Wer Menschen in einem Altenheim seelsorglich begleitet, hat es zumeist direkt oder indirekt mit den beiden Institutionen Diakonie und Kirche zu tun.
Sei es, dass der Träger des Altenheims zum Diakonischen Werk Württemberg gehört oder dass die Seelsorge im Altenheim von einer Kirchengemeinde getragen wird. Manchmal trifft sogar beides zu. Für hauptamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger ist zumeist die Landeskirche oder ein Kirchenbezirk Anstellungsträger.
Im Alltag des seelsorglichen Dienstes begegnen diese Institutionen in ihren regionalen und örtlichen Ausprägungen und werden durch bestimmte Personen, etwa den Gemeindepfarrer oder die Pflegedienstleitung, repräsentiert.
Kirche und Diakonie schaffen Rahmenbedingungen für die Seelsorge im Altenheim und sind in ihrem Auftrag aufeinander bezogen. Wer sich haupt- oder ehrenamtlich in der Seelsorge engagiert, nimmt mit seinem Engagement immer auch an der Verwirklichung dieses Auftrags teil. Umso wichtiger ist es, sich vor Augen zu führen, worin er besteht und wie sich beide Institutionen selbst sehen. Wofür stehen Kirche und Diakonie? Welche Motivation bestimmt sie?
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In der Kirche gewinnt die Gemeinschaft der Menschen Gestalt, die an Jesus Christus glauben. Silke Heckmann / Antje Fetzer |
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In ihrem Zentrum steht das Evangelium von Jesus Christus, das verkündigt und von der Gemeinschaft in Wort und Tat weitergegeben wird.
Christen bezeugen die Botschaft vom liebenden Gott, der sich den Menschen als Schöpfer, Erlöser und Tröster zuwendet. Die Größe Gottes wird für Menschen fassbar durch das Bekenntnis zum dreieinigen Gott: Gott ist uns nahe als Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Gott, der Vater, hat die Welt geschaffen und alles, was darin lebt: Menschen, Tiere und Pflanzen. Den Menschen, Mann und Frau, hat Gott zu seinem Ebenbild gemacht. In dieser engen Beziehung zu Gott ist unsere besondere, unverlierbare Würde begründet. Wir sind Gottes Ebenbild und erkennen in anderen Menschen Gott wieder. Deshalb achten wir einander.
Gott, der Sohn, hat die Welt erlöst: In Jesus Christus kam Gott als Mensch zur Welt. Er war den Begrenzungen und Schwierigkeiten des menschlichen Lebens ausgesetzt und starb einen ungerechten Tod am Kreuz. Er blieb jedoch nicht im Tod, sondern hat in seiner Auferstehung für uns alle das Tor zum ewigen Leben geöffnet. Während seines irdischen Lebens forderte er in Wort und Tat zur Nächstenliebe auf.
Gott, der Heilige Geist, hat zuerst die Jünger getröstet, als sie nach Jesu Himmelfahrt scheinbar gottverlassen auf der Erde zurückgeblieben waren. Er lässt auch uns heute die Gegenwart Gottes spüren. Manchmal fragen wir uns, warum Gott in einer bestimmten Situation nicht eingreift. Es ist schmerzlich zu erkennen, dass wir über Gott nicht verfügen können. Der Heilige Geist hilft uns dabei, diese Spannung auszuhalten und offen zu bleiben für Gottes Wirken.
Die Erfahrung mit Gott, dem Schöpfer, Erlöser und Tröster bleibt nicht ohne Wirkung auf den Alltag. Wo Menschen von der Nachfolge Jesu Christi erfüllt sind, prägt Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe ihr Miteinander. Wo sie sich als Geschöpfe Gottes verstehen, begegnen sie einander mit Respekt und Einfühlungsvermögen.
Christlicher Glaube ist deshalb keine rein geistige Angelegenheit, sondern zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen einander unterstützen und in Notsituationen beistehen.
Praktische Nächstenliebe, wie sie im diakonischen Handeln zum Ausdruck kommt, hat immer eine doppelte Motivation: Zum einen geschieht sie aus Barmherzigkeit, zum anderen tritt sie für Gerechtigkeit und die Aufhebung von bedrückenden Zuständen ein. In beiderlei Hinsicht vermittelt sie einen Vorgeschmack auf das Reich Gottes, das schon angebrochen, aber noch nicht vollendet ist (Lk 10,8-11).
In der praktischen Nächstenliebe, sei es in kleinen willkommenen Hilfsdiensten, Besuchen oder der Bereitschaft, aufmerksam zuzuhören, erweisen wir einander Achtung. Die Nächstenliebe weist aber auch über das irdische Leben hinaus auf Gottes Reich, in dem Leid und Ausgrenzung überwunden sein werden.
