
Warten – das passt nicht so richtig hinein in unsere ausgefüllte Zeit, in der sich ein Termin an den anderen reiht und ein Leben ohne Handy und Laptop kaum noch vorstellbar ist. Warten – das passt schon gar nicht in diese vorweihnachtliche Zeit, die dichter ist als sonst, weil zum normalen Alltag auch noch die Vorbereitungen auf Weihnachten kommen und im Tagesgeschäft untergebracht werden müssen. Warten - das hat etwas Widerborstiges. Es durchbricht den Fluss der Zeit.
Und dennoch: Es warten viele. Gerade auch in diesen vorweihnachtlichen Tagen des Advents. Allen voran die Kinder. Aber auch andere warten. Sie warten darauf, dass sie besucht werden. Oder auf ein gutes Wort, ein versöhnendes, damit es Weihnachten werden kann. Oder ein tröstendes, weil sie einen Menschen verloren haben, den sie geliebt haben und der ihnen gerade jetzt fehlt.
Ein vielfältiges Warten mitten unter uns. Auch die Bibel weiß darum. Lukas, der Evangelist, erzählt davon in der Geschichte des alten Simeon. Er wartet schon lange. Alt ist er dabei geworden. Er wartet auf den Messias. Den Heiland Israels. Und sein Warten wird erfüllt:
„Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen!“ (Lukas 2,29).
Im Glauben eröffnet sich eine andere Zeit. Deshalb können Menschen warten, hoffen, oder wie Luther übersetzt: sie können harren. Ein altes Wort, das nichts eingebüßt hat von seiner Spannkraft und Dynamik. Harren - wenn Luther dieses alte Wort gebraucht, dann geht es um diese Spannkraft, die mein Leben und Handeln ganz aktiv bestimmt. Der alte Simeon hatte von dieser Kraft. So hielt seine Erwartung durch bis zu ihrer Erfüllung, die er in dem Kind Jesus erkannte.
In der Spannkraft des Glaubens tut sich adventliche Zeit auf. Und das verändert auch die Gegenwart. Denn die Zeit ist nicht nur der natürliche, schicksalhafte Ablauf zum Tode, der alles Leben bestimmt. „Das Himmelreich ist mitten unter euch“, verkündigt Jesus. Und er will damit sagen: Gottes Herrschaft bricht an in der Welt unter den Menschen und sie verändert Zeit und Welt ¹.
Warten auf Weihnachten. Gott schenkt uns Zeit, indem er selbst in die Zeit kommt, zeitlich wird und der Zeit ein anderes Gesicht gibt. Ein Gesicht des Erbarmens. Die unerbittlich ablaufende Zeit, die gerade auch in diesen Tagen der Vorbereitungen auf Weihnachten mit den tausend Erledigungen und Einkäufen von vielen so empfinden wird – obgleich es ja die schönste Zeit des Jahres ist – diese Zeit wird gnädig umhüllt. In einem kleinen Kind. „Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein, er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein“. Auf diesen Gott warten wir. Auf den Gott, der der Zeit ein menschliches Antlitz gibt. Die Zeit muss nicht ausverkauft werden. Es ist genügend Zeit da. Aus der Ewigkeit geschöpft. Barmherzige Zeit. Zeit der Liebe. Zeit zum Sein-Können. Zeit, loslassen zu dürfen. Zeit, sich unterbrechen zu lassen vom bedrängenden Takt der Zeiten. Zeit zum Warten. Darauf dürfen wir uns verlassen. Ganz gewiss. So gewiss, wie Simeon sich verlassen hat auf Gottes Zusage. Und so gewiss, wie Weihnachten auf uns zukommt.
Warten als heilsame Unterbrechung von Gott her. Das könnte doch eine Perspektive sein für diese Tage im Advent und – ich denke – auch darüber hinaus.
Von Pfarrer Reiner Zeyher, Stuttgart
¹Schneider-Flume, Gunda, Alter - Schicksal oder Gnade?