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Kirche im demographischen Wandel

Ich will euch tragen

Blattwerk

Vortrag von Prälat Hans-Dieter Wille bei der LAGES (Landesarbeitsgemeinschaft Evangelischer Seniorinnen und Senioren in Württemberg) am 22. April 2008 im Diakonischen Werk Württemberg

Meine Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder!

Das Thema „Kirche und demographischer Wandel“, das Sie mir gestellt haben, will ich so verstehen, dass ich Ihnen Gedanken darüber vortragen möchte, was dieser Wandel hin zu einer immer älter werdenden Gesellschaft für das Verständnis von Alter bedeutet.

Gerade wir in der Kirche haben allen Grund, uns über das Bild vom älter werdenden Menschen, über das Bild vom Alter überhaupt zu verständigen. Vor allem geht es mir darum, ein biblisch begründetes und gleichzeitig zeitgemäßes, die gegenwärtigen Entwicklungen berücksichtigendes Verständnis des Alters zu gewinnen.

Hans-Dieter Wille

Mein Eindruck ist der, dass wir hier in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche durchaus noch am Anfang stehen. Dieser Kreis von Sachverständigen, zu dem ich hier spreche, wird sicherlich weiter sein. Und vieles von dem, was ich jetzt referiere, wird Ihnen, so vermute ich, so neu nicht vorkommen. Wie sollte es auch. Aber schon die Tatsache, dass wir zu einer ähnlichen Einschätzung kommen, wäre für mich und vielleicht auch für Sie ein Gewinn. Auf diese Hoffnung hin habe ich diese Gedanken zusammengefasst.

1. Drei biblische Assoziationen

Mir sind drei biblische Texte eingefallen, die so etwas wie Perspektiven sind - heute sagt man wohl „Leuchtfeuer“ dazu - , Denk -und Glaubenshorizonte, unter denen das Thema „Alter“ verhandelt werden könnte. Ihnen werden vielleicht ganz andere einfallen.

Mein erster Einfall ist das Lachen von Abraham und seiner Frau Sara, als ihnen Gott die Geburt eines Sohnes, des Isaak ankündigt. “Da fiel Abraham auf sein Angesicht und lachte und sprach in seinem Herzen: Soll mir mit hundert Jahren ein Kind geboren werden und soll Sara, neunzig Jahre alt gebären?“ (1. Mos 17,17) Und als Jahwe in der Gestalt der drei Männer diese Ankündigung bestätigt, was Sara zufällig „hinter der Tür des Zeltes“ mithört, „lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin, soll ich noch der Liebe pflegen, und mein Herr, also mein Mann, ist auch alt!“ (1. Mose 18, 12)

Wir kennen die Antwort, die Gott dem Abraham gibt: „Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?“ (1. Mose 18, 14)

„Das unterschätzte Alter“ oder „Die unterschätzten Alten“ – das könnte als Überschrift über dieser berühmten Geschichte aus dem Alten Testament stehen.

Der zweite Text ist das uns allen bekannte 4. Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest im Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.“ Dazu aus der Erklärung Luthers nur der eine Satz: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern.. nicht verachten, sondern…sie lieb und wert halten.“ In dem Respekt gegenüber den „Alten“, wie Jugendliche gern salopp sagen, zeigen wir Ehrfurcht vor der eigenen Herkunft – und dieser Ehrfurcht geht natürlich über das eigene Familienmilieu hinaus. Ohne diese Ehrfurcht, ohne diesen Respekt, die immer auch respektvolle Erinnerung mit einschließt, keine Zukunft, „kein Land“, in dem sich gut wohnen lässt.

Mein dritter Text ist die Begegnung zwischen der jungen Maria und der betagten Elisabeth. „Und Maria machte sich auf…und ging eilends in das Gebirge  zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe…“ (Luk 1, 39ff) Das junge Mädchen und die alte, scheinbar unfruchtbare alte Frau erleben – gewissermaßen generationenübergreifend – gemeinsam, zu welch generativen Kraft sie fähig sind. Genauer: welche nie für möglich gehaltenen Möglichkeiten Gott ihnen beiden, der jungen wie der alten Frau eröffnet – und was ein bloßer Gruß, eine schlichte von Herzen kommende Freundlichkeit beim Anderen auslösen kann. Ein für mich nicht unerheblicher Nebenaspekt dieser theologisch tiefgründigen Geschichte.