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Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. |
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Wer im Horizont des christlichen Glaubens handelt, ist nicht auf diese Welt beschränkt. Er orientiert sich in seiner Hoffnung über den Tod hinaus und traut der Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde (Off 21,1-4).
Jesus selbst hat durch sein Leben gezeigt, wie unmittelbar Glaube und Handeln zusammenhängen. Er hat soziale Barrieren überwunden, mit Zöllnern und Prostituierten gegessen und Unberührbare wieder in die Gemeinschaft integriert. In seinen Gleichnissen vom Barmherzigen Samariter (Lk 10, 29-37) und vom Weltgericht (Mt 25, 31-46) stellt er vor Augen, was Nächstenliebe ausmacht: das Achthaben auf die Bedürfnisse der Mitmenschen ohne Ansehen der Person.
In der Diakonie (griech. diakonia: Dienst) mit ihren Einrichtungen und Angeboten findet die Zuwendung zum Nächsten, die für den christlichen Glauben zentral ist, eine organisatorische Gestalt.
Kirche und Diakonie sind Institutionen, in denen Menschen von heute ihr gemeinsames Glauben und Handeln organisieren. In erster Linie jedoch sind sie die von Jesus Christus berufene und gestiftete Gemeinschaft von Menschen, die ihrem Glauben in Gebet, Wort und Tat Ausdruck verleihen. So ist alles diakonische und kirchliche Handeln in seinem Wesen ein spirituelles Geschehen, weil es dem Geist Gottes Raum öffnen will und alle Menschen als gleichermaßen von Gott geschaffen versteht. Es gibt kein einseitiges Gefälle zwischen Menschen, die Hilfe geben, und solchen, die Hilfe empfangen, sondern im spirituellen Geschehen vollzieht sich ein gegenseitiges Geben und Nehmen.
Der Auftrag von Diakonie und Kirche liegt darin, in unserer Zeit zu bezeugen und zu gestalten, dass Jesus Christus selbst sich im Schwachen und Bedürftigen Gestalt gibt.
Die Evangelische Landeskirche in Württemberg und das Diakonische Werk Württemberg haben Grundlinien formuliert, wie sie ihren Auftrag heute verstehen und umsetzen wollen:
In ihren Jahresberichten beschreibt die Evangelische Landeskirche das landeskirchliche Profil in fünf Dimensionen. Diese werden als einander durchdringende Bereiche verstanden:
Jede dieser Dimensionen berührt Motive und Interessen, aus denen heraus sich Menschen im Altenheim seelsorglich engagieren.
Damit ist die Seelsorge im Altenheim eingebunden in einen weiten Horizont kirchlich-diakonischer Tätigkeit und Spiritualität. Die Seelsorgerinnen und Seelsorger vor Ort setzen den Auftrag von Kirche und Diakonie in ihrer Person und in ihrer Arbeit um. Sie haben an diesem Geschehen Teil, unabhängig davon, ob sie sich in Übereinstimmung mit den Institutionen sehen oder in kritischer Distanz zu ihnen stehen. Denn auch eine kritische Distanz kann den Blick für den eigentlichen Auftrag schärfen und so die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit schließen helfen.
Das Leitbild des Diakonischen Werks Württemberg ist ein Verbandsleitbild und drückt damit Verpflichtung und Wertekonsens aller im Verband zusammengeschlossenen Träger diakonischer Arbeit aus. Das Leitbild steht unter dem Motto „Zuerst der Mensch“. Damit ist gleichzeitig Ziel und Herausforderung für die Arbeit der Diakonie genannt. Im Leitbild wird in zehn Thesen dargelegt, wie dieses Motto bezogen auf Grundlagen, Aufgaben, Handlungsfelder und Herausforderungen verstanden wird:
Das Leitbild des Diakonischen Werks und die fünf Dimensionen kirchlichen Handelns zeigen den inneren Zusammenhang von Diakonie und Kirche. Beide setzen sich in ihrem Tätigkeitsfeld für die Umsetzung von Gottes Auftrag ein.
Seelsorgerinnen und Seelsorger im Altenheim haben Teil am Auftrag von Kirche und Diakonie und lassen ihn vor Ort konkret werden. Sie haben aber auch Teil an der Verheißung, dass Jesus Christus mit ihnen sein und seinen Segen geben wird.
Das Leitbild des Diakonischen Werks und die fünf Dimensionen kirchlichen Handelns laden zum Dialog über diesen Auftrag und seine Verheißung ein.
Silke Heckmann / Antje Fetzer, in: Evangelische Landeskirche in Württemberg / Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg e.V. (Hrsg.) V.i.S.d.P. Dr. Antje Fetzer, Ich will euch tragen. Handbuch, Arbeitshilfe für die Seelsorge in der Altenpflege, 2006, S. 25-29.