ein menschenwürdiges Alter, eine menschenwürdige Pflege wünscht sich jeder. Aber wie können wir sie finanzieren?
Der Bundestagsabgeordnete muss unter Einbeziehung möglichst aller Variablen und aller gesellschaftlichen Bedürfnisse vor allem eines: rechnen. Der Pfarrer erinnert an die Bedürfnisse des Einzelnen. Ich erlebe es als einen fruchtbaren Prozess, wenn diese zwei Seelen in meiner Brust streiten. Wo können sie sich treffen? Dazu, denke ich, müssen zunächst beide etwas lernen. Der Pfarrer muss einsehen, dass die Politik mit unerfüllbaren Erwartungen konfrontiert wird. Er muss lernen, dass auch das größte Budget nicht sämtliche unserer Bedürfnisse befriedigen kann. Dass es auf ewig ein Abwägen der Maßnahmen, der Ziele, der Prioritäten bleiben wird, das in einen Kompromiss mündet. Dass es bei einem Streben nach dem Glück und dem Heil bleiben muss. Und der Sozialpolitiker, was muss er lernen? Dass dieses Streben nach der Befriedigung aller Bedürfnisse dennoch richtig ist, weil die Bedürfnisse menschlich sind, dass die Richtschnur aller sozialpolitischer und finanzpolitischer Kalkulationen immer der einzelne Mensch bleiben muss.

Pascal Kober, MdB
Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

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