In diesem Textzusammenhang steht übrigens auch die schöne Verheißung aus dem Propheten Maleachi, dass Gott „die Herzen der Väter zu den Kindern bekehren wird“.  (Maleachi 3, 24) Es ist die sozusagen umgekehrte Perspektive zum 4. Gebot: „von den Vätern (und Müttern!) zu den Kindern!“.

Diese drei biblischen Assoziationen will ich einfach mal so stehen lassen, weil sie viel aussagen zum biblischen Verständnis von Alter.

2. Der Wandel im Verständnis des Alters

Den Wandel im Verständnis von Alter ich an den Erfahrungen und Sichtweisen meiner Generation festmachen, der berühmt-berüchtigten 68-er Generation. Unser Verhältnis zu den Alten war damals, so sehe ich es heute, ein problematisches. Unsere „Alten“, unsere Väter und Großväter waren die Kriegsgeneration, die es verdient hatte, weniger (im Sinne des 4. Gebots) geehrt, respektiert, als vielmehr kritisch und argwöhnisch betrachtet zu werden. Jedenfalls klang das so in allgemeinen Statements – unabhängig davon, wie das persönliche Verhältnis zu seinem Vater ausgesehen hat.

Die Alten – das war für große Teile der Jungen zu jener Zeit die unselige Vergangenheit, die es kritisch zu bewältigen galt. Das Alter stand demnach nicht hoch im Kurs. Es hatte – wenn ich mich an unsere Gefühle von damals erinnere -die Ausstrahlung von Rückständigkeit.

Man muss immerhin bedenken: Diese „Alten“, von denen hier die Rede ist, waren – nach heutiger Einschätzung – noch gar nicht so alt. Anfang/Mitte 50 waren sie. Aber die kritische, auf Ablösung von diesen Alten und ihrer Weltanschauung bedachte Haltung hat sich – behaupte ich – auf das Verständnis von Alter und „alter Mensch“ überhaupt übertragen. Im besten Fall waren die Alten, wenn sie sich nicht mehr selber helfen konnten, zu versorgen. Ansonsten gehörten sie jenseits der 60 zu „alten Eisen“, zu den Auslaufmodellen. Die Demontage der alten Architektur in vielen Städten nach dem Krieg  – in Westdeutschland wurde dabei an alter Bausubstanz mehr zerstört,  als die Bomben der Alliierten zerstören konnten, ist auch symptomatisch für die Bedeutung, die man dem Alten überhaupt zukommen lassen wollte.

Auch eine Art und Weise, mit dem Alten regelrecht aufzuräumen.

Die Alten sollten endlich von den – wie man auch sagte – unbelasteten Jungen, den Nachgeborenen – abgelöst werden. Viele  der aus der älteren Generation – dieser Verdacht war latent immer vorhanden –trauern insgeheim doch einer dieser vergangene Zeit nach und hatten sich noch längst nicht vom nationalsozialistischen Gedankengut losgesagt.

„Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“ war eine Parole, die als eine Art Leitmotiv die Einstellung zum Alter und zu den Alten sicher eher unbewusst zum Ausdruck brachte.  Alexander Mitscherlichs Buch „Die vaterlose Gesellschaft“ hat gleichzeitig den Verlust formuliert, der damit gegeben war: Die Generation der Väter und Großväter waren aufgrund ihrer Vergangenheit im Grunde keine „väterliche“ Autorität mehr, sie waren gewissermaßen vorbelastet und hatten uns – mit ganz wenigen Ausnahmen – eigentlich nichts mehr zu sagen.

Diese Reaktionsmuster waren verständlich und ungerecht zugleich. Aber der Zeitgeist richtet sich nicht nach solchen Kategorien. Das einzige, was die 68 –er von ihrer Vorläufer-Generation verlangte war: sie sollte abtreten.

