
„Rente mit 67: Unvermeidbar! Unzumutbar!“ Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich im aktuellen Bundestagswahlkampf die politische Diskussion. Während die einen die getroffene rentenpolitische Entscheidung der großen Koalition verteidigen, halten andere sie für einen totalen Irrweg.
Die Rente mit 67 ist der demographische Faktor, der angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft die Nachhaltigkeit des Rentensystems in der Bundesrepublik Deutschland sichern soll. Richtig dabei ist, dass pro Generation die Menschen vier Jahre länger leben und dass die Finanzierung dieses Mehr an Lebenszeit durch ein Weniger an Kindern der nachkommenden Generation nicht gedeckt ist. Richtig ist aber auch, dass eine Rente mit 67 bestimmten Berufsgruppen nicht zugemutet werden kann und die Erhöhung der Lebensarbeitszeit eine gewollte Rentenkürzung darstellt.
Über den aktuellen Wahlkampf hinaus muss eine auskömmliche Rente im Alter parteiübergreifend Ziel aller Sozialpolitik sein. Altersarmut ist keine Option, obgleich sie für viele alte Menschen schon längst Wirklichkeit geworden ist. Es mutet deshalb zynisch an, wenn Befürworter der Rente mit 67 argumentieren, dass z.B. ein Dachdecker durchaus früher in Rente gehen kann – aber mit Abschlägen, weil man vom Steuerzahler nicht verlangen könne, die Unfähigkeit der Tarifparteien auszugleichen, für solche Arbeiten hohe Löhne auszuhandeln.
Die Herausforderung für eine immer älter werdende Gesellschaft besteht aber nicht nur in der Sicherung einer auskömmlichen Rente für ihre Alten. In der Bibel heißt es im 5.Buch Mose: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des Herrn geht“ (5.Mose 8,3b). Neben der materiellen Absicherung im Alter und der Verhinderung von Altersarmut geht es in einer Gesellschaft des langen Lebens auch um die Wahrung eines Menschenbildes, das den Menschen in seiner Fragilität und Verletzlichkeit und seinem Angewiesensein auf Fremdhilfe bei Pflegebedürftigkeit ernst nimmt und zugleich sicherstellt, dass die grundsätzlich unverlierbare Würde jedes Menschen auch im Alter noch wahrgenommen und respektiert wird. Das christliche Menschenbild steht für eine Anthropologie, die damit ernst macht, dass sich die Würde des Menschen auf das ganze Menschsein in all seinen positiven wie negativen Erfahrungen bezieht.
Die AltenPflegeHeimSeelsorge lebt aus einer solchermaßen verstandenen Anthropologie. Sie setzt sich in der Gesellschaft ein für ein getrostes Altern angesichts von Pflegebedürftigkeit und der Angst, am Ende des Lebens nur noch nach Nützlichkeitserwägungen oder Kostengesichtspunkten beurteilt zu werden.
Das Ziel des Menschen ist nicht seine Verwendbarkeit. Sich dieses Grundwissens der Humanität zu erinnern, sind wir immer wieder neu herausgefordert – nicht nur in Zeiten des Wahlkampfs.
Pfarrer Reiner Zeyher, Stuttgart