Ich registriere mit einiger Aufmerksamkeit, dass diese mit sachlicher Kritik und emotional gesteuerter Empörung vermischte Haltung unter ganz anderen Vorzeichen und in ganz anderer Färbung wieder wahrzunehmen ist: Die „Rentnerdemokratie“, oder die „Macht der Alten“ (wie BILD vor kurzem titelte) – das sind die neuen Schlagworte, die suggerieren sollen: den „armen“ Jungen, die nur mit Mühe ihr Auskommen haben, werden die wegen Rente und Pflege immer teureren Alten wie eine schier unerträgliche Last auf die ohnehin schwachen Schultern gelegt. „Wir Jungen balgen uns um die knappen Arbeitsplätze – und ihr Alten macht derweilen Urlaub auf Mallorca und reist um die halbe Welt. Und wir müssen euch das alles finanzieren. Und wenn wir einmal alt sein werden, gibt es niemanden mehr, der uns versorgt.“ 

Das ist die gewiss überzeichnete Gefühlslage, die es  - was die Einstellung zum Alter und zu den alten Menschen betrifft – auch gibt in unserer Republik. Ich behaupte mehr gibt, als die einzelnen zugeben würden. Auch wenn es stimmt, das sich in der Altersgruppe der über 60-Jährigen noch nie soviel Vermögen angesammelt hat wie gegenwärtig, die Verteilung dieses Vermögen ist freilich so, dass die Prognose einer bald auf uns zukommenden dramatischen Altersarmut (v.a. unter den jetzigen Hartz IV Empfängern) sehr ernst genommen werden muss.

Auf jeden Fall: Es ist hilfreich um frühere Einschätzungen des Alters und der Alten zu wissen, auch um die – wie gesehen – sehr ambivalenten und widersprüchlichen Reaktionsmuster auf den sog. „demographischen Wandel“ nicht zu blauäugig zu diskutieren. Ich nehme jedenfalls wahr, dass sich das Verständnis von Alter in den letzten 30 Jahren deutlich verändert hat. Die höhere Lebenserwartung und damit die Verlängerung gesundheitlicher Kraft hat auch Folgen auch für den Übergang von der Berufsphase in den sog. Ruhestand. „Warum jetzt schon mit 65 – wo ich doch noch so fit und leistungsfähig bin?“ Das ist die eine Reaktion, vor allem derer, die sich mit dem Ruhestand eher “zur Ruhe gestellt“ fühlen. Die andere heißt: „Gottseidank bin ich nach der anstrengenden Berufsphase noch gesund genug, um etwas ganz Anderes zu tun, was bisher wegen der beruflichen Inanspruchnahme nicht möglich war.“

Auf jeden Fall ist das Ideal  - von der Werbung kräftig unterstützt – der  oder die  jugendliche „Alte“. Wer diesem Ideal nicht entspricht, läuft Gefahr out zu sein, bestenfalls mit Bedauern und etwas Mitleid bedacht zu werden.

Das Eigenschaftswort „alt“ scheint aus dieser Perspektive dann erst zu Beginn einer nach Kindheit, Beruf und gesundem Rentnerdasein in der 4. Lebensphase zu liegen, einer Phase, für die im Grunde der Begriff „Alter“ angemessen ist, weil erst in dieser Phase für die meisten die gesundheitlichen Belastungen deutlich zunehmen.

Wenn man nicht mehr laufen kann, wenn man sich nicht mehr selber helfen, nicht mehr selbst den Ablauf eines Tages bestimmen kann, ja dann ist man wirklich alt.

3. Die Angst im Alter: "...denn morgen sind wir tot.“

Der von den evangelischen und katholischen Bischöfen beklagte Gesundheitswahn und Körperkult ist, hat – so scheint es  - schon längst die jungen Alten ergriffen und scheint zum zentralen Lebensinhalt geworden zu sein. Gesteuert wird dieses in unserer Gesellschaft deutlich dominierende Verständnis des Alters von dem Gefühl, als wäre Leben ein von Stufe zu Stufe fortschreitender Prozess und auf Dauer, also ununterbrochen steigerungsfähig. Und wo das nicht gelingt – und hier wir dieses Verständnis zur Ideologie – hat man nicht richtig gelebt oder muss sich und anderen Vorwürfe machen.

Bestimmend ist dann nicht selten das Gefühl, vielleicht etwas oder sogar viel zu versäumen, ein Gefühl, das die Werbung mit entsprechenden Verheißungen gezielt abruft.

„Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“ (1 Kor 15, 32) Paulus unterstellt diese Lebenshaltung seinen Korinthern, weil sie nicht die Grenze von Leben und das Leben jenseits dieser Grenze sehen und glauben wollen. Dieser Lebenshaltung liegt – das behauptet Paulus mit diesem Zitat – unbewusst ein panisches Grundgefühl, man könnte auch sagen: eine Grundangst zu Grunde: „denn morgen sind wir tot..“

Ich plädiere dafür, für das Alter und den Alterungsprozess ein Verständnis zu finden, das Gewinn und Verlust, Fortschreiten und nicht auszuschließender Rückschritt zusammen zu denken und im Verarbeiten und Meditieren von beidem als alter und älter werdender Mensch so etwas wie eine Reife des Alters und des Alterns zu erreichen. Dahinter steht die Grundüberzeugung des christlichen Glaubens, die gerade im Alter ihre ganz eigene Bedeutung erlangt, dass nämlich nur im Bewusstsein der Grenze, im Bewusstsein der Begrenztheit der Ressourcen, auch der Ressourcen meiner Gesundheit, meiner Möglichkeiten überhaupt, menschliches Leben in seiner Tiefe, wir könnten auch sagen: in seiner Fülle erfahrbar wird. „Dass sie das Leben und volle Genüge haben sollen“ (Joh 10, 10) ist die Verheißung, die Jesus seinen Jüngern und uns gibt.

Aber diese Verheißung, wenn sie denn wirklich auf Leben „in voller Genüge“ und nicht nur auf Gesundheit zielt, muss sich verbinden mit der biblischen Bitte und Einsicht: „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Ps 90, 12) Das Leben in seinen mir geschenkten Möglichkeiten ausschöpfen, freilich nicht nur für mich „privat“, sondern auch für andere und am besten mit anderen zusammen und die nüchterne, die kluge Einsicht in Grenze und Verlust, in Abschied und Abnehmen der Kräfte und Möglichkeiten sind die zwei zusammengehörenden Seiten des biblischen Menschenbilds. Das zu verstehen und einzuüben wird gerade uns älter werdenden Menschen zugetraut und zugemutet.

Dies zu vermitteln ist die zentrale Aufgabe kirchlicher Verkündigung und kirchlicher Altenarbeit, also auch der LAGES, in welchen Formen auch immer. Es ist, wenn ich so sagen darf, eine doppelte Front, mit der wir uns da – immer uns selbst mit einbeziehend – zu tun haben. Einmal gegen eine Geringschätzung des Alters und der Möglichkeiten des älteren Menschen, seine Begabung weiter zu nutzen und zu entwickeln und vielleicht ganz neue Möglichkeiten bei sich wahrzunehmen. Und zum anderen gegen eine Überschätzung dieser Möglichkeiten und gegen eine Geringschätzung eben jener Grenze, auch der uns wohltuenden Grenzen, in denen wir  Leben erst als kostbares Leben, als Leben auf Zeit wahrnehmen, es aber dabei erst in seiner ganzen Fülle wahrnehmen können. In einer Zeit, in der alles scheinbar auf ewig gespeichert und immer wieder wiederholt werden kann, ist es geradezu eine Provokation zu begreifen, dass das mit dem eigenen, von Gott aus dem Nichts hervorgebrachten Leben, also mit meinem Leben nicht geht. Gerade dadurch behält mein Leben seine Einmaligkeit und Besonderheit.

Mit dem Alten, auch dem noch einigermaßen gesunden Alten darüber nach zu denken und gerade an dieser Stelle geistliche Aufklärung zu betreiben und damit Trost und Hilfe zu vermitteln,  halte ich für eine seelsorgerliche Herausforderung erster Ordnung. 

Noch nie hatten Menschen soviel Zeit, jenseits ihrer Berufsphase über diese Dimension des Menschlichen so lange und - befreit von beruflicher Beanspruchung -  so intensiv nachzudenken. Dafür von Seiten der Kirche durch Verkündigung, durch kulturelle Angebote, v.a. durch die Kirchenmusik Hilfen anzubieten, ist eine Chance und Aufgabe, der wir uns nicht entziehen können.

In dieser Hinsicht werden die auf Grund der demographischen Entwicklung zahlenmäßig zunehmenden Alten zu einem Faktor, deren Auswirkung für unsere Gesellschaft, insbesondere für unsere Kirche noch längst nicht wahrgenommen, geschweige denn genutzt wird.

Ich möchte in aller Kürze zum Schluss 7 Punkte nennen, wo die Alten, die Senioren und damit kirchliches Handeln im Bereich der Seniorenarbeit an Bedeutung gewinnt und gefordert ist. Wobei ich in diesem Fall Seniorenarbeit verstehe als Arbeit mit und für Senioren als auch – das ist nicht so gebräuchlich – als eine Arbeit, die von den Senioren selbst ausgeht und anderen, zuerst aber ihnen selbst zugute kommt und die zu unterstützen, zu motivieren und zu begleiten ein wichtiger Zweig kirchlicher Seniorenarbeit werden wird.

  1. Die Lebenserfahrung, die Senioren einzubringen haben, ist eine nicht zu überschätzende Ressource für unsere Kirche und für unsere Gesellschaft. Hier erfüllt sich das 4. Gebot auf eine Weise, die jede Generation neu für sich überlegen muss. Das Beispiel der 68-er - das sage ich durchaus selbstkritisch - ist hier nicht unbedingt stilbildend.
  2. Der soziale Kontext, in der alte Menschen leben, wird eine noch größere Rolle spielen, v.a. der von ihnen selbst organisierte und gepflegte soziale Kontext. Dazu bedarf es der Vorbereitung schon in jüngeren Jahren. Der Aufbau und die Pflege von Beziehungen, über die eigene Familie hinaus, ist eine Vorsorge, die anzuregen auch eine Aufgabe von Kirche sein könnte. Wie wird die Generation der älter werdenden Singles im Alter leben? Wie wollen alte Menschen überhaupt wohnen? Mit wem wollen sie zusammen wohnen?
  3. Stichwort Ehrenamt. Viel zu lange war die Vorstellung beherrschend, dass der Mensch schon jenseits der 40 oder 50 in der Berufsperspektive ein Auslaufmodell sei. Diese Einstellung ist in der harten beruflichen und betrieblichen Wirklichkeit dominierender, als es die schönen Betriebsleitbilder vermuten lassen. Vorzeitig aus dem beruflichen Verkehr gezogen zu werden, ist eine Angst, die nicht unwesentlich die Einstellung zum Alter mit beeinflusst. Wer verbittert aus dem Berufsleben ausscheiden muss, kompensiert das nicht so schnell durch ein ehrenamtliches Engagement. Hier Brücken zu bauen, Einladungen auszusprechen, Menschen mit ihren Begabungen und ihrer Bereitschaft zur Mitarbeit aufzusuchen und ihnen etwas zutrauen, vor allem auch Verantwortung zuzutrauen und sie für bestimmte Arbeitsbereiche auszubilden, wird in Zukunft zentrale Aufgabe leitender Ämter in unserer Kirche, vor allem der Pfarrerinnen und Pfarrer sein müssen. Neben dem Fundraising in Sachen Finanzen wird es genauso verstärkt ein Fundraising für ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, gerade unter den Älteren geben müssen. Wobei – ganz nebenbei gesagt - das Ehrenamt nicht einfach als eine Fortsetzung der alten Berufsrolle in anderer Umgebung verstanden werden darf.
  4. Untersuchungen der Altersforschung haben festgestellt, dass die Persönlichkeit des älteren Menschen – anders als vielleicht vermutet – in ihrer Gesamtbefindlichkeit sich kaum verändert. Der ältere Mensch sei im Allgemeinen eher gelassener und in seinem Verhalten seinen Mitmenschen großzügiger, und das in vielerlei Hinsicht. Eine Erfahrung, die für das Miteinander der Generationen von unschätzbarem Wert ist. Das Beispiel der besonderen Beziehung von Großeltern und Enkeln macht das deutlich. Diese Großzügigkeit und Entspanntheit ist gerade mit dadurch möglich, dass diese Altersgruppe nicht mehr dem unmittelbaren Druck von Verantwortung ausgesetzt ist. Größere Verträglichkeit, größere Versöhnungsbereitschaft bei den Älteren – so das Ergebnis dieser Untersuchungen – sind bei älteren Menschen ausgeprägter vorhanden. Gerade weil sie die Anstrengungen für das Erreichen bestimmter Ziele hinter sich hätten, könnten sie besser umgehen mit belastenden Erfahrungen. Kirche und Gesellschaft wären also töricht, würden sie diese besonderen „Ressourcen“ älterer Menschen nicht nutzen. Es gerade diese Weisheit des Alters, die Kirche und Gesellschaft dringend brauchen. Gleichzeitig sind solche Untersuchungen auch dazu angetan, Vorurteile, auch gewisse Horrorszenarien im Blick auf das Alter zu relativieren.Wir sagten vorher, dass das Alter nicht nur ein Fortschreiten von einer Stufe zur nächsten sei. Freilich kommt auch der ältere Mensch nicht ohne Ziele aus.  
  5. Aber sie sind nicht mehr – und das hängt mit der diagnostizierten Großzügigkeit zusammen -, diese Ziele sind nicht mehr vom Erfolg um jeden Preis diktiert. Es gehört zur Einsicht des alten Menschen, dass die Ziele, oft schneller als im jugendlicheren Dasein, von gesundheitlichen Irritationen oder Einbrüchen über den Haufen geworfen werden können. Was Erfolg eigentlich heißt – im Alter das für sich zu definieren, im jeweiligen Kontext, ist keine leichte Aufgabe, vor allem dann nicht, wenn früher in der Firma die Erfolgskriterien, an die man sich zu halten hatte, klar formuliert waren. Im Alter sind die Ziele bei aller notwendigen Klarheit schneller zu verändern, oft schneller als man denkt.
  6. Altersforscher sprechen von der bisher unterschätzten Veränderbarkeit des Alterns, und Trainierbarkeit von Fähigkeiten, besonders geistigen Fähigkeiten. Es ist etwas anderes als Gesundheitswahn, wenn Menschen gerade im Alter versuchen, ihre Begabung auszuleben, dabei auch an die Grenzen ihrer Möglichkeiten zu gehen, aber diese Grenze dann auch erkennen. Und die Erfahrung: 75 Minuten Gehirnjogging in der Woche hilft wirklich, könnte ja auch dahin führen, den eigenen Körper als Aufgabe zu sehen und keinen Raubbau mit ihm zu betreiben. Wenn unser Körper „ein Tempel des Heiligen Geist“ ist (1. Kor 6, 10) , dann ist eine ethische Aufgabe, sich um seinen Körper zu kümmern und für ihn zu sorgen…

In der praktischen Konsequenz könnte das heißen:

  1. Größere Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Einrichtungsdiakonie, gerade im Bereich der ambulanten Hilfe.
  2. Begleitung der Pflegekräfte, auch als seelsorgerliche Begleitung. Auch und vor allem die Begleitung der Frauen, die als Töchter und Schwiegertöchter ihre Eltern und Schwieger Eltern pflegen..
  3. Das Mehrgenerationenhaus als eine besondere Form des Zusammenlebens der Generationen gestalten
  4. Hospizarbeit: Begleitung von Sterbenden als ein Prozess des Lebens begreifen;
  5. politische Stimme für die Betroffenen zu sein .

Fazit: Ziel muss es sein, dem Alter eine eigene Würde zu geben und ihm seine eigene Würde zu lassen. Zu dieser Würde gehört, die großen Chancen, aber auch die eingeschränkten Möglichkeiten, auch die bittere Erfahrung abnehmender Lebenszeit gelten zu lassen. Es geht darum,  die Erfahrung von Verlust und Scheitern soweit es irgend geht, zu integrieren. Nicht zuletzt deswegen, damit sich im Alter keine Lebenslügen aufbauen. Es gehört zur Weisheit des Alters, nicht unbedingt sein Leben als eine Erfolgsgeschichte sehen und darstellen zu müssen. Andererseits gilt es, das Alter nicht nur und vor allem als gegenüber der früheren Lebensphasen als defizitär zu betrachten und zu erleben. Die Bibel macht uns Mut, zu dieser nüchtern – differenzierten und verheißungsvollen Sicht des Alters und des älter werdenden Menschen zu gelangen.